Am Ende gab es Applaus für seine offenen und deutlichen Worte. Der 86-Jährige Kardinal Kasper ermutigte wie Papst Franziskus die Gläubigen und die Kirche in Deutschland, den Weg von Reformen und Erneuerung zu gehen, dabei aber zu beherzigen, dass Jesus Christus der Grundstein der Kirche sei und bleiben müsse.

„Versuchen wir darum, am Hochfest der Gottesmutter Maria so wie sie auf das Wort Gottes zu hören.“ Nur so könne die Freude zurückkehren, trotz der Beschämung über Missbrauchsskandale sowie der Sorge über die hohe Zahl an Kirchenaustritten und den Priestermangel.

„Erneuerung der Kirche kann nur bedeuten, uns entschlossen neu an Jesus Christus auszurichten und ihm nachzufolgen“, sagte der Kardinal.

„Festhalten an der Tradition und Erneuerung sind kein Gegensatz.“ Walter Kasper betonte: „Die alte, so genannte konstantinische Ära geht heute zu Ende.

An der Prozession zu Mariä Himmelfahrt auf der Insel Reichenau beteiligten sich etliche hundert Gläubige. Mädchen trugen dabei eine Marienfigur.
An der Prozession zu Mariä Himmelfahrt auf der Insel Reichenau beteiligten sich etliche hundert Gläubige. Mädchen trugen dabei eine Marienfigur. | Bild: Zoch, Thomas

Die Zeit der großen Zahlen, da Kirche und Gesellschaft sich weithin deckten, ist vorbei. Die Kirche hat klein im Haus der Elisabeth begonnen und wird in Zukunft wieder kleiner sein.“

Doch auch Minderheiten könnten viel bewirken, wenn sie wach und aufmerksam seien, meinte der Kardinal.

Und es gehe nicht darum, um jeden Preis modern sein zu wollen. „Wir sollten für alles offen sein, alles prüfen und das Gute behalten.“

Und aus der Kirche der Gottesmutter und der Urkirche könne man lernen, dass Kirche ein weibliches Gesicht habe, sprach er das Thema Frauen in kirchlichen Ämtern an.

Er habe keine fertige Lösung, aber eine solche werde man finden müssen. Ohne den Dienst von Frauen wäre jede Gemeinde schon morgen am Ende, so Walter Kasper.

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Und: „Eine Kirche ohne die Frauen, eine reine Männerkirche, wäre nicht mehr die Kirche, wie Jesus sie gewollt hat. Die Frage nach der Rolle der Frauen in der Kirche ist darum eine überlebenswichtige.“

Und schließlich appellierte Walter Kasper an alle Christen, so wie Maria und der Jünger Johannes unter dem Kreuz zusammenzustehen.

Er hoffe auf eine Überwindung der Spaltungen in der Christenheit, auf ökumenische Gemeinsamkeit und Einheit. „Wenn wir Christen weniger werden, dann haben wir umso mehr Grund, zusammenzurücken“, betonte der Kardinal.

Das Seniorenzentrum hatte Kräutersträuße gebunden, die Besucher gegen eine Spende mitnehmen konnten – hier bei Christina Heseding (links) und der Leiterin Sarah Mayer.
Das Seniorenzentrum hatte Kräutersträuße gebunden, die Besucher gegen eine Spende mitnehmen konnten – hier bei Christina Heseding (links) und der Leiterin Sarah Mayer. | Bild: Zoch, Thomas

Das bedeute nicht, einen Einheitsbrei zusammenzurühren. „Es geht darum, dass die Kirchen das Wesentliche ihres Hörens auf das Evangelium in die größere Einheit einbringen.

In diesem Sinne kann die katholische Kirche evangelischer und die evangelische Kirche katholischer werden.“

Der Festgottesdienst im Münster war noch besser besucht als sonst an den Inselfeiertagen, wobei rund die Hälfte wohl Gäste aus anderen Orten waren.

Entsprechend groß war die anschließende Prozession, bei der Walter Kardinal Kasper an der Seite von Inselseelsorger Pater Stephan Vorwerk mitging.

Unter dem Baldachin lief Pater Stephanos Petzolt mit einer kleinen Monstranz. An der Prozession nahmen die Trachtengruppe, die historische Bürgerwehr und Bürgermusik sowie Kindergarten- und Kommunionskinder teil. Außerdem wurden die Reliquienschreine aus der Münsterschatzkammer mitgetragen.

Der Kardinal war im Anschluss auch beim Stehempfang im Klosterhof, zu dem die katholische und politische Gemeinde sowie die Welterbe-Stifung eingeladen hatte.

Dort war Walter Kasper offen für Gespräche. Er sei beeindruckt über die große Zahl an Teilnehmern, sagte er dem SÜDKURIER.

„Das ist ein Hoffnungszeichen.“ Es sei schön, dass auf der Reichenau zum einen die aus der großen Klosterzeit überlieferte Tradition gepflegt, aber auch nach vorne geschaut werde.

Und er sei froh, dass wieder eine benediktinische Mönchscella hier Fuß gefasst habe.

Die Welterbe-Stiftung begeht Mariä Himmelfahrt seit einigen Jahren auch als Welterbe-Tag.

Am Stand der Stiftung im Klosterhof informierten sich auch viele Besucher über das Reichenauer Welterbe sowie das aktuelle Projekt der Stiftung.

Diese sammelt seit Anfang des Jahres Spenden für die Restaurierung des Innenraums der Kindlebildkapelle. Die Kosten hierfür seien mit rund 27 000 Euro veranschlagt, so der Stiftungsvorsitzende Karl Wehrle.

„Ich denke, das werden wir schaffen“, sagte er. Es gebe bereits rund 100 Spender.

Über die große Besucherzahl freute sich auch das Team des Seniorenzentrums.

Dieses hatte mit rund 30 Helfern und dank Kräuterspenden der Gärtnerei Haselberger und von Bürgern 750 Kräutersträuße gebunden, berichtete die Leiterin Sarah Mayer, so viele wie noch nie.

Diese wurden vom Kardinal geweiht und dann am Münstereingang gegen Spenden verteilt. Es blieb keiner übrig.