Der Gemüsebau spielte noch keine große Rolle, und den Begriff Weltkulturerbe gab es noch gar nicht, als ein paar Reichenauer vor rund 100 Jahren ihre Begeisterung fürs Turnen entdeckten. Allen voran der Malermeister Fritz Weltin. Er war nicht nur Gründungsmitglied des Turnvereins Reichenau im Jahr 1920, sondern auch bis 1933 dessen erster Vorsitzender. Die Turner ernannten ihn damals hierfür zum Ehrenmitglied, die Urkunde fertigte der Kunstmaler Heinrich Lotter. Und ein vergilbtes Foto aus dem Jahr 1936 zeigt die stolze, neunköpfige Turnerriege von der Reichenau, die am Landesturnfest in Karlsruhe teilnahm.

Doch in der Nazizeit und vor allem im Zweiten Weltkrieg hätten die turnerischen Aktivitäten ruhen müssen, berichtet das heutige Ehrenmitglied Bernd Leonards. Er war 1949 dabei, als der Sportverein im Gasthaus Schiff schließlich neu gegründet wurde. Und auch damals sei Fritz Weltin die treibende Kraft gewesen.

Für die Jubiläumsfeier hofft der Verein auf Sponsoren

Der heutige Vorstand um die Vorsitzende Bianca Wurz will nun Ende Juni 2020 das 100-Jahr-Jubiläum groß feiern und hofft, dass sich möglichst viele Mitglieder und auch ehemalige Aktive dabei einbringen. Das habe schon mal bei der ersten Planungssitzung vor ein paar Wochen gut funktioniert, als viele Ideen gesammelt und Arbeitsgruppen gebildet wurden, so Wurz.

Der Sportverein sucht historische Fotos – so wie dieses. Es zeigt die Turnerriege 1936 beim Landesturnfest Karlsruhe (v. l.): Edmund Ochs, Karl Haselberger, Oskar Böhler, Karl Böhler, Turnwart Arthur Welte, Alfred Huber, Hermann Müller, Theodor Müller, Fridolin Haselberger.
Der Sportverein sucht historische Fotos – so wie dieses. Es zeigt die Turnerriege 1936 beim Landesturnfest Karlsruhe (v. l.): Edmund Ochs, Karl Haselberger, Oskar Böhler, Karl Böhler, Turnwart Arthur Welte, Alfred Huber, Hermann Müller, Theodor Müller, Fridolin Haselberger. | Bild: Thomas Zoch

Die Finanzierung solle möglichst über Sponsoren geleistet werden, erklärt Wurz. Die Mitgliedsbeiträge sollen wie üblich in den Sportbetrieb fließen. „Ohne Sponsoren wäre ein solches Jubiläum nicht zu denken“, meint Wurz. Ob sich alle Themen wie gewünscht umsetzen lassen, werde der Vorstand erst im Lauf der Planung herausfinden – finanziell, personell und organisatorisch.

Verein ist schuldenfrei

Kassiererin Eva Weitbrecht fügt an, um dies alles zu bewältigen, seien zwei Jahre Vorlaufzeit absolut nötig. Der Verein stehe zwar finanziell ordentlich da. „Wir haben keine Schulden“, so Weitbrecht, aber die Erneuerung der Sanitäranlagen im Vereinsheim zuletzt hätten schon einiges gekostet. Und: „Wir haben auch noch andere Veranstaltungen zu stemmen. Jetzt kommt das Weinfest, da werden alle Kräfte gebündelt, und dann der Straßenlauf.“

Der Vorstand des Sportvereins Reichenau hofft bei der Organisation des 100-Jahr-Jubiläums auf die Unterstützung von vielen Mitgliedern (vorn, von links): Anke Nechwatal, Bernd Leonards, Eva Weitbrecht sowie (hinten, von links) Stephan Okle, Bianca Wurz, Andrea Bulitta und Gert Meyer. Bild: Thomas Zoch
Der Vorstand des Sportvereins Reichenau hofft bei der Organisation des 100-Jahr-Jubiläums auf die Unterstützung von vielen Mitgliedern (vorn, von links): Anke Nechwatal, Bernd Leonards, Eva Weitbrecht sowie (hinten, von links) Stephan Okle, Bianca Wurz, Andrea Bulitta und Gert Meyer. Bild: Thomas Zoch | Bild: Thomas Zoch

Doch Wurz betont, unabhängig davon, ob sich alle Ideen umsetzen lassen, seien sich bei der ersten Planungssitzung alle in einem Punkt einig gewesen: „Es soll ein familien- und sportfreundliches Fest werden, bei dem sich die Abteilungen und Gruppen des Sportvereins mit verschiedenen Programmpunkten und Spielen, Aktionen, Wettkämpfen präsentieren können.“

"Der jetzige Sportplatz war damals eine Streuwiese"

Zur geplanten Festschrift und Ausstellung können natürlich vor allem ältere Mitglieder wie Bernd Leonards und Gert Meyer beitragen mit Infos, Fotos, Erlebnisberichten, Urkunden, Medaillen oder Sportkleidung. Leonards berichtet, dass einige Reichenauer bei der Reichswehr das Kicken gelernt hätten und dies nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg auf der Insel einführten – unter erschwerten Bedingungen. „Der jetzige Sportplatz am Baurenhorn war damals eine Streuwiese.“ Beim neuen Sportverein gab es deshalb auch eine Fußballabteilung.

Leonards selbst war aber beim Leistungsturnen dabei – und merkt schmunzelnd an: „Die Leistung war nicht so hoch, aber es hat Spaß gemacht.“ Die alten Geräte wie Reck und Barren von 1920 seien wieder benutzt worden. „Die waren im Krieg in einer Scheune.“ Das Leistungsturnen erlebte später unter dem Trainer Erhard Vögtle eine Blütezeit mit Erfolgen bei Wettkämpfen. Heute bietet die größte Abteilung vor allem Breitensport. Im Fußball sorgte erst die Spielgemeinschaft mit dem FSV Waldsiedlung vor einigen Jahren für nachhaltigen Erfolg. Mittlerweile haben sich die Reichenauer Kicker in der Bezirksliga etabliert.

Läufer sind heute Aushängeschild

Die heute sportlich erfolgreichste Leichtathletik-Abteilung wurde erst 1972 von Bernhard Graf gegründet, berichtet Gert Meyer, der selbst lange deren Abteilungsleiter war und auch SVR-Vorsitzender. Und ein guter Weitspringer: „Sieben Meter bin ich gehüpft.“ Auf der Insel sei auch schon früh Speerwurf geübt worden – mit Tomatenstecken. Graf habe auf der Reichenau aber die Tradition der Langläufe begründet, wobei Meyer schmunzelnd anmerkt: „Die ersten Wettkämpfe waren chaotisch. Am Start sind sie losgerannt wie die Weltmeister, aber dann war irgendwann die Luft raus.“ Doch das habe sich bald gebessert und bei Wettkämpfen landeten Reichenauer im vorderen Drittel, so Meyer.

Vor allem Berno Spicker, Roland Forster und Karl-Heinz Lock hätten sich dann als Crosslauf- und Langlaufspezialisten herauskristallisiert und Erfolge gefeiert. „Unter diesem Dreigestirn hat die Langlauf-Ära angefangen. Viele junge Läufer kamen nach“, so Meyer. Noch heute gibt es den Halbmarathon und Straßenlauf auf der Insel – und erfolgreiche einheimische Läufer, wie der Abteilungsleiter Stephan Okle erklärt: „Wir haben viel Breite und viel Spitze.“

So soll gefeiert werden

Vom 26. bis 28. Juni 2020 plant der Sportverein Reichenau seine Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen und hofft dabei auf Unterstützung von Mitgliedern, Ehemaligen und Sponsoren. Wer dazu etwas beitragen möchte – sei es aktiv im Team oder mit Infos und Erinnerungsstücken, kann sich melden unter E-Mail: jubilaeum@svreichenau.de oder bei der Kassiererin Eva Weitbrecht unter Telefon (0 75 34) 95 58 29.

Knapp 1000 Mitglieder hat der SVR als größter Reichenauer Verein aktuell, davon sind rund 400 Kinder und Jugendliche. Den Vorstand bilden derzeit die erste Vorsitzende Bianca Wurz, Manfred Graßl als ihr Stellvertreter, Kassiererin Eva Weitbrecht, Schriftführerin Andrea Bulitta sowie die Abteilungsleiter Anke Nechwatal (Turnen), Rolf Blum (Fußball) und Stephan Okle (Leichtathletik). Letzterer Abteilung zugeordnet sind auch Tischtennisspieler und ein Eishockeyteam. (toz)