Was sich in Allensbach seit Jahren bewährt hat und zuletzt ebenso in Radolfzell, versucht nun auch die Gemeinde Reichenau. Im Busverkehr innerhalb der Gemeindegrenzen wird ein Ein-Euro-Ticket eingeführt.

Spätestens Mitte 2020 soll es so weit sein

Wann genau, ist zwar noch offen, doch spätestens Mitte des Jahres 2020 soll es so weit sein, sagte Hauptamtsleiter Mario Streib in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats. Das Gremium stimmte einhellig zu, obwohl die Gemeinde den Fehlbetrag zum eigentlichen Tarif von 2,55 Euro pro Fahrt an den Verkehrsverbund Hegau-Bodensee (VHB) erstatten muss.

Um diesen Abmangel decken zu können, will die Gemeinde zunächst 10 000 Euro im Haushalt 2020 einplanen. Mario Streib und Bürgermeister Wolfgang Zoll erklärten, man erhoffe sich dadurch eine Förderung des und mehr Fahrgäste im Öffentlichen Nahverkehr. „Wir hoffen natürlich, dass es auch Tagesgäste mehr nutzen“, so Streib.

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  • Das sagen Fahrgäste: Wolfgang Braun, ein Busfahrgast, den der SÜDKURIER beim Einsteigen in Oberzell befragte, sagte erfreut: „Das ist natürlich super.“

    Die 84-jährige Hadwig Fickenscher, die in Oberzell wohnt und öfter mit dem Bus nur bis Mittelzell fährt, ist ebenso freudig überrascht: „Das ist mal eine gute Sache, das ist ja prima. Da freue ich mich. Da tut man für die Alten auch mal etwas.“

    Sie könne aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Auto oder Fahrrad fahren. Und 2,55 Euro für eine Fahrt sei schon viel, zumal die Rückfahrt ja noch einmal dasselbe koste.
  • Das ist das bisherige Prinzip: So dürften das viele andere ähnlich sehen. Denn bisher zahlen Fahrgäste im Bus immer gleich viel, egal wie weit sie fahren: Ob nur vom Restaurant Kreuz in Oberzell zum Museum in Mittelzell oder von dort zum Campingplatz, was alles recht kurze Strecken sind, oder aber auch vom Museum über den ganzen Inseldamm bis nach Wollmatingen.

    Dieses Missverhältnis hatte jüngst schon die frühere Freie-Liste-Gemeinderätin Ines Happle-Lung im Gespräch mit dem SÜDKURIER angesprochen. Im Gemeinderat hatte zuletzt Britta Sauer-Böhm (Freie Wähler) die Einführung eines günstigeren Tarifs innerhalb der Gemeinde angeregt.

    Sonst müssten Fahrgäste zum Beispiel auch von der Waldsiedlung ins Gewerbegebiet Göldern oder zum Bahnhof ab Januar 2020 mit den neuen Buslinien und der besseren Anbindung für eine recht kurze Strecke den vollen Preis bezahlen.

    Sauer-Böhm äußerte sich nun auch erfreut, dass die Verwaltung ihre Anregung so schnell aufgegriffen und bearbeitet habe. Denn klar sei, dass der Landkreis die neuen Buslinien auch eher erhalten werde, wenn sie rentabel seien.

    Deshalb sei es wichtig, das neue günstige Angebot zu bewerben. Der Bürgermeister stimmte zu. „Wir kriegen eine jahrelang gewünschte Anbindung, aber sie muss auch genutzt werden.“
  • Wie viel es die Gemeinde kosten könnte: Zum Zeitpunkt der Umsetzung meinte Hauptamtsleiter Mario Streib, das Landratsamt und der VHB seien derzeit durch den Fahrplanwechsel und den neuen Betreiber – ein Tuttlinger Unternehmen statt der SBG – ziemlich beansprucht.

    „Die sind am Rödeln“, so Streib. Auch zu den Fahrgastzahlen innerhalb der Gemeinde Reichenau habe ihm der VHB keine Angaben machen können, weshalb er den Aufwand für die Gemeinde geschätzt habe, basierend auf den Erfahrungen anderer Gemeinden.

    In Gailingen, das kleiner ist, liege der jährliche Aufwand zum Beispiel bei etwa 2800 Euro, im größeren Allensbach bei knapp 8000 Euro. Es gehe dann auch noch darum, das neue Tarifsystem in den Bussen beim Ticketverkauf einzuprogrammieren. Doch dies dürfte erfahrungsgemäß ein paar hundert Euro ausmachen.
  • Das sagen die Lokalpolitiker: Matthias Graf (CDU) meinte zu der Neuerung: „Grundsätzlich finde ich es großartig.“ Aber er finde es problematisch, dass es keine Angaben zu den Fahrgastzahlen gebe. Sauer-Böhm meinte, wenn der VHB dies nicht wisse, dann ja vielleicht der Landkreis als Auftraggeber des Regionalverkehrs.

    Stefan Schmidt (FW) goss etwas Kritik in den Freudenbecher. Auch mit den neuen Buslinien sei Niederzell nicht richtig angeschlossen, und es gebe keine Haltestelle in der Seestraße. Gabriel Henkes (Freie Liste Natur) schloss sich an, ein richtiger Rundkurs auf der Insel sollte noch einmal geprüft werden – und das neue Angebot so schnell wie möglich umgesetzt.

    Das meinte auch Berndt Wagner (CDU): „Ich kann mir vorstellen, dass das richtig gut einschlägt.“ Sandra Grassl-Caluk (SPD) nannte das Ein-Euro-Ticket ebenso eine super Sache, bat aber darum, auch an die Schüler zu denken, die in Konstanz zur Schule gehen.

    Viele würden mit dem Fahrrad fahren. Aber wenn das nicht möglich sei, müssten sie im Bus meist den vollen Tarif zahlen, weil vor 8 Uhr die Umwelt-Punktekarte nicht genutzt werden dürfe. Das sollte mit Vorzeigen des Schülerausweises möglich sein.