Lebensgefährliche Szenen wie die folgende haben Eva Kilgus und Barbara Schmidt aus der Reichenauer Waldsiedlung in den vergangenen Jahren schon oft erlebt: Kürzlich wollten sie mittags mit ihren Hunden im Wald nördlich der B33 und Landesstraße spazieren gehen. An der Bedarfsampel für Fußgänger an der dortigen Kreuzung warteten sie auf Grün und gingen dann los, berichtet Kilgus. „Wir waren schon mitten auf der Straße.“ Dann sei aus Richtung Wollmatingen ein Lastwagen gekommen. „Der Fahrer gab erst noch Gas, dann hat er gebremst.“ Sie habe ihm mit den Armen ihre Verärgerung signalisiert. „Ich sagte, was soll denn das? Doch er hat nur gelacht.“ Schmidt meint: „Der hat uns eigentlich sehen müssen.“ Und fügt an: „Manche bleiben mit Ach und Krach stehen – und beschweren sich, wenn man sich als Fußgänger beschwert.“

Dieses Verkehrszeichen kurz vor der Kreuzung weist auf Fußgänger hin, ist aber eher irreführend durch das Zebrasymbol, denn dort gibt es keinen Zebrastreifen.
Dieses Verkehrszeichen kurz vor der Kreuzung weist auf Fußgänger hin, ist aber eher irreführend durch das Zebrasymbol, denn dort gibt es keinen Zebrastreifen. | Bild: Thomas Zoch

Doch oft sei es so, dass Auto- und Lkw-Fahrer überhaupt nicht anhalten, sondern trotz Rot weiterfahren würden, so die beiden Frauen und andere Waldsiedler. Andrea Schreiner berichtet, sie sei kürzlich schon mit dem Vorderrad ihres Fahrrads auf der Straße gewesen, als ein Auto in schnellem Tempo gekommen sei. „Ich musste zurückspringen.“ Klaus Hauser meint, das Problem sei zum einen, dass Fahrer aus Richtung Wollmatingen wegen der Kurve und des Bewuchses neben der Straße die Ampel spät sähen, zum anderen aber viele auch eine zu hohe Geschwindigkeit hätten. Dort gilt Tempo 70. „Das war schon früher so“, berichtet Hauser.

Verkehrsführung wurde bereits geändert

Offenbar hat sich die Situation aber verschlimmert, seit vor einigen Jahren die Behörden die Verkehrsführung geändert haben zur Verbesserung des Verkehrsflusses. Wer aus Richtung Wollmatingen kommt, hat seither hier kein Rot mehr, wenn von der B33 aus Richtung Kindlebild Autos und Lkws kommen, sondern muss sich nach der Kreuzung einfädeln. Wie es scheint, rechnen hier manche Verkehrsteilnehmer, die häufig diese Strecke fahren, gar nicht mehr mit einer roten Ampel. Die Bürger meinen, ein geringeres Tempolimit könnte vielleicht helfen.

Andrea Schreiner meint, die vorhandenen Warnschilder und das gelbe Blinklicht würden von vielen missachtet. Ihre Tochter gehe im Marianum zur Schule und quere dort täglich die Straße, weil der Weg durch den Wald der kürzeste sei. Am Morgen sei es am schlimmsten, so Schreiner. „Da sind die Autos viel schneller unterwegs. Ich habe meiner Tochter eingetrichtert, dass sie warten soll, bis das Auto wirklich hält, und nicht einfach rübergeht, wenn Grün ist.“ Es gebe einige Kinder in der Waldsiedlung, die im Marianum zur Schule gehen.

Kurz vor der Kreuzung bei der Waldsiedlung kommt für den Verkehr aus Wollmatingen ein Vorfahrtszeichen – seltsam, denn zuvor gibt es mehrere Warnschilder.
Kurz vor der Kreuzung bei der Waldsiedlung kommt für den Verkehr aus Wollmatingen ein Vorfahrtszeichen – seltsam, denn zuvor gibt es mehrere Warnschilder. | Bild: Thomas Zoch

Barbara Schmidt erklärt, dass auch ältere Leute besonders betroffen seien. Sie kenne eine ältere Frau, die nicht mehr mit dem Bus fahre, weil es ihr an der dortigen Haltestelle zu gefährlich sei, die Straße zu überqueren. Gerade wenn man vom Wald her komme und Richtung Waldsiedlung wolle, habe man als Fußgänger überhaupt keine Übersicht. Und zudem sei die Grünphase ziemlich kurz. Die Ampelschaltung ist in der Tat wenig fußgängerfreundlich. Nach Drücken an der Ampel wartet man 80 Sekunden auf Grün und hat dann gerade mal 15 Sekunden Zeit, die an dieser Stelle dreispurige Straße zu überqueren. Wobei seltsamerweise die Fußgängerampel auch immer wieder auf Grün schaltet, wenn dort gar niemand steht und gedrückt hat, aber Linksabbieger auf der B33 Grün haben. Dann wird der Verkehr aus Richtung Wollmatingen völlig unsinnig gestoppt, was ja eigentlich durch die geänderte Verkehrsführung nicht mehr sein sollte.

Landratsamt sieht keinen Handlungsbedarf

Der SÜDKURIER hat das Landratsamt (LRA) und das Polizeipräsidium auf die schlechten Erfahrungen der Bürger hingewiesen, doch deren Pressesprecher erklären, dass ihnen von solchen Beschwerden nichts bekannt sei und sie keinen Handlungsbedarf sehen. Stattdessen verweisen sie auf eine Verkehrsschau, die bereits 2017 stattfand und auf danach angebrachte Warnhinweise am Straßenrand. Auf die Anregung des SÜDKURIER, an der Ampel mal ein Blitzgerät aufzustellen, gab es vom Landratsamt keine Antwort. Immerhin: Auf unsere Nachfrage habe sich Michael Greineck, der Leiter der Straßenverkehrsbehörde, vor Ort persönlich ein Bild gemacht und zu verschiedenen Tageszeiten die Ampel bedient. Alle Fahrer hätten rechtzeitig gebremst und gehalten, so der Pressesprecher. Dazu Andrea Schreiner mit zynischem Unterton: „Glück gehabt.“

Auf völliges Unverständnis stößt bei den Bürgern zudem der Hinweis des Polizeisprechers, es habe dort seit Januar 2017 keine Unfälle mit Fußgängern oder Radfahrern gegeben. Hauser empört: „Dem Herrn gehört geschrieben, ob erst was passieren muss.“ Wobei Andrea Schreiner anmerkt, es wundere sie, dass es noch keine Unfälle gegeben habe. Barbara Schmidt meint: „In jedem Kaff werden Blitzer aufgestellt. Da kann man das doch hier auch mal machen.“ Zur Haltung der Behörden meint sie: „Es ist eine Frechheit. Es geht um Menschenleben.“

Seltsame Beschilderung

  • Das Landratsamt erklärte auf Nachfrage des SÜDKURIER: „Im Jahr 2017 gab es eine Verkehrsschau mit der Begutachtung und Bewertung der bestehenden Verkehrseinrichtungen. Daraus resultierend hat das Landratsamt Konstanz entsprechende Maßnahmen ergriffen, welche eine deutliche Verbesserung der Situation herbeiführen konnten.“
  • Bürgermeister Wolfgang Zoll erklärte auf Nachfrage, dass die damalige Verkehrsschau zustande kam, nachdem zahlreiche Waldsiedler dieselben Probleme wie heute geschildert hatten. Er sei davon ausgegangen, dass die Maßnahmen etwas bewirkt hätten. Da er nun von dem Problem wisse, werde er noch mal die Straßenverkehrsbehörde ansprechen und das Thema bei der nächsten Verkehrsschau auf die Tagesordnung nehmen.
  • Die Beschilderung an der Landesstraße aus Richtung Wollmatingen erscheint tatsächlich eher unübersichtlich und seltsam. Zunächst kommt kurz nach dem Abzweig zur Waldsiedlung tatsächlich ein Warnschild mit Ampelsymbol und Blinklicht. Dort gilt noch Tempo 100. Erst danach kommt ein Schild, das Tempo 70 vorschreibt. Als nächstes wird auf eine allgemeine Gefahrenstelle hingewiesen. Dann kommt ein Warnschild mit Zebrastreifen, was auf Fußgänger hinweist, aber irreführend ist, weil der Übergang keine Zebrastreifen hat. Und kurz vor der Ampel kommt ein Vorfahrtszeichen, was freie Fahrt suggeriert und im Grunde alle vorangegangenen Warnzeichen ad absurdum führt. (toz)