Ein kalter Wind pfeift über den Gnadensee und lässt den kalten Regen im Gesicht noch frostiger wirken, als er ohnehin schon ist. Trotzdem haben sich mehr als 40 neugierige Reichenauer am Montagabend mehr als eine Stunde lang im winterlich frischen Klostergarten versammelt, um dabei zu helfen, ihr Weltkulturerbe ins rechte Licht zu setzen. „Schön, dass so viele Leute da waren“, sagt Bürgermeister Wolfgang Zoll, der selbst mit dem Klicker in der Hand Noten vergab für die unterschiedlichen Lichtbilder auf der Münsterwand.

Auch Bürgermeister Wolfgang Zoll stimmte ab.
Auch Bürgermeister Wolfgang Zoll stimmte ab. | Bild: Oliver Hanser

Unter der Leitung von Professor Bernd Jödicke hat ein Team von Studenten der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung hierzu Vorschläge ausgearbeitet. Neun unterschiedliche Sequenzen wurden anhand von vier am Boden installierten und zwischen 15 und 20 Zentimeter langen Leuchten beim Testlauf im Klostergarten präsentiert.

„Die Inszenierungsart war immer die gleiche, wir haben die Intensität des Lichts verändert. Wenn es dunkler wird, kommen wir mit weniger Lichtintensität aus“, erklärte Jödicke. Die Lichtstärke variierte dabei von 30 bis 0,1 Watt. „Wir haben bewusst die Menschen subjektiv mit einbezogen“, ergänzt der HTWG-Professor, „für uns ist es sehr spannend, was dabei herauskommt.“

Die Reichenauer Bürger sind am Drücker

Erste Erkenntnisse brachte der anschließende Dialog mit den abstimmenden Bürgern. Den einen war die Lichtfarbe zu kühl, anderen standen die Leuchten zu nah an der Fassade, sodass die gotischen Fenster des Münsters nicht gut zur Geltung kamen. Dies änderte das HTWG-Team sofort – und erntete Applaus für die neue Perspektive.

„Es dauert nun eine Woche, bis die Zahlen da sind“, erklärte Bernd Jödicke, „dann wissen wir, was den Leuten, die unheimlich intensiv mitgearbeitet haben, am besten gefallen hat.“ Bürgermeister Zoll lobte den „neuen, interessanten Ansatz“ der Hochschule. Durch das Experiment sei „eine Grundlage entstanden über die Einschätzung zur Anordnung der Lampen und der Lichtintensität“.

Mehr als 40 Reichenauer kamen zur Abstimmung über die Beleuchtung zusammen.
Mehr als 40 Reichenauer kamen zur Abstimmung über die Beleuchtung zusammen. | Bild: Oliver Hanser

Das neue Konzept soll „die Reichenau als Ganzes in Szene setzen“, so Jödicke und dabei verschiedene Aspekte illuminieren. Gebäude und Orte sowie auch die Natur durch dezente und schonende, bewusst gesetzte und temporäre Beleuchtung auf der ganzen Insel: von der Pirmin-Statue am Inseleingang über die Hochwart, Schloss Königsegg, die Ergat und den Klosterhof bis zur St. Peter-und-Paul-Kirche in Niederzell.

Diese weiteren Punkte sollen in Szene gesetzt werden

Vier Schwerpunkte stehen dabei im Mittelpunkt: Insel, Natur und Landwirtschaft, Architektur und Kultur sowie Mensch und Tradition. Besonders wichtige Punkte wie die Kirchen könnten dauerhaft, aber punktuell beleuchtet werden. Gedacht wird auch an Lichterparcours zu bestimmten Themen, die nur zeitweise oder bei Nutzung erleuchten. Zudem schlagen die Studenten Lichtevents etwa zweimal im Jahr vor, bei denen im Winter auch Nebel oder Eis einbezogen werden könnte.

Schon vor einiger Zeit hatten die Studenten eine Bestandsaufnahme gemacht, was es an Licht auf der Reichenau gibt. „Der Vorteil ist, dass die Reichenau relativ dunkel ist“, sagte damals Kulturchef Karl Wehrle, der gemeinsam mit Bürgermeister Wolfgang Zoll Leiter der Welterbe-Stiftung ist. Daher reiche für die Umsetzung des Konzepts wenig Licht und damit auch geringer Energieaufwand. „Es soll auch verträglich für den Umweltschutz sein“, erklärte Zoll, der Bürgerschaft, Natur-, Denkmalschutz und Kirchen in den Prozess mit einbinden will. Ein erster Schritt wurde am Montag getan.

Eindrucksvolles Bild: Das beleuchtete Münster in der Dunkelheit.
Eindrucksvolles Bild: Das beleuchtete Münster in der Dunkelheit. | Bild: Oliver Hanser