Sie ist durchaus hübsch anzusehen, die gemeine Rostgans. Doch sie kann auch zu einem echten Problem werden. Zum Beispiel auf der Insel Reichenau. Nicht die reine Anwesenheit an sich sorgt für Aufregung, vielmehr ihr Verhalten: Sie gehen am Strandbad schnatternd Touristen an, reißen Salatköpfe aus dem Boden. "Es werden immer mehr Tiere", sagt Matthias Böhler, dessen Felder regelmäßig heimgesucht werden.

Und in der Tat: Wie ein Schlachtfeld sieht es hier aus. Die Gänse haben offenbar großen Gefallen daran gefunden, reihenweise die Salate herauszuziehen, kurz anzuknabbern und dann weiter zu watscheln. Die Folgen: "Wir haben massive Ausfälle bei Salat und Kohlrabi und viel zusätzliche Arbeit", erklärt Matthias Böhler. Den Gemüsebauern bleibt ein Schaden von mehreren tausend Euro – jedes Jahr.

Kopflos: Auf den Feldern von Matthias Böhler haben sich die Rostgänse bedient.
Kopflos: Auf den Feldern von Matthias Böhler haben sich die Rostgänse bedient. | Bild: Andreas Schuler

Das soll nun ein Ende haben: Die Rostgans unterliegt zwar einer Vogelschutzrichtlinie und ist nach dem Bundesnaturschutzgesetz „besonders geschützt“ – allerdings nicht „streng geschützt“, was die nächste, strengere Stufe wäre. Benedikt Graf, Pressesprecher des Landratsamtes, erklärt: "Die Rostgans wurde mit der Novellierung des Landesjagdgesetzes in das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz aufgenommen. Da sie als nicht streng geschützt eingestuft ist, unterliegt sie auch nicht dem Schutzmanagement. Sie wurde vielmehr als Neozoen in die so genannte Schutzschale Entwicklungsmanagement aufgenommen; jedoch ohne Festsetzung einer Jagdzeit. Dies bedeutet, dass eine ganzjährige Schonzeit gilt."

Vergrämung verfügt

Nun kommen die Schäden auf der Reichenau ins Spiel: Aufgrund der Angriffe auf Menschen, der herausgerupften Kopfsalate sowie der gefährlichen, weil ungesunden Verkotung an Gemüse- und Salatpflanzen hat die Jagdbehörde des Landratsamtes Konstanz unter Berücksichtigung von strengen Anforderungen "eine Ausnahmegenehmigung zur Vergrämung von Rostgänsen durch Vergrämungsabschuss" verfügt. Der Begriff Vergrämung kommt aus der Jägersprache und bezeichnet das dauerhafte Vertreiben oder Fernhalten von Wild. Darüber hinaus wurden Vergrämungsmaßnahmen mit Flatterbändern und Drohnen angeordnet. Der erlaubte Abschuss liege bei maximal zehn Tieren pro Kalenderjahr, so Benedikt Graf.

Abschuss von August bis November

Die strengen Anforderungen sehen so aus: Der Abschuss darf nur in den Monaten August bis November und im Februar stattfinden. Sämtliche Maßnahmen sind zu dokumentieren. Das Regierungspräsidium Freiburg hat hierzu das Einvernehmen erteilt. In der Schweiz ist die Rostgans schon länger zum Abschuss freigegeben – und hier hat sich die Population deutlich verringert.

Nabu meldet Bedenken an

Nabu-Geschäftsführer Eberhard Klein ist nicht erfreut über diese Maßnahmen. "Zum einen ist die Rostgans ein Reichenau-spezifisches Problem", erklärt er. "Zum anderen reagiert auch der heimische Kiebitz auf die Vergrämungsmaßnahmen." Die Tatsache, dass die Rostgans als Neozoen wieder verschwinden soll, würde er nicht anprangern, "denn der Tod gehört zur Natur. Doch wir sind für das gezielte Abschießen und nicht für Schreckschüsse oder Flatterbänder – denn dadurch verschwindet auch der Kiebitz".

Nabu-Geschäftsführer Eberhard Klein ist nicht erfreut über die Maßnahmen des Landratsamtes.
Nabu-Geschäftsführer Eberhard Klein ist nicht erfreut über die Maßnahmen des Landratsamtes. | Bild: Oliver Hanser

Wenn während der Brutzeit Schüsse fallen, verschwänden die Tiere und kämen nie mehr wieder. "Kiebitze brüten auf Gemüseäckern", so Eberhard Klein. "Die Gärtner nehmen vorbildlich Rücksicht darauf. Und ich verstehe auch, dass sie die Rostgänse loswerden wollen. Doch das geht in unseren Augen wie erwähnt nur mit gezielten Abschüssen."

Auch der Kiebitz wurde bei einer Vergrämung durch Schreckschüsse oder Flatterbändel verjagt werden. Der Nabu möchte die Rostgans daher durch gezielte Schüsse vergrämen.
Auch der Kiebitz wurde bei einer Vergrämung durch Schreckschüsse oder Flatterbändel verjagt werden. Der Nabu möchte die Rostgans daher durch gezielte Schüsse vergrämen. | Bild: Sina Schuldt/dpa

Der Reichenau Bürgermeister Wolfganz Zoll beobachtet seit 2014 rund 20 bis 25 Rostgänse auf der Insel – Tendenz steigend. "Sie sitzen oft auf dem Giebel des Münster, bevor sie weiterfliegen", sagt er. "Sie sind sehr laut. Einmal habe ich mitbekommen, wie Kinder von ihnen attackiert wurden." Passiert sei damals glücklicherweise nichts, "aber wenn man das sieht und die Probleme, die sie den Gemüsebauern bereiten, dann müssen wir die Vergrämung unterstützen".

Wolfgang Zoll untersützt die Vergrämung der Rostgänse.
Wolfgang Zoll untersützt die Vergrämung der Rostgänse. | Bild: Andreas Schuler

Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Möggingen sagt über die Rostgänse: "Sie werden auch als Gefangenschaftsflüchtlinge bezeichnet." Soll heißen: Ein Individuum einer gebietsfremden Tierart, das aus menschlicher Obhut geflüchtet ist oder ausgesetzt wurde und als freilebend betrachtet werden kann. "Zuerst waren die Rostgänse am Klingnauer Stausee in der Schweiz, in der Nähe von Waldshut. Dort gaben die Behörden sie zum Abschuss frei", sagt Wolfgang Fiedler. Danach seien 1000 bis 1200 Rostgänse an den Untersee gewandert. "Die Tiere wechseln ihr Gefieder, und das für vier bis fünf Wochen. In dieser Zeit können sie nicht fliegen", erläutert Wolfgang Fiedler.

Ursprung in Asien und Nordafrika

Zum Brüten ziehen sich die Entenvögel ins Hinterland zurück. Höhlungen in Dächern seien die perfekte Brutstätte für ihre Nachkommen. Die Rostgans sei eine Art, die sich sehr schnell vermehrt. Ursprünglich bewohnt sie die Steppen und Halbwüsten Asiens und Nordafrikas. Seit den Sechzigerjahren wird der beliebte Ziervogel in der Schweiz zunehmend in freier Natur beobachtet. Für die einheimischen Wasservögel bleibt das nicht ohne Auswirkungen, denn die Rostgans verhält sich in der Brutzeit sehr aggressiv. Von Mai bis Juni ist die Brutzeit, derzeit sind die Tiere in der Mauser, die noch bis September dauert. Das heißt, sie wechseln ihr Federkleid – eine Zeit, in der sie ebenfalls aggressiv sind, da sie nicht wirklich fliehen können. Wenn Menschen dem Tier also zu nahe kommen, kann es zu einer Abwehrreaktion kommen.