Reichenau Bundestagspräsident Norbert Lammert spricht Klartext beim Münsterjubiläum

Beim Inselfeiertag auf der Reichenau hält Bundestagspräsident Norbert Lammert am Welterbetag eine erstaunlich politische Rede. Viele hundert Menschen feiern das 1200. Jubiläum des Münsters.

Von Karl dem Großen bis zur Globalisierung reichte das Themenspektrum am gestrigen Inselfeiertag Mariä Himmelfahrt auf der Reichenau. Heinrich Mussinghof, emeritierter Bischof von Aachen, ging angesichts des Jubiläums 1200 Jahre Münster in seiner Predigt im Festgottesdienst im Münster auch auf die Karolinger Zeit im 8. und 9. Jahrhundert und die enge Verbindung des Kaisers zur damals bedeutenden Abtei Reichenau ein. Während der Bischof davon ausgehend eine Brücke schlug zur Bedeutung der Mutter Gottes Maria für den christlichen Glauben, leitete Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner erstaunlich politischen Rede mit dem Titel „Welt. Kultur. Erbe.“ beim anschließenden Festakt zum Welterbetag im Klosterhof von den Karolingern zum europäischen Kulturerbe und zur heutigen Politik über.

Dieses kulturelle, religiöse und humanistische Erbe mit seinen Prinzipien wie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit sei nicht nur das Vermächtnis früherer Generationen, die nach teils „grässlichen Verirrungen“ dieses Europa gebaut haben, sondern „eine Verpflichtung für die Zukunft“, so Lammert vor einigen hundert Zuhörern. „Ohne das Durchsetzen dieser Prinzipien hält keine Gesellschaft zusammen.“ Um den inneren Zusammenhalt bei aller Vielfalt und verschiedenen Interessen zu wahren, brauche es ein Mindestmaß an Verbindlichkeiten und Gemeinsamkeiten. Dies gelte für eine Familie ebenso wie für die deutsche Gesellschaft. Er nannte das Beispiel Integration – und Europa.

Lammert stellte eingangs die Frage, was von 2016 in Erinnerung bleibenwerde. Wohl eher nicht Kultur, sondern der Brexit, der internationale Terrorismus, der Ukrainekonflikt oder der „doppelte Putsch“ in der Türkei – erst der des Militärs, dann die Attacke der Regierung gegen die eigene Verfassung. „Es fällt uns vieles auf, was mit Macht zu tun hat, mit handfesten Interessen“, so Lammert.

Ein Festtag wie der auf der Reichenau sei wichtig, weil er zum Nachdenken über das Erbe anrege. In der karolingischen Zeit sei „das Zentrum von Macht und Kultur aus dem antiken Mittelmeerraum in das nordwestliche Europa gewandert“. Doch das Heilige Römische Reich deutscher Nation sei „weder eine Nation, noch römisch und ganz sicher nicht heilig“ gewesen. Die Christianisierungswelle Karls sei weniger mit Bibel und Kreuz, sondern mit Feuer und Schwert vor sich gegangen. Der Umgang mit Ungläubigen erinnere an die heutigen Verirrungen radikaler Islamisten. Doch es habe unter Karl auch eine Bildungsreform gegeben – für eine gemeinsame Sprache und systematische Bildung. Hier sei die Abtei Reichenau eine der ersten Schulen gewesen.

Lammert leitete dann zur heutigen EU über, wo eine Diskrepanz festzustellen sei zwischen den einst formulierten Zielen und dem Umgang miteinander. Lammert geißelte die Tendenzen zurück zum Nationalstaat, die „mit teils erschreckenden Parolen“ einhergingen. Da werde Gedankengut des 19. Jahrhunderts, das im 20. Jahrhundert „erbärmlichst gescheitert“ sei, wiederbelebt. „In Europa scheint man es für einen besonderen Clou zu halten, dass es keine Verbindlichkeiten gibt.“ Doch die europäische Gesellschaft lebe von der Kultur des Glaubens und der Kultur der Vernunft, zitierte er den Philosophen Jürgen Habermas und Josef Karl Ratzinger. Nur diese Verbindung verhindere Verirrung, meinte Lammert.

Mehr Zuversicht sprach natürlich aus den Worten von Bischof Mussinghoff im Gottesdienst im restlos gefüllten Münster – zumindest für die Gläubigen. Die Mutter Gottes Maria sei eine Quelle des Trostes und ein Zeichen der Hoffnung. Entscheidend sei, sie in unsere Herzen aufzunehmen und zu ehren. Denn als erster Mensch, der in den Himmel aufgenommen worden sei, stehe sie für die Auferstehung aller Gläubigen. Mit zelebriert wurde der Gottesdienst unter anderem von Inselseelsorger Pater Stephan Vorwerk und Weihbischof Paul Wehrle. Zur besonders feierlichen Gestaltung anlässlich des Münsterjubiläums trugen Münsterchor und -orchester mit einer beeindruckenden Aufführung von Mozarts Missa solemnis bei. Verbunden war der Gottesdienst wie immer an Mariä Himmelfahrt mit einer Kräuterweihe. Das Seniorenzentrum unter der Leitung von Anita Becker verteilte am Münstereingang gegen eine Spende selbst gebundene Kräutersträuße.

An der Prozession der vielen hundert Gläubigen nahm auch wieder die historische Bürgerwehr teil, die zudem den Festakt mit einer Parade umrahmte. Auch sie hatte einen besonderen Gast: den Landeskommandanten der badisch-südhessischen Bürgerwehren und Milizen, Oberst Hans-Joachim Böhm.

Weihe vor 1200 Jahren

Mit gefeiert an Mariä Himmelfahrt wurde das Jubiläum 1200 Jahre Münster. Am 16. August 816 wurde die Kreuzbasilika geweiht, von der die Vierung und das Ostquerhaus die ältesten Bauteile des Münsters sind. Zum Jubiläum gibt es eine Ausstellung im Reichenauer Museum bis Ende Oktober. Einen Fachvortrag über die Architektur des Münsters hält der Heidelberger Professor Matthias Untermann am 12. Oktober. Außerdem ist als Sonderprägung eine Medaille in limitierter Auflage in Silber und Gold über den SÜDKURIER – für Abonennten günstiger – erhältlich: in allen Service-Centern, unter der kostenlosen Telefonnummer 0800/999 68 88 oder im Internet: shop.suedkurier.de/medaillen. (toz)

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