Ein Baustein hierfür sind dezentrale Angebote an Patienten; ein anderer Baustein sind neue Strukturen auf dem Zentrumsgelände im Lindenbühl selbst. Mit einer Akut- und Ambulanz-Tagesklinik will das ZfP mehr Service bieten, um Ressentiments abzubauen.

Das Problem: Der Patient soll sich nicht mehr als Nummer fühlen. Die Ärzte wollen "auf Augenhöhe" mit ihnen sein, erklärt Andrea Temme. Sie ist Chefärztin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und möchte etwas vom Schrecken, vom Vorbehalt und der Ablehnung der Psychiatrie nehmen. Soweit es bei dem durchaus schwierigen Klientel funktioniert. Das Konzept für mehr Akzeptanz, das die Ärztin vorstellt, ist eine Umkehr des Bisherigen. Kam der Patient bislang in das ZfP, erhielt er ein Zimmer und musste warten, bis ein Arzt zum Erstgespräch kam – das ist mit der "Nummer" gemeint. Im Haus 26, der für viele ersten Anlaufstelle, geht es künftig anders herum. Das gilt allerdings nicht für Menschen, von denen für sich selbst oder für andere eine Gefahr ausgeht.

Das Konzept: Künftig sind für die Aufnahme des Patienten relevante Stellen in dem Haus untergebracht. Wer mit einer Überweisung in das ZfP kommt, meldet sich am Empfang an. Anschließend nimmt er in einem Besprechungsraum Platz, ein Arzt stößt hinzu. Der Mediziner schätzt ein, welche Hilfe der Patient benötigt. Diese kann unterschiedlich ausfallen: von ambulanter bis stationärer Behandlung. Und auch für unterschiedliche Krankheitsbilder sind die Experten auf derselben Ebene, im Erdgeschoss, des Hauses 26. Dort befindet sich die Früherkennungssprechstunde für junge Erwachsene mit Psychosen ebenso wie die psychiatrische Institutsambulanz für Menschen mit Therapiebedarf über die Möglichkeiten des niedergelassenen Arztes hinaus. Im "Supported Employment Büro" erhalten Patienten Unterstützung bei der Suche nach einer Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt. Ebenfalls ein neuer, für Deutschland einzigartiger, Ansatz: Die Reha soll arbeitsbegleitend sein, nicht mehr einem neuen Job voranstehen. Weil dieser Ablauf "den Krankheitsverlauf positiv beeinflusst", sagt Andrea Temme.

Der Aufenthalt: Nach der Diagnose und Einschätzung durch den Psychiatrie-Arzt entscheidet sich, ob der Patient einen stationären Aufenthalt benötigt, oder ob er ambulant, teilstationär oder zu Hause behandelt werden kann. Im Obergeschoss des Hauses 26 sind die hierfür notwendigen Therapieräume – mit Ausnahme der Stationszimmer. Sie sollen nach Ende der Sanierung des nebenanstehenden Hauses 25 dort einziehen. Derzeit sind sie noch auf dem Gelände in den anderen Gebäuden verteilt. Ambulant bedeutet, dass der Patient für die Zeit der Behandlung ins Haus 26 kommt; teilstationär ist wie eine Tagesklinik mit Übernachtung ebenfalls zu Hause, aber tagesfüllender Therapie im ZfP. 18 Plätze gibt es für 18- bis 65-Jährige. Die "Stationsäquivalente Behandlung" ermöglicht eine "vollstationäre Behandlung zu Hause", sagt Winfried Klimm, am ZfP für Öffentlichkeitsarbeit und Arbeitstherapie zuständig. Die Therapeuten, nicht nur Psychologen, kommen in die Wohnung zum Patienten, der zum Beispiel unter schweren Depressionen oder Angstzuständen leidet. Das ermöglicht auch ein gezieltes Training, um den Alltag bewältigen zu können. Nachts besteht eine Rufbereitschaft bei Krisensituationen. Die Vermeidung eines stationären Aufenthalts, wenn möglich, geht auf die Erfahrung zurück, dass Therapien besser anschlagen, je weniger der Patient sein gewohntes Umfeld verlässt.

Die Vision: Geht es nach Chefärztin Andrea Temme, will sie künftig eines erreichen: 92 Prozent der Patienten kämen freiwillig in das Zentrum für Psychiatrie, acht Prozent unter Zwang. Bei der Hälfte, vier Prozent, wünscht sich Temme, dass sie zukünftig in der Akutklinik problemfrei aufgenommen werden können. Diese Menschen also erkennen, dass ihnen geholfen werden soll und sie sich aufgeschlossener den Hilfsangeboten zeigen; wenn das nicht beim ersten Mal klappt, dann vielleicht bei einem der nächsten Male, sofern weitere Einweisungen notwendig werden.

Die Kosten: "Für alle Menschen ein passgenaues Angebot schaffen", das gibt Winfried Klimm als Ziel für das Psychiatriezentrum vor. Für die Neugestaltung des 1960er-Baus hatte das Team von Andrea Temme 1 Million Euro. Diese Obergrenze sei nicht erreicht worden. "Der Patient soll reinkommen und sich wohlfühlen", sagt die Chefärztin. Sie schätze den Patienten als Menschen. Das solle sich im Umgang mit diesem widerspiegeln. Er soll "uns als offenes Haus wahrnehmen und nicht als Haus, das Zwang ausübt", sagt Andrea Temme – als Krankenhaus, nicht als Anstalt.

Ein Festakt und noch eine Neuerung

  • Einweihung: Zur Eröffnung des Ambulanz-Tagesklinik-Zentrums ist am Freitag, 20. Juli, ein Festakt geplant. Beginn ist um 14 Uhr. Mitarbeiter des ZfP wollen das gesamte Angebot vorstellen. Geschäftsführer Dieter Grupp wird begrüßen, Landrat Frank Hämmerle will Grußworte sprechen, Mitarbeiter wollen eine Aufführung bieten und anschließend gibt es die Möglichkeit für Begegnungen.
  • Erreichbarkeit: Die neue Akut- und Ambulanz-Tagesklinik ist im Haus 26 des Zentrums für Psychiatrie in Reichenau-Lindenbühl zu finden. Ein Kontakt ist über das Sekretariat möglich unter Telefonnummer (0 75 31)9 77 87 80 montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr. Per E-Mail: m.gruenwald@zfp-reichenau.de. Die ärztliche Leitung der Akuttagesklinik hat Christian Janzen inne.
  • Krisenzimmer: Der Gemeindepsy­chiatrische Verbund im Landkreis Konstanz, an dem mehrere Träger beteiligt sind, hat nahe dem Zentrum für Psychiatrie (ZfP) im Lindenbühl ein Krisenzimmer eingerichtet. Es wird vom ZfP betreut. Menschen mit psychischer Vorbelastung können dort für maximal sieben Tage einziehen, um durchschnaufen zu können: wenn es in der betreuten Wohngemeinschaft, in anderen WGs oder in der Familie derart zu Spannungen kommt, dass diese dauerhaft auf die Psyche durchzuschlagen drohen. Für Patienten ist dieses Angebot kostenfrei. Dadurch soll ein Krankenhausaufenthalt vermieden werden. Den Löwenanteil der 500 Euro Mietkosten übernimmt der Landkreis. Auch Angehörige können dieses Zimmer unter bestimmten Voraussetzungen nutzen. (phz)