Im Gemüseanbau auf der Insel Reichenau vollzieht sich seit einigen Jahren ein stetiger Strukturwandel. Laut Gemüse-Genossenschaft hören immer wieder Gärtner mit kleineren Betrieben aus Altersgründen auf, weil Nachfolger fehlen, weil der bürokratische Aufwand zu viel wird oder weil sich Investitionen nicht mehr rentieren. Oft übernehmen dann jüngere Gärtner die Felder und Gewächshäuser, wodurch deren Betriebe wachsen.

So ist das auch bei Benjamin Wagner, der zu 100 Prozent Bioanbau betreibt, und auch Flächen und Gewächshäuser auf dem Festland bewirtschaftet. „Ich mache nicht kleinere Betriebe kaputt“, betont Wagner – im Gegenteil, er übernehme mitunter auch die zuvor selbstständigen Gärtner als Mitarbeiter. Und er meint: „Wenn ich diese Betriebe nicht auffangen würde, würden die Gewächshäuser irgendwann leer stehen“.

Mehr Saisonarbeitskräfte

Das wollen die Gemeinde und viele Inselbewohner nicht. Allerdings bedeutet das Wachstum von Benjamin Wagners Betrieb auch, dass die Zahl der Saisonarbeitskräfte steigt. „Die muss ich unterbringen.“ Zuletzt habe er etliche davon in einem Konstanzer Hotel einquartieren müssen. Deshalb plant er nun an seinem Betriebsstandort an der Landgasse am Eingang von Mittelzell, nördlich der Pirminstraße, den Bau einer weiteren, größeren Unterkunft für Saisonarbeitskräfte – neben der, die dort bereits steht.

Dies sorgt für Unmut bei einigen Anwohnern und Gemeinderäten. In der jüngsten Sitzung gab es eine längere Diskussion. Die Gemeinde will nun die weitere Entwicklung auf dem Gebiet rund um die bestehenden Gebäude regeln. Neben der Unterkunft hat der Biogärtner dort eine Gemüsewasch- und -sortierhalle sowie ein Süßkartoffellager. Auch sein Fuhrpark steht in diesem Bereich. Bürgermeister Wolfgang Zoll meinte: „Es ist keine einfache Gemengelage“.

Städtebaulicher Vertrag

Wie vom Gestaltungsbeirat empfohlen, hat der Rat nun beschlossen, mit Benjamin Wagner einen städtebaulichen Vertrag zu schließen. Darin werde es um das Wiesengrundstück gehen, so Zoll, auf dem bereits die eine Unterkunft steht und wo die neue daran angrenzend hin soll. Ähnlich wie das bestehende Gebäude soll dieses rund 25 Meter lang, 14,5 Meter breit und 7,3 Meter hoch sein, so Bettina Grathwohl vom Ortsbauamt.

Darin soll es 20 Appartements für jeweils zwei Personen geben. Sie und auch Wagner erläutern, das neue Gebäude solle im rechten Winkel zum bestehenden stehen, damit es etwas weiter entfernt ist von den Anwohnern und eine Hofsituation entstehe. Das neue Gebäude soll einen Schallschutz zur Wohnbebauung hin bieten. Das sei mit den Anwohnern so besprochen.

Landwirtschaftliche Privilegierung

Zoll erklärte, im Vertrag solle geregelt werden, dass auf diesem Grundstück keine weitere Bebauung erfolgt – südlich des neuen Gebäudes zur Landgasse und Nachbarschaft hin wäre dies sonst theoretisch noch möglich. Wozu Wagner auf Nachfrage erklärt: „Das werde ich unterschreiben, kein Problem.“ Er plane auf diesem Grundstück nichts weiter.

Bis zu dieser Unterschrift hat der Rat nun erst mal sein Einvernehmen für den geplanten Bau versagt. Wobei der Bürgermeister anmerkte, das Landratsamt würde das Vorhaben sowieso genehmigen, weil Wagner hierfür vom Amt für Landwirtschaft eine landwirtschaftliche Privilegierung habe. Eine solche Privilegierung erteilt das Amt in der Regel, wenn ein Gärtner oder Bauer nachweisen kann, dass das geplante Gebäude für seinen Betrieb notwendig ist.

Bebauungsplan soll Entwicklung regeln

Und zudem will die Gemeinde nun für das Areal rund um Wagners Betriebshof einen Bebauungsplan erstellen, um die weitere Entwicklung zu regeln – und eventuell weitere Bauten zu verhindern. Zoll meinte: „Wirkliche Rechtssicherheit gibt es nur in der Kombination Vertrag und Bebauungsplan“.

Auch hierzu meint der Biogärtner auf Nachfrage, er habe kein Problem mit einem Bebauungsplan. Ihm würden dort ohnehin nicht alle Grundstücke gehören. Das einzige, was er zusätzlich zu der zweiten Unterkunft in diesem Bereich irgendwann gerne bauen würde, sei eine Überdachung für seine Maschinen, die bisher im Freien stehen. „Manche meinen, das sieht etwas wild aus“, so Wagner. Diesen Unterstand könne er sich östlich des Gewächshauses vorstellen.

Aber „dann ist für mich mal fertig an dem Standort“, betont Benjamin Wagner. Wobei er einräumt: „Ich möchte niemals nie sagen“. Es sei für ihn nicht absehbar, wie sich sein Betrieb in ein paar Jahren weiterentwickeln werde. „Die Nachbarn sind bei so was nie begeistert, das kann ich nachvollziehen.“

Misstrauen und Unmut

Die bisherige Entwicklung an diesem Standort hat offenbar bereits für Misstrauen und Unmut bei einigen Gemeinderäten und Anwohnern gesorgt. Einer davon hatte sich in der Bürgerfragestunde der Sitzung zu Wort gemeldet. Zwei große Unterkünfte würden nicht in die hiesige Kulturlandschaft passen, meinte er, man sollte auch mal ein privilegiertes Bauvorhaben ablehnen. Und nach der Diskussion verließen einige Anwohner schimpfend die Pfaffenmooshalle. Die Gemeinde lasse sich um den Finger wickeln.

Dabei hatten sich einige Ratsmitglieder sehr kritisch geäußert. Gabriel Henkes (Freie Liste Natur) sprach von einer „Salami-Taktik“, es komme immer noch mal was. Im Vertrag und Bebauungsplan müssten etliche Punkte geregelt werden – wie die Erweiterung im Osten, Zufahrten, Parkplätze, Lärmschutz, Bepflanzung und der Umgang mit Aushub und Abwasser. „Wenn ich etwas entscheiden soll, hab ich gern alle Fakten auf dem Tisch.“

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Ähnlich äußerte sich Britta Sauer-Böhm (Freie Wähler): „Es ist jetzt schon groß und kritisch. Mir fehlt das Gesamtkonzept.“ Oder Sandra Graßl-Caluk (SPD), die meinte, der Gemeinderat wolle zwar den Gemüsebau fördern, aber die Bebauung sei dort jetzt schon zu massiv, das schaffe Probleme. „Man muss es jetzt regeln, so gut es geht.“ Ralf Blum (CDU) dagegen sagte: „Ich kann die Bedenken verstehen, aber man sollte den Gemüsebau fördern“. Und da gebe es eben den Strukturwandel hin zu größeren Betrieben. Und er finde es besser, wenn es wie hier einen zentralen Standort gebe.