Der jüngste Verein in der Gemeinde Reichenau wird bald schon wieder Geschichte sein. Denn der am 15. September 2015 gegründete Betreiber-Verein des Bürger-Busles in der Waldsiedlung wird sich auflösen. Das haben die zehn anwesenden von insgesamt 25 Mitgliedern einstimmig beschlossen in der Hauptversammlung im Tennis-Treff im Lindenbühl. Der Grund ist simpel: Der eigentliche Vereinszweck hat sich durch die zum Jahresanfang eingeführten neuen Buslinien 203 und 204 erledigt, wie Kassierer Karl-Heinz Drewniok und Bürgermeister Wolfgang Zoll erklärten.

Bei Gründung war Zukunft klar

Das Bürger-Busle war eingeführt worden als Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr, der nur noch aus Anrufsammeltaxis bestand, um die Waldsiedlung besser an den Bahnhof anzubinden. Die Vorsitzende Elisabeth Müller verwies darauf, dass schon bei der Gründung klar gewesen sei, dass der Verein bei einem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs wohl überflüssig wird.

Stillstand seit Corona

Die endgültige Vereinsauflösung soll zum 31. Dezember 2020 erfolgen, der Fahrbetrieb wird aber sofort eingestellt – oder genauer gesagt, nicht wieder aufgenommen. In den Schulferien verkehrte das Bürger-Busle ohnehin nie. Und wegen Corona fahre man schon seit dem Frühjahr nicht mehr, erklärte Drewniok, der zugleich einer der zuletzt sieben Fahrer war. Diese haben Arbeitsverträge auf 450-Euro-Basis, die nun gekündigt werden müssen. Auch sonst sei noch einiges zu erledigen. Hierfür hat die Versammlung als Liquidatoren den Vorstand in Zusammenarbeit mit Rudbert Böhler von der Gemeindeverwaltung bestimmt.

2015: Der Bürgerbus geht in Betrieb – mit dabei Klaus Tschinkel, Josef Müller, Elisabeth Müller, Wolfgang Zoll, Nicole Duru und Vize-Vorsitzende Kerstin Trenkelbach (von links).
2015: Der Bürgerbus geht in Betrieb – mit dabei Klaus Tschinkel, Josef Müller, Elisabeth Müller, Wolfgang Zoll, Nicole Duru und Vize-Vorsitzende Kerstin Trenkelbach (von links). | Bild: Zoch, Thomas

Bus ist technisch einwandfrei

Der Neunsitzer-Kleinbus werde sofort an die Gemeinde übergeben, der er ohnehin gehört. Der Bürgermeister sagte, der Bus werde weiterhin für besondere Einsätze etwa durch andere Vereine genutzt. Das vor fünf Jahren angeschaffte Gebrauchtfahrzeug sei zwar zunehmend reparaturanfällig, habe aber noch fast zwei Jahre TÜV. Nach der Auflösung geht auch das Vereinsvermögen laut Satzung an die Gemeinde, wobei Drewniok anmerkte, ein Vermögen gebe es gar nicht in dem Sinne.

Rest-Summe für gute Zwecke

Im Jahr 2019 habe man zwar einen Überschuss von 2686 Euro erwirtschaftet, doch der Betrieb des Busses wäre ohne den jährlichen Zuschuss der Gemeinde in Höhe von 10.000 Euro gar nicht möglich gewesen. Für die Fahrgäste waren die Fahrten kostenlos. Zoll sagte, das Geld, das der Verein am Ende übrig habe, werde die Gemeinde in jedem Fall für mildtätige und gemeinnützige Zwecke verwenden.

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Fast 6000 Reisende im Jahr 2019

Dabei lief das Angebot gut: Karl-Heinz Drewniok berichtete über ein erfolgreiches Jahr 2019. Es seien 5903 Personen befördert worden, 738 mehr als im Jahr davor. Vor allem im Herbst und Winter sei der Bus gut ausgelastet gewesen. Wobei er anmerkte: „Wir sind überwiegend ein Schülerbus gewesen. Erwachsene nahmen das Angebot selten an.“ Der Vorstand habe überlegt abzuwarten, was mit der Einführung der neuen Buslinien zum Jahresanfang passiere. Da es bei diesen Verbindungen nach Betriebsaufnahme massive Probleme gab, sei das anfangs fürs Bürger-Busle gut gelaufen. „Wir hatten mehr Arbeit als sonst“, blickt Drewniok zurück. Doch dann lief es allmählich besser mit den neuen Buslinien.

Wettstreit mit der Konkurrenz

„Teilweise fuhren wir hintereinander her und stritten uns um die Fahrgäste. Wir hatten weniger“, so Drewniok. Als der Verein dann wegen der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie den Betrieb eingestellt hatte, habe sich der Vorstand überlegt, ob der Verein das Angebot überhaupt weiter betreiben solle. Und alle Fahrer seien sich im Prinzip einig gewesen, ein Ende zu setzen. Hinzu komme, dass wegen Corona eigentlich weiterhin Einschränkungen gelten. So gebe es im Bürger-Busle keine Trennwand zum Fahrer, so Drewniok. Und wie solle man in einem Neunsitzer jeden zweiten Platz frei lassen. Zudem seien die Fahrer in einem fortgeschrittenen Alter und hätten mitunter auch gesundheitliche Probleme.

Drei Frauen legen den Grundstein

Die schlechte ÖPNV-Anbindung war für viele in der Waldsiedlung ein großes Thema Anfang der 2010er-Jahre. Für Verbesserungen setzten sich vor allem die Gemeinderätin Britta Sauer-Böhm (Freie Wähler) sowie die Bürgerinnen Elisabeth Müller, Nicole Duro und Kerstin Trenkelbach ein. Schließlich kam die Idee mit dem Bürgerbus auf. Zoll sagte, er könne sich noch gut daran erinnern, wie die Frauen in seinem Büro waren und sagte, man müsse was tun. Und dann sagten sie: „Wir tun was, wir gründen diesen Verein.“ Er danke allen Mitgliedern und Fahrern, sagte Zoll auf der Hauptversammlung.

Ein nachvollziehbarer Schritt

„Es war ein Beitrag zur Anbindung der Waldsiedlung an die Verkehrsströme“, so der Bürgermeister. Doch die Vereinsauflösung sei für ihn nachvollziehbar. „Der Gründungsauftrag ist erledigt. Die Notlage ist in den Hintergrund getreten.“ Ebenso reagierte Britta Sauer-Böhm: „Der Bürgerbus-Verein war eine ganz wichtige Einrichtung. Jetzt hat er sich überholt.“ Wobei sie hinzufügte: „Wenn es den Bürgerbus nicht gegeben hätte, hätten wir diese neuen Buslinien nicht.“

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