Kalter Wind peitscht den Regen an diesem düsteren Nachmittag über die Insel Reichenau. Dicke Tropfen klatschen an die Scheiben des "Mvseumscafés", in dem zahlreiche Gäste eine heimelige Zuflucht gefunden haben. Der Duft von frischem Kaffee erfüllt die Luft. Aus den Boxen trällern Jazzrhythmen.

Die Menschen an den Tischen sind aus den unterschiedlichsten Gründen gekommen. Die einen wärmen sich bei einem Getränk auf, andere haben es sich im Sessel mit einem der vielen Bücher gemütlich gemacht, die sich bis fast unter die Decke stapeln.

Etwa 4000 Schmöker stehen im Literaturcafé von Patricio Garcia

Dazu gibt es Tageszeitungen und Zeitschriften. Die Gäste können im Café lesen, die Bücher mit nach Hause nehmen und zurückbringen oder gegen gleichwertige Stücke aus ihrer eigenen Sammlung tauschen. Kosten entstehen dabei keine.

„Manche kommen und nehmen sich, ohne einen Kaffee zu trinken, ein Buch mit. Das ist mir aber ganz egal, das ist mein kultureller Beitrag an die Insel Reichenau.“
Patricio Garcia

Der 62-Jährige gebürtige Chilene lebt einen Kindheitstraum und möchte möglichst viele Menschen daran teilhaben lassen.

Von der Millionenstadt auf die beschauliche Bodensee-Insel

Patricio Garcia wächst in den 60er-Jahren in der Millionenmetropole Santiago de Chile auf. Während in den Straßen das Leben tobt, verbringt der damals Zwölfjährige viel Zeit in der Ruhe einer modernen Buchhandlung.

„Man konnte dort sitzen und einfach lesen und so lange bleiben, wie man wollte“, erinnert er sich. Er liebt die Atmosphäre und stellt sich schon früh vor, wie es wäre, einmal Gastgeber zu sein für Literaturfreunde, wie er selbst einer ist. Am besten in einem Café.

Dass dieser Traum 40 Jahre später am anderen Ende der Welt wahr werden würde, ahnt er zu jeder Zeit nicht.

Garcia erinnert sich zwar immer wieder an den Bücherladen seiner Kindheit, auch als er sein Geld längst bei einer Bank verdient. Vor 25 Jahren lernt er in Südamerika Judith Rummel kennen, deren Vater die deutschen Schulen in Quito und Argentinien geleitet hat. 2005 verlässt er sein Zuhause und zieht der Liebe wegen in die Heimat seiner heutigen Frau an den Bodensee.

Die Ankunft in dem fremden Land, dessen Sprache er nicht versteht, das neue Leben auf der beschaulichen Insel Reichenau ist am Anfang „ein Schock“, wie der Großstadtmensch Garcia unumwunden zugibt.

Eine Anzeige, die sein Leben verändert

Drei Jahre lang findet er keine Arbeit. Er sucht verzweifelt wieder einen Job bei einer Bank – und findet stattdessen eines Tages eine Anzeige im Amtsblatt, die sein Leben verändern wird. Die Gemeinde sucht an der Ergat einen Mieter für einen Geschäftsraum.

Garcia schafft es schnell, den Bürgermeister für seinen Traum von einem Café dort zu begeistern – und im Juni 2009 öffnet das Mvseumscafé mit der ungewöhnlichen Schreibweise seine Pforten. „Museumscafés mit U gibt es schon viele“, erklärt der Südamerikaner und lacht, „von denen wollte ich mich mit dem altertümlichen V im Namen absetzen.“

Das Mvseumscafé auf der Insel Reichenau.
Das Mvseumscafé auf der Insel Reichenau. | Bild: Feiertag, Ingo

Seit dem ersten Tag bietet Leseratte Patricio Garcia die Möglichkeit an, bei Kaffee und Kuchen zu schmökern. Zunächst stellt er eigene Bücher oder die von Freunden und Familie in die Regale, doch die Sammlung wächst rasant.

„Fast 90 Prozent sind Geschenke von Gästen. Mein Keller und die Garage zu Hause sind voll mit Büchern. Wir haben die Auswahl jetzt auf moderne Romane von 2005 oder jünger limitiert.“
Patricio Garcia

Im Sommer kommen Touristen zu Beginn ihrer Ferien im Café vorbei, holen sich ihre Lektüre und bringen die Bücher am Ende des Aufenthalts wieder zurück.

Ausgenutzt wird das kostenlose Angebot so gut wie nie. Nur einige ausgewählte Raritäten dürfen das Café zwar nicht verlassen.

„Ich vertraue meinen Gästen hundertprozentig. In all den Jahren habe ich mehr bekommen, als ich verloren habe. Das kann ich an einer Hand abzählen.“
Patricio Garcia

Selbst wenn eines seiner Stücke versehentlich auf Reisen geht, findet es den Weg meist wieder zurück auf die Reichenau. „Einmal hat ein Gast ein Buch mit unserem Stempel im Seehas gefunden und zurückgebracht“, sagt Patricio Garcia. Die Markierungen seien nicht aus Misstrauen entstanden, erklärt er, „sondern als Erinnerung für den Nachttisch, dass nicht aus Versehen eines unserer Bücher in eine Privatsammlung wandert.“

Zum ersten Café auf der Reichenau kommt ein zweites in Allensbach

Sein Jungentraum wird zur Erfolgsgeschichte. Im August 2017 übernehmen Garcia und seine Frau ein zweites Lokal, das Café am Rathaus in Allensbach – auch dieses mit Büchern.

Das Café am Rathaus in Allensbach.
Das Café am Rathaus in Allensbach. | Bild: Feiertag, Ingo

„Kaffee und Kuchen verkaufen sie alle. Zwei Dinge machen aber den Unterschied: Die Bedienung, die versucht, gute Laune zu verbreiten, und die Bücher“, sagt der Chilene über sein Konzept, mit dem er noch lange nicht am Ende ist. Patricio Garcia will noch viele Jahre die Menschen mit seiner Leidenschaft für Literatur begeistern.

„Ich würde gern noch ein Café aufmachen“, sagt er und grinst, „am liebsten in einer großen Stadt.“

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