Wäsche hängt man im Freien zum Trocknen normalerweise auf, wenn trockenes Wetter ist. Im nordwestlichen Teil der Reichenauer Waldsiedlung ist das seit rund drei Monaten genau anders herum – wegen der Tunnelbaustelle neben der B 33. Seit es wärmer und öfter trocken sei, zögen immer wieder große Staubwolken von dort herüber in die Siedlung, klagen Anwohner. Barbara Schmidt aus der Straße Fohrenbühl berichtet, sie hänge Wäsche höchstens noch auf, wenn es zuvor geregnet habe und die Luft rein sei. Ihr Nachbar Thomas Nezneskal meint zynisch: „Wäsche aufhängen kann man nicht – höchstens gelbe.“

Und das ist nur ein Teil des Problems, denn der Dreck sei bei trockenem Wetter wie zuletzt an den heißen Tagen überall, klagen die betroffenen Anwohner. „Wenn man auf der Terrasse sitzen will, muss man erst mal alles abwischen“, erklärt Gudrun Vogler. Barbara Schmidt meint, Fensterputzen könne man sich sparen. „Die sind am nächsten Tag wieder voll.“ Und Fenster aufmachen könne man auch nicht. „Man muss damit rechnen, dass es staubig wird.“

Viele Anwohner im nordwestlichen Teil der Waldsiedlung klagen über Lärm und Dreck durch die nahe Tunnelbaustelle – so wie (von links) Thomas Nezneskal, Laura Schmidt, Elisabeth Müller und Barbara Schmidt. Wäsche aufhängen bei trockenem Wetter könne man zum Beispiel nicht, weil dann am meisten Schmutz herüberwehe.
Viele Anwohner im nordwestlichen Teil der Waldsiedlung klagen über Lärm und Dreck durch die nahe Tunnelbaustelle – so wie (von links) Thomas Nezneskal, Laura Schmidt, Elisabeth Müller und Barbara Schmidt. Wäsche aufhängen bei trockenem Wetter könne man zum Beispiel nicht, weil dann am meisten Schmutz herüberwehe. | Bild: Zoch, Thomas

Ständige Staubbelastung

Elisabeth Müller aus dem Spechtweg erklärt: „Es ist unerträglich.“ Sie habe ständig klebrige Staubschichten auf der Terrasse und im Haus. „Es setzt sich überall ab. Das Atmen fällt schwer und die Augen brennen.“ Sie habe schon oft beobachtet, wie über den Erdhügel neben der B 33 eine Staubwolke angeflogen komme. „Wenn wir die paar Bäume dazwischen nicht hätten, wäre es noch schlimmer“, meint Müller. Vor einigen Wochen habe sie deshalb bei der Gemeindeverwaltung angerufen, aber als Antwort bekommen: „,Das geht uns nichts an.‘ Da bin ich fast ausgeflippt.“ Immerhin habe man ihr die Telefonnummer der zuständigen Neubauleitung Singen gegeben. Und beim Sommerfest des Siedlervereins am 20. Juli habe sie Bürgermeister Wolfgang Zoll darauf angesprochen. Dieser leitete die Beschwerde ebenfalls an die Neubauleitung weiter. Es sei ihm natürlich wichtig, dass man die Belastung der Bevölkerung in Grenzen halte, betont er auf Nachfrage. Und: „Ich freue mich, dass nun Gegenmaßnahmen ergriffen wurden.“

Besondere Maßnahmen bei Trockenheit

Wie die aussehen, erläutert die zuständige Projektleiterin Kirsten Martin von der Neubauleitung. Normalerweise gelte auf der Baustelle ein Tempolimit von zehn km/h. Bei Trockenheit seien die Fahrer von Baufahrzeugen angewiesen, nur Schritttempo zu fahren, um weniger Staub aufzuwirbeln. Zudem würden dann alle zwei Stunden die Baustraßen von einem Wasser-tanklastzug abgespritzt, um die Staub-entwicklung zu verringern. Dieser Wasserwagen müsse immer vor Ort sein. Seit Ende Juni weise die Neubauleitung die Baufirma entsprechend an. Man habe das intern auch schon kommuniziert, bevor es Beschwerden von Bürgern gegeben habe, weil davon ja auch die Bauarbeiter selbst betroffen seien. „Wenn es trocken ist, ergreifen wir wieder die.“

Bei dem Dreck handele es sich um Feinkornanteile des getrockneten Bodens, erklärt Martin. Zumindest schädliche Stoffe sollten darin nicht enthalten sein. Der Boden sei vor der Baumaßnahme beprobt und untersucht worden. „Wir nehmen das schon ernst“, sagt Martin. Und man werde darauf auch ein Augenmerk legen bei den noch ausstehenden Tunnelbauten bei Hegne und Allensbach.

Rund 600 Meter lang ist die Baugrube für den Tunnel bei der Waldsiedlung. Weil es bei den Bauarbeiten an trockenen Tagen zu einer stärkeren Staubentwiclung gekommen ist, werden die Wege regelmäßig bewässert, so Projektleiterin Kirsten Martin von der Neunauleitung Singen. Bild: Thomas Zoch
Rund 600 Meter lang ist die Baugrube für den Tunnel bei der Waldsiedlung. Weil es bei den Bauarbeiten an trockenen Tagen zu einer stärkeren Staubentwiclung gekommen ist, werden die Wege regelmäßig bewässert, so Projektleiterin Kirsten Martin von der Neunauleitung Singen. Bild: Thomas Zoch | Bild: Zoch, Thomas

„Wie ein Sandsturm“

Für die betroffenen Waldsiedler ist das ein schwacher Trost, denn die bisherigen Gegenmaßnahmen haben offenbar wenig bewirkt. „Wir haben nicht gemerkt, dass es eine Besserung gibt“, so Elisabeth Müller. Regina Nezneskal meint dagegen, es sei nicht mehr ganz so schlimm wie am Anfang, als der Dreck mitunter „wie ein Sandsturm“ über die Siedlung gezogen sei. Sie und ihr Mann Thomas meinen zudem, sie könnten mit dem Dreck schon leben, auch wenn das nicht schön sei. Aber die Baustelle gehe ja irgendwann vorüber und bringe dann eine Verbesserung durch den Tunnel, was Gestank und Lärm betreffe.

Doch es ist nicht nur der Dreck, der zu schaffen macht: Die Nezneskals klagen wie auch andere Anwohner zudem über eine hohe Lärmbelastung durch die Baustelle. „In der Nacht ist der Lärm schon teils extrem“, sagt Regina Nezneskal. Ihr Mann erklärt, das sei ein metallisches Schlagen. Barbara Schmidt berichtet, das gehe schon morgens um 4 Uhr los und dauere bis abends um 22 Uhr an. „Der Geräuschpegel ist enorm.“ Fenster aufmachen oder draußen sitzen könne man da nicht. „Das ist nicht schön.“ Elisabeth Müller meint zum geplanten Bauende im Frühjahr 2022: „Das ist eine lange Zeit. Mir graut davor.“

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Die Dimensionen der Baumaßnahme

  • Der B 33-Tunnel bei der Waldsiedlung soll einmal 474 Meter lang sein. Hinzu kommen Ein- und Ausfahrtströge – im Süden mit einer Länge von 93 Metern, im Norden Richtung Hegne mit 278 Metern. Aktuell sei die Baugrube zu etwa zwei Dritteln ausgehoben, habe eine Länge von circa 600 Metern und eine Breite von rund 20 Metern, so Projektleiterin Kirsten Martin. Insgesamt werde es einen Erdaushub von rund 160 000 Kubikmetern geben. Circa 65 000 davon würden später wieder beim Tunnel verbaut, weitere rund 30 000 seien beim Straßenbau im Westen von Allensbach eingebaut worden.
  • Provisorische Streckenführung: Für Autofahrer auf der B 33 soll es bis zum Abschluss des Tunnelbaus – geplant im Frühjahr 2022 – keine weitere Änderung der Verkehrsführung mehr geben. Dies kündigt Projektleiterin Kristen Martin an. Seit Kurzem wird der Verkehr über die neu sanierte alte Eisenbahnbrücke und eine Behelfsfahrbahn geleitet, die zwischen der B 33 und der Waldsiedlung auf und ab führt. Diese Umleitung sei nötig, weil der südliche Ein- und Ausfahrtstrog des Tunnels im Bereich der bestehenden Straße gebaut werde, erklärt Martin. (toz)

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