Eine völlig neue Art der Kirchenbeleuchtung haben die Reichenauer Welterbestiftung und die Gemeinde in Zusammenarbeit mit der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) in diesem Winter getestet.

Mit eigens hierfür entwickelten Leuchten und mit möglichst wenig Licht wurden in diesem Probelauf von Mitte November bis 10. Januar an den drei romanischen Kirchen im Wechsel bestimmte Bauteile jeweils einige Stunden abends akzentuiert.

Bürgermeister Wolfgang Zoll (links) und Kulturchef Karl Wehrle.
Bürgermeister Wolfgang Zoll (links) und Kulturchef Karl Wehrle. | Bild: Zoch, Thomas

Ein überwiegend positives Fazit ziehen nun Bürgermeister Wolfgang Zoll und Kulturchef Karl Wehrle, die zugleich Aufsichtsrat und Vorsitzende der Stiftung sind, sowie der HTWG-Professor Bernd Jödicke, der das von Studenten erarbeitete Projekt leitete.

Auch Pirmin-Statue könnte beleuchtet werden

„Ich war insgesamt sehr angetan von diesem Probelauf“, so Zoll. „Ich fand es sehr moderat.“ Er würde gern diese sanfte Inszenierung des Weltkulturerbes fest etablieren. Der Grundgedanke des Konzepts sei es, die Kirchen eben nicht großflächig, hell und dauerhaft anzustrahlen, betont er.

Es gehe darum, sehr sensibel vorzugehen. Angedacht sei zudem, dann auch andere Objekte teilweise und zeitweise wiederkehrend sanft zu illuminieren. Als Beispiele nennt er die Pirmin-Statue am Inseleingang oder Teile der Hochwart.

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Was aus Naturschutzgründen hingegen nicht gehen werde, sei die Beleuchtung von Uferbereichen. Wehrle nennt zudem das historische Museum. Die Grundidee sei es, ein flexibles, periodisches System zu haben, um je nach Bedarf einzelne Objekte mit wenig Lichtverbrauch zu beleuchten.

Mit wenig Intensität viel Wirkung erzeugen

„Es geht uns um eine leichte Akzentuierung dieser wichtigen Elemente des Welterbes Klosterinsel Reichenau“, betont Wehrle. „Ich glaube schon, dass wir von der Philosophie her auf dem richtigen Weg sind. Es wäre ein zukunftsweisendes System zum Thema Beleuchtung historischer Objekte mit wenig Licht.“ Und Professor Jödicke erklärt: „Ich kenne deutschlandweit nichts, wo man mit so wenig Intensität und Einwirkung auf die Natur so eine Wirkung erzeugt hat.“

Zoll berichtet, dass die Reaktionen von Bürgern insgesamt positiv gewesen seien. „Ich selbst fand die Beleuchtung der St.-Georgs-Kirche am eindrucksvollsten.“ Dort war ein Teil der Südseite illuminiert. Dies sei von vielen als am besten angesehen worden, erklärt Zoll. Er selbst meine zudem, dass die gotischen Elemente beim Münster schön herausgearbeitet gewesen seien.

Mit vergleichsweise wenig Licht wird die Nordseite von St. Peter und Paul auf der Insel Reichenau beleuchtet. Ein Konzept, das auch an anderen Kirchen getestet wurde.
Mit vergleichsweise wenig Licht wird die Nordseite von St. Peter und Paul auf der Insel Reichenau beleuchtet. Ein Konzept, das auch an anderen Kirchen getestet wurde. | Bild: Zoch, Thomas

Einigen Bürgern sei es hier aber eher zu wenig Licht gewesen – ebenso bei den Türmen von St. Peter und Paul in Niederzell. Dort wiederum hätten Bürger die Beleuchtung der Südseite als sehr gelungen empfunden. Bei der Niederzeller Kirche wurden zudem zwei Straßenlaternen während der Beleuchtung ausgeschaltet, weil diese einen störenden zweiten Lichtkonzentrationspunkt produziert hätten.

Warme Farben zugunsten der Insekten

Eine kritische Stellungnahme hätten der Nabu, der BUND und die Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz gemeinsam abgegeben, berichtet Zoll. Diese hätten grundsätzliche Bedenken geäußert wegen der zusätzlichen Lichtemissionen. So forderten die Naturschützer, eine Abstrahlung ins Umfeld zu verhindern, Dunkelkorridore einzurichten und sich bei der Lichtfarbe im Orangespektrum zu bewegen, erklärt Zoll.

Die Farbtemperatur solle demnach gesenkt werden. Je mehr das Licht ins Blaue gehe, desto eher fühlten sich Insekten angezogen, so die Erklärung der Naturschützer. Zoll meint: „Ich denke, diese Forderungen lassen sich mit diesem Konzept verwirklichen.“ Es sei bei diesem Probelauf darum gegangen, Erfahrungen zu sammeln.

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Auch Wehrle betont, dass es natürlich noch kein endgültig fertiges Konzept sei. „Man muss noch an Stellschrauben drehen“, sagt er. Wehrle berichtet, die Rückmeldungen von Inselseelsorger Pater Stephan Vorwerk und auch aus der Pfarrgemeinde seien grundsätzlich positiv gewesen.

Schonender Umgang mit Licht

An dem Projekt haben seit einigen Jahren Studenten der HTWG aus den Fachbereichen Architektur, Elektrotechnik und Bauingenieurwesen unter der Leitung von Bernd Jödicke gearbeitet. Der Professor für Physik und Lichttechnik erklärt, es gehe hierbei um die Suffizienz, also wie viel Licht von Menschen als ausreichend empfunden wird, um einen Effekt zu erzeugen.

Der Ansatzpunkt sei dabei ein schonender Umgang mit Ressourcen, weniger Lichtverschmutzung und das Mitbedenken des Naturschutzes. „Wir nutzen aus, dass das menschliche Auge kein Messgerät ist. Man kann es im positiven Sinn beeinflussen. Wir erzeugen eine Wahrnehmung, wo der Mensch das Gefühl hat, es ist viel heller, als es tatsächlich ist“, erklärt Jödicke.

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Vor dem jetzigen Probelauf hatten er und Studenten im Dezember 2018 einen Test am Münster gemacht. Mit anderen Leuchten und verschiedenen Lichtstärken von 0,1 bis 30 Watt war damals der gotische Chor beleuchtet worden. So fanden sie heraus, was die niedrigste Intensität ist, bei der den Leuten der Anblick noch gefällt.

Mit dem Thema Suffizienz befasste sich die HTWG schon vor dem Reichenau-Projekt. „Es ist für uns ein Gewinn gewesen, dass Studierende das auf der Reichenau machen konnten“, so Jödicke. Und er versichert: „Wir bleiben an diesem hochspannenden Thema dran.“