Von einem großflächigen Plakat lächelt der Litzelstetter Landwirt Thomas Romer die Betrachter an. „Wir versorgen unser Land mit frischem Obst“ prangt in großen Lettern unter seinem Konterfei. Was im ersten Moment wie eine reine Image-Kampagne anmutet, ist mehr.

Neben Thomas Romer werden ab sofort noch weitere 19 Landwirte aus Baden-Württemberg auf die wichtige Versorungs-Aufgabe der Landwirte aufmerksam machen.
Neben Thomas Romer werden ab sofort noch weitere 19 Landwirte aus Baden-Württemberg auf die wichtige Versorungs-Aufgabe der Landwirte aufmerksam machen. | Bild: Scherrer, Aurelia

Das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) stellt bewusst den für die Versorgung der Bevölkerung wichtigen Berufszweig in den Mittelpunkt, der gerade im vergangenen Jahr durch das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ ins Kreuzfeuer harscher Kritiker geriet.

Aufklärungsarbeit wird geleistet

Das Ergebnis der Biodiversitäts-Diskussion war letztlich ausschlaggebend für die Kampagne, wie Peter Hauk, baden-württembergischer Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, gegenüber dem SÜDKURIER äußerte. Es sei festzustellen gewesen, dass sich Verbraucher und Erzeuger entfremdet hätten.

„Wissen ist ein Stück weit verloren gegangen“, so Hauk. Ziel der Kampagne sei, Aufklärungsarbeit zu leisten. Landwirtschaft – von großen Monokulturbetrieben abgesehen – sei eine „Voraussetzung für Artenvielfalt, Umwelt- und Klimaschutz.“ Die Zusammenhänge müsse man ein Stück weit verdeutlichen.

Das versuchen jetzt 20 Bauern und Genossenschaften, darunter auch die Reichenau-Gemüse eG, die für die Kampagne ausgewählt wurden. Neben der Plakataktion, für welche sie modelten, geben sie mittels Videos Einblick in ihre Arbeit.

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„Es sind authentische Landwirte, die für das stehen, was sie tun, die Vielfalt im Landbau betreiben und eine Leidenschaft für ihren Beruf, für die Umwelt und den See haben“, betonte Peter Hauk bei den Vor-Ort-Terminen auf der Reichenau und in Litzelstetten. Biodiversität und regionaler Lebensmittelanbau – beides sei wichtig.

Im Gespräch: Minister Peter Hauk und Felix Romer, der wahrscheinlich einmal den Litzelstetter Obstbaubetrieb übernehmen wird.
Im Gespräch: Minister Peter Hauk und Felix Romer, der wahrscheinlich einmal den Litzelstetter Obstbaubetrieb übernehmen wird. | Bild: Scherrer, Aurelia

„Corona war nicht geplant, aber es gab eine gewisse Reflexion in der Bevölkerung“, stellte er fest. Mehr Menschen seien auf die Idee gekommen, in Hofläden einzukaufen. Beim Direktabsatz ergebe sich die Möglichkeit, dass Verbraucher und Landwirte zum Austausch kämen.

Rücksicht auf Artenschutz

Dass vor der Sommerpause die Gesetzesnovelle Artenschutz verabschiedet werden soll, war auch ein Thema bei Hauks Tour am Bodensee. In Litzelstetten debattierten Verbands-Präsidenten, Kommunalpolitiker und Landwirte hinter verschlossenen Türen. Umweltminister Franz Untersteller habe signalisiert, berichtete Thomas Romer, dass es auch Regelungen für die Betriebe im Naturschutzgebiet Bodenseeufer geben werde, sodass diese mit Rücksicht auf den Artenschutz eine Zukunftsperspektive hätten.

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Artenschutz und ökonomisches Wirtschaften seien in Einklang zu bringen. Hier am Bodensee sei Landwirtschaft schon immer Bestandteil des Naturschutzgebietes gewesen, erläuterte Martin Wichmann vom Amt für Stadtplanung und Umwelt der Stadt Konstanz. Im Schulterschluss von Landwirten, Natur- und Umweltschutzverbänden und der Stadt Konstanz solle ein Pilotprojekt gestartet werden, stellte er in Aussicht.

Hierbei sollten die Landwirte zum einen die Biodiversität auf ihren Flächen weiterhin befördern, zum anderen gehe es um eine großräumige Biotopvernetzung „in Kombination mit einem vernünftigen Monitoring“. „Das Biodiversitätsstärkungsgesetz, das Landwirtschaft in den Schutzgebieten integriert“, sodass sie weiterarbeiten können, ist nach Ansicht von Peter Hauk „der richtige Weg“. Auf Landesebene ist er zuversichtlich, aber auf Bundesebene „hängt das Damoklesschwert darüber“.

Landwirtschaft ist wichtig für die Lebensmittelversorgung

Die Image- und Wissensvermittlungskampagne unterstützen zahlreiche Verbände aus gutem Grund. „Das Wissen um Natur und Landwirtschaft müssen wir stärken. Da gibt es Defizite“, stellte Werner Räpple, Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV), fest. Gleichzeitig gelte es, das Bewusstsein der Konsumenten zu schärfen, wie wesentlich die Lebensmittelversorgung im eigenen Land sei.

„Die Landwirtschaft brauchen wir zur Ernährungssicherung“, sagte er deutlich. Im Zuge der jüngsten Hamsterkäufe sei dieser Fakt erst einmal deutlich geworden, ebenso offenkundig der Aspekt, wie viele notwendige Produkte im Ausland produziert und nach Deutschland importiert würden.

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„Die einzige Chance ist, Zusammenhänge deutlich zu machen“, findet Hubert Hengge, Geschäftsführer des Maschinenrings Tettnang. Wichtig sei, deutlich zu machen, was Baden-Württemberg ausmache. Das Land lebe „nicht nur von der Diesel-Industrie; es ist die Vielfalt, die es ausmacht“, so Hengge.

Trotzdem reiche eine Kampagne allein nicht aus. „Wenn wir Landwirtschaft erhalten wollen, die den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht und zusätzliche Aufgaben, die mit Mehrkosten verbunden sind, leisten muss, dann braucht sie auch eine Honorierung ihrer Produkte“, so Räpple.

„Das Wissen um Natur und Landwirtschaft müssen wir stärken. Da gibt es Defizite“ – Werner Räpple, Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV)
„Das Wissen um Natur und Landwirtschaft müssen wir stärken. Da gibt es Defizite“ – Werner Räpple, Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV) | Bild: Scherrer, Aurelia

Die Frage der Finanzierung sei noch zu klären. Am besten gelänge dies mittels eines „ordentlichen“ Preises, meinte Roman Glaser, Präsident des Genossenschaftsverbands Baden-Württemberg (BWGV). „Das hat was mit Würde zu tun, denn die Landwirte wollen von dem leben, was sie erwirtschaften.“

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