Es reicht! Schon wieder steht der Nachbar mit seinem Auto in der Einfahrt. Das Maß ist voll. Situationen wie diese kennen wir alle. Wer seinem Ärger dann Luft verschaffen will, greift dann tief in die Schublade mit den Sprichwörtern: „Das geht doch auf keine Kuhhaut!“ Nur, was hat die arme Kuh damit zu tun? Die Antwort darauf kann man in der Kirche St. Georg auf der Reichenau finden.

Der Teufel schreibt alle Sünden auf

In der St. Georg Kirche, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, befindet sich altes Wandbild aus dem Jahr 1308. Auf diesem Spottbild sind zwei Frauen zu sehen, die sich angeregt unterhalten. Darunter befinden sich drei Teufelsfiguren, die eine Kuhhaut halten.

Ein weiterer Gehörnter sitzt auf der Kuhhaut. Er hat eine Feder in der Hand und schreibt: „Ich will hier von den dummen Weibern schreiben; was hier an Blabla die ganze Woche geredet wird, dessen wird gedacht werden, wenn es einmal vor dem Richter steht.“

Wandbild richtet sich an Kirchgängerinnen

Klare Worte: Die Frauen tratschen so viel, dass es nicht mehr auf die Kuhhaut passt. Darunter mit Sicherheit auch einige Lügen. Der Teufel, so der Glaube im Mittelalter, hält alle Sünden auf ein Pergament fest. Pergament, der Vorgänger des heutigen Papiers, wurde damals aus Ziegen- oder Kuhhaut hergestellt. Da Pergament teuer war, schrieb man nur die wirklich wichtigen Dinge auf. Sünden zählten für den Teufel dazu. Waren es zu viele Sünden, passten diese nicht mehr auf das Pergament beziehungsweise die Kuhhaut.

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Aber wen sollte das Wandbild erreichen? „Ich denke, dass sich das Fresko an die Kirchgängerinnen gerichtet hat“, sagt Felix Thürlemann, ehemaliger Kunstprofessor der Universität Konstanz. Seine Begründung: Das Wandgemälde befindet sich auf der Frauenseite (links) der Kirche. „Es ist so etwas wie eine bildgewordene Predigt, die den schwatzenden Weibern die Strafe im Jenseits vor Augen führt“, erläutert der Kunstprofessor.

Was war zuerst da? Das Sprichwort oder die Wandmalerei?

Im Prinzip funktioniere das Bild wie ein Comic, sagt der Reichenauer Kultur- und Tourismuschef Karl Wehrle: „Es ist eine Mahnung. Auch kleine Sünden werden gerichtet.“ Ob es zuerst das Sprichwort oder das Wandbild gab, ließe sich heute schwer sagen, erklärt Wehrle. „Das ist wie mit der Henne und dem Ei. Man kann es mit Sicherheit nicht genau sagen“, sagt er.