Herr Höcker, vor 38 Jahren war „die Reichenau“ weithin so etwas wie ein Schimpfwort. Hat sich das geändert?

Aus unserer Wahrnehmung heraus gibt es eine zunehmend positive Haltung gegenüber unseren psychotherapeutischen und psychiatrischen Angeboten. Die Bereitschaft von Patienten, zu uns gekommen, ist gestiegen. Es gibt aber auf der anderen Seite bei Vorurteilen und Ablehnungen immer noch die gleichen Strukturen wie damals: indem unsere Patienten mit Steuerungsverlust, ungebremster Kriminalität und Hilflosigkeit assoziiert werden.

Gerade das ZfP hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mit Tageskliniken und ambulanten Angeboten sehr nach außen geöffnet. Die Psychiatrie ist zur Gesellschaft gekommen. Sind psychische Erkrankungen akzeptierter geworden?

Die „Reichenau“ hat versucht, etwas dazu beizutragen, indem sie die Schwelle zur Behandlung an mehreren Stellen verringert konnte. Das erreichen Sie, indem Sie wohnortnah agieren und es nicht mehr nur einen zentralen Behandlungsort gibt. Unser Einzugsgebiet ist groß, reicht vom Bodensee bis nach Rheinfelden. Leider steigt die Hemmschwelle mit der Entfernung zum Behandlungsort. Um das zu verbessern, muss man vor Ort sein.

Heißt das, die stationäre Psychiatrie hat sich zu lange nach außen hin abgeschottet?

Aus heutiger Sicht würde man das bejahen. Es gab in den 1920er Jahren schon Versuche, diese Hochschwelligkeit und ausschließlich stationäre Behandlung durch Außensprechstunden und Außenfürsorgeeinrichtungen zu verbessern. Das haben die Reichenauer Ärzte bis 1933 sehr intensiv verfolgt. Die Reichenau war damals als psychiatrisches Krankenhaus für die damaligen Landkreise Balingen, Schwarzwald-Baar, Donaueschingen, Waldshut, Tuttlingen und Konstanz zuständig. Gemeindenahe Versorgung wurde erst in den 1980er und 1990er Jahren wieder intensiv aufgenommen worden.

Glauben Sie, dass „die Reichenau“ jemals von dem Stigma loskommen wird?

Bei Teilen der Bevölkerung sicherlich, bei anderen fürchte ich, ist das eine unerfüllbare Erwartung.

Akutkrankenhäuser klagen über schlechte finanzielle Ausstattungen. Wie sieht es bei Psychiatrien aus?

Die psychiatrischen Fachkrankenhäuser und ihre Einrichtungen sind stabil finanziert. Wir haben mit den Kostenträgern ein sehr konstruktives Auskommen und werden politisch sehr unterstützt, auf Bundes- wie auf Landesebene. Das kann sich ändern, wenn sich die Entgeltsysteme weiter verändern und sich jenen in somatischen Krankenhäusern annähern.

Das ZfP als moderne Psychiatrie: Ist es am Ziel angelangt?

Wir haben sicherlich noch Aufgaben vor uns. Wir müssen uns zum Beispiel bestimmten Patientengruppen intensiver widmen. Das sind chronisch mehrfach beeinträchtigte Suchtkranke, die drohen durch die Versorgungsnetze zu fallen. Als Weiteres bricht gerade das Behandlungssystem für Patienten zusammen, die von Opiaten abhängig sind und in der ärztlichen Substitution behandelt werden. Hier müssen Zentren für Psychiatrie einspringen. Weiterhin wird sich zeigen, ob sich die stationsäquivalente Versorgung von Patienten in deren Zuhause bewährt. Wenn dies eintritt, wovon ich ausgehe, dann denke ich, dass an der Stelle sehr viele Patienten sehr gut betreuen können. Rein statistisch gesehen braucht jeder Dritte im Laufe seines Lebens nämlich mindestens einmal eine Behandlung durch einen Psychiater oder Psychotherapeuten.

Inwiefern bricht das System zusammen?

Die Ärztliche Substitutionsbehandlung in der Hand der niedergelassenen Allgemeinärzte ist deswegen am Zusammenbrechen, weil jüngere Kollegen sehr häufig nicht bereit sind, diese Patientengruppe in ihren Praxen zu versorgen und die bisher substituierenden Ärzte, die in der Regel mein Alter haben oder älter sind, ihre Praxistätigkeit aufgeben.

Vor wenigen Jahren haben Sie beklagt, Alkohol sei zu einem zu alltäglichen Genussmittel geworden. Hat sich dieser Trend so fortgesetzt? Der Deutsche konsumiert etwa 90 Liter Wein oder 180 Liter Bier pro Jahr.

Was den Gesamtkonsum betrifft, ja. Es gibt aber eine Polarisierung. Wir haben erfreulicherweise mehr Jugendliche, die sehr wenig, gar keinen oder sehr reflektiert Alkohol trinken. Auf der anderen Seite gibt es eine Gruppe, die immer mehr konsumiert und damit Folgeerkrankungen und Behandlungsbedürftigkeit verursachen.

Dann könnte sich das ja einmal bessern, wenn die heute beim Alkoholkonsum reflektierten Jugendlichen zu Erwachsenen werden.

Hoffentlich bleibt das so, dass für diese Gruppe der Alkohol nicht unbedingt zum Alltag dazugehören muss und sie ihn nicht mit Wohlfühlen und Freiheit assoziiert. Es gibt die Tendenz, dass man einen Rausch nicht mehr als zusätzliches Lebensangebot, sondern eher als eine problematisches Ereignis sieht. Auf der anderen Seite ist Alkoholabhängigkeit gesellschaftsfähiger geworden. Es gibt viele Beispiele, in denen man in der Gesellschaft einen toleranteren Umgang mit dem Thema Sucht erlebt.

Gerade bei Kindern hat Alkoholkonsum schwere Folgen.

Das stimmt, die Entwicklung ihres Gehirns wird dadurch beeinträchtigt. Dagegen anzugehen, war das Hauptanliegen von Initiativen wie Bfree.

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Wie können sich Eltern richtig verhalten?

Indem sie es selbst nicht anders machen und den richtigen Umgang mit Alkohol vorleben. Und das eigene Verhalten unter diesem Aspekt kritisch beleuchten.

Ab wann gilt jemand als Alkoholiker?

Der tägliche Konsum von mehr als 20 Gramm Alkohol (zirka ein halben Liter Bier) verursacht bei Männern mit hoher Wahrscheinlichkeit Folgeerkrankungen, bei Frauen liegt diese Schwelle bei zirka 10 Gramm pro Tag. Die Alkoholabhängigkeit zeigt sich zum Beispiel durch Auftreten von Entzugserscheinungen, Toleranzsteigerung, man muss immer mehr trinken um die gleiche Wirkung zu erzielen.

Wie groß ist die Zahl Alkoholabhängiger im Landkreis?

Wir gehen davon aus, dass zirka 10.000 Erwachsene im Landkreis eine Alkoholabhängigkeit haben.

Wie sieht die Tendenz bei den anderen Suchtmitteln aus?

Cannabis hat längst den Eingang in das normale Konsumverhalten gefunden. Die einzige Barriere ist quasi noch der Führerschein. Meiner Meinung sollten gesellschaftliche Hürden erhalten bleiben. Die Veränderung der Inhaltstoffe, das Experimentieren, das Katz- und Mausspiel mit dem BTM-Gesetz ist ein Problem. Die Verfügbarkeit über das Internet ist gegeben, der kommerzielle Anreiz bezüglich Produktion und Verkauf hoch. Solange das so ist, wird es immer Leute geben, die sich dessen bedienen werden.

Wie ist es um die Personalausstattung am ZfP bestellt? Akutkrankenhäuser klagen über großen Mangel, gerade wegen der Nähe zur Schweiz.

Wir sind bisher gut durch diese schwierigen Zeiten gekommen. Wir haben den Vorteil gegenüber somatischen Kliniken, dass wir durch eine Personalverordnung festgelegt haben, wie psychiatrische Einrichtungen personell ausgestattet zu sein haben. Wir wissen genau, für wie viele Patienten wie viele Arzt-, Pflege-, Sozialdienst- und Psychologenstellen notwendig sind. Unsere Besetzungszahlen müssen wir den Kostenträgern übermitteln. Hier liegen wir bei 100 Prozent im Jahresschnitt. Wir haben aber mit Personalfluktuationen zu kämpfen.

Inwieweit helfen bei der Werbung um Mitarbeiter zusätzliche Angebote wie die neue Kinderkrippe?

Die hilft sicherlich. Es gibt Beispiele, da haben Kolleginnen gesagt, dass sie sich aufgrund dessen beworben haben.

Reicht das aus?

Das reicht sicherlich nicht aus. Wir denken beständig darüber nach, wie wir die Arbeitsbedingungen und den Arbeitsplatz attraktiver machen können, auf der anderen Seite wird es aber beim Arztberuf immer belastende Faktoren geben, wie zum Beispiel den nächtlichen Bereitschaftsdienst. Das muss, wenn man diesen Beruf gewählt hat, akzeptiert werden. Aber auch an dieser Stelle gibt es zwischen Arbeitgeber und Kollegen Verbesserungsmöglichkeiten.

Fragen: Philipp Zieger