Ihre künftige Wohnsituation hätte sich die Familie Al-Jalam anders vorgestellt. Denn eigentlich hatte die achtköpfige syrische Flüchtlingsfamilie ein wichtiges Ziel erreicht: nicht nur ein Dach über dem Kopf zu haben, sondern eine der Familiengröße angemessene, geräumige Wohnung.

Es soll wohl alles anders kommen. Die Familie wird vermutlich zum 1. September umziehen müssen, zurück in die Gemeinschaftsunterkunft in der Feursteinstraße 55/Haus 10 in der Waldsiedlung. Dort sind Geflüchtete auf engstem Raum untergebracht, auch Familie Al-Jalam wird nur ein Zimmer haben.

Zunächst geht es für die Familie nur aufwärts

Wie konnte es so weit kommen? Die Geschichte ist komplex, nicht mehr in jeder Hinsicht zu klären – und bitter. Angefangen hat das Leben in der neuen Heimat gut. Seit zwei Jahren wohnen die Al-Jalams in der Anschlussunterbringung auf der Insel Reichenau in der Mittelzeller Straße.

Von der Feursteinstraße durften sie dorthin umziehen, die Erleichterung muss groß gewesen sein: eine große Küche, ein Wohnzimmer, ein Kinderzimmer für vier Kinder, die zwei jüngsten schlafen bei den Eltern. Endlich Platz! In die Wohnung zieht noch eine Nigerianerin mit Kind ein, sie wohnen in einem Zimmer und nutzen die Küche mit. Sabine Tudan und ihr Mann betreuen die syrische Familie, die Lehrerin hilft den älteren Jungs, zwölf und elf Jahre alt, bei den Schulaufgaben.

Das Haus an der Mittelzellerstraße 25 auf der Reichenau. So ruhig wie in diesem Moment ist es hier offenbar nicht immer.
Das Haus an der Mittelzellerstraße 25 auf der Reichenau. So ruhig wie in diesem Moment ist es hier offenbar nicht immer. | Bild: Wagner, Claudia

Was ist dann passiert?

Sabine Tudan glaubt, dass der Unfrieden sich langsam, fast unbemerkt, eingeschlichen hat. Zuerst habe es kleine Querelen mit der nigerianischen Mitbewohnerin gegeben, sie sei erneut schwanger gewesen und hätte eigentlich mehr Platz gebraucht. Die Nachbarn, die im oberen Stockwerk wohnen, seien von der Gemeinde mit einer Art Hausmeister-Funktion betraut worden. Dann begeht Familienvater Omar Al-Jalam einen großen Fehler.

Als er mit seinem Nachbarn aus dem Haus an der Bushaltestelle wartet, provoziert dieser ihn – so die Darstellung Al-Jalams – und Omar Al-Jalam schlägt zu. Eine Handgreiflichkeit unter Männern – aber eine zu viel. Der Nachbar zeigt Omar Al-Jalam an, ein Strafverfahren gegen ihn läuft.

Die Gemeinde fühlt sich unter Druck

In dieser Situation handelt auch die Gemeinde: Die Familie werde nun zum 1. September wieder in die Unterkunft in die Feursteinstraße 10 zurückverwiesen, sagt Hauptamtsleiter Marco Streib. Ist diese Maßnahme als Bestrafung zu sehen? "Nein, keinesfalls", versichert der Hauptamtsleiter. Aber die Gemeinde sei gezwungen gewesen, Konsequenzen zu ziehen.

Die Liste an Vorwürfen ist lang. Anwohner hätten sich beschwert – und zwar nicht nur einmal: zu laut sei es, nachts, auch sonntags. Die neuen Bewohner hielten sich nicht an die Regeln der Mülltrennung, es herrsche Unordnung, die Jugendlichen verhielten sich provozierend. Marco Streib sieht sich in Anbetracht der Vielzahl an Beschwerden zum Handeln gezwungen.

Der Müll, der Geruch und die Mülltrennung sind Konfliktthemen unter den alten und den neuen Nachbarn – neben vielen anderen.
Der Müll, der Geruch und die Mülltrennung sind Konfliktthemen unter den alten und den neuen Nachbarn – neben vielen anderen. | Bild: Wagner, Claudia

Nach vielen Gesprächen verlieren die Anwohner die Geduld

Die Anwohner selbst werden deutlicher, ihre Klagen beziehen sich allerdings auf alle Bewohner der Anschlussunterbringung. "An die Mülltrennung hält sich keiner, der halbe Mülleimer ist dadurch voller Maden", sagt Regina Kude, die im Haus gegenüber wohnt. Windelsäcke würden in den Restmüll geworfen, der Geruch verbreite sich überall.

Über die Müllthematik ereifert sich auch Nachbarin Anita Dummel: "Ich habe es so oft erklärt, wie es funktioniert. Aber in dem Moment versteht keiner der neuen Nachbarn mehr deutsch. Es hört einfach keiner zu." Am schlimmsten aber sei der Lärm, darin sind sich die Frauen einig: Anita Dummel berichtet, dass ihre Familie am Sonntag Besuch gehabt habe, sie hätten draußen auf der Terrasse gesessen. "Es war so laut, dass wir die Nachbarn mehrfach baten, leiser zu sein und die Kinder zu ermahnen. Wir haben kein Wort des Gesprächs verstanden".

Als keine Besserung eintrat, hätten sie die Unterhaltung drinnen weiter geführt: "Dann war es plötzlich still." Anita Dummel hat durch dieses Erlebnis das Gefühl, vertrieben worden zu sein. Auf sich beruhen lassen wollten die Nachbarinnen die Vorkommnisse nicht. "Inzwischen rufe ich jede Woche bei der Gemeinde an", sagt sie. Für sie ist klar, dass etwas geschehen muss.

Die Familie spricht beim Bürgermeister vor

Und die Familie Al-Jalam? Sie fühlt sich ungerecht behandelt. Fatema Al-Jalam war beim Bürgermeister und hat darum gebeten, bleiben zu dürfen. Sie brachte dabei auch vor, dass es nicht nur ihre Kinder seien, die laut spielten. Das allerdings habe der Bürgermeister eingeräumt.

Sie beteuert auch, dass der Frieden im Haus wieder halbwegs hergestellt sei: die Kinder der Konfliktfamilien spielen nach wie vor miteinander. Omar Al-Jalam hat versucht, sich bei seinem Nachbarn für den tätlichen Angriff zu entschuldigen – erfolglos. Dass die Familie zwangsweise umziehen muss, versteht Omar Al-Jalam nicht: man möge lieber ihn bestrafen, nicht seine ganze Familie mit.

Wenn das Elternpaar an die Feursteinstraße denkt, kommt beinahe Panik auf, Fatema sagt: "Ich lebe egal wo, aber nicht im Haus 10! Dort ist es immer schmutzig, immer laut, kein Platz, keine Zeit und viele Familien." Auch die Helferin befürchtet eine negative Entwicklung. "Wenn sie umziehen müssen, fühlen sich alle ausgegrenzt", sagt Sabine Tudan. "Dabei hatten die Jungen gute Erfolge in der Schule."

Sie befürchtet, dass sich gerade bei den Heranwachsenden Aggressionen aufstauen. Sie will die Jugendlichen und die Kinder weiter begleiten. Integration braucht einen langen Atem, davon ist die Pädagogin überzeugt. Still hofft sie, dass die Familie, die sie auf einem guten Weg sieht, nicht auf halber Strecke umkehrt.

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