Mitarbeiter im Ruhestand kehren mitunter zu einem Besuch an den früheren Arbeitsplatz zurück. Eine Rückkehr kann sich auch Anita Becker gut vorstellen – und dies sogar auf Dauer. Denn die bisherige Leiterin des Seniorenzentrums auf der Insel Reichenau kennt natürlich die Vorzüge des Hauses, das einen guten Ruf in der Region genießt, und schließt daher nicht aus, später einmal selbst in eine der 19 Wohnungen zu ziehen. Nun heißt es für die 64-Jährige aber erst mal Abschied nehmen, Ende Juli geht sie in den Ruhestand. "Ich werde viele gute Erinnerungen mitnehmen und haben", so Anita Becker.

Konzept des offenen Hauses von Anfang an

Der gute Ruf des Reichenauer Seniorenzentrums zeigt sich wohl am besten an der Nachfrage. Es gibt Wartelisten, und eine leer stehende Wohnung gab es höchstens mal für ein paar Wochen. Dazu hat Anita Becker selbst maßgeblich beigetragen, denn sie war dort seit dessen Eröffnung im Juli 2001 die Leiterin und für die Betreuung zuständig. Wobei es dabei nicht nur um eine gute Atmosphäre intern gegangen sei. "Es war von Anfang an das Konzept, sich zu einem offenen Haus zu entwickeln", blickt sie zurück.

Und das sei gelungen, wobei Becker dies als Ergebnis eines guten Miteinanders sieht. Zum einen dank der guten Zusammenarbeit mit dem Verein Leben im Alter, der schon zur Umwandlung des früheren Altenheims in ein modernes Zentrum für betreutes Wohnen beitrug und dieses seither unterstützt – unter anderem mit jährlich einer 4000-Euro-Spende für die Nachtbereitschaft. Öffentliche Seniorennachmittage sowie Kultur- und Infoveranstaltungen bieten der Verein und das Seniorenzentrum gemeinsam an, die von Bewohnern wie Gästen gern besucht werden. "Der Verein ist einfach eine Bereicherung sowohl für die Bewohner wie für die Tagespflege", erklärt Becker.

Kooperationen sind über die Jahre gewachsen

Ebenso gebe es aber auch Kooperationen mit den beiden Pfarreien sowie gute Kontakte zur Walahfrid-Strabo-Schule und den Kindergärten Weiler und Käppele. So komme etwa jeweils eine Klasse der Schule zur Nikolausfeier mit einem kleinen Programm, und der Kiga Weiler mache ein Martini-Programm. "Da ist im Lauf der Jahre etwas gewachsen zwischen den Senioren und den Kindern", freut sich Becker.

Und neben dieser Öffnung sei auch ein weiterer Teil des Konzepts gelungen, eine Hausgemeinschaft zu entwickeln unter den bis zu 20 Bewohnern, Kontakte zu knüpfen und Gemeinschaft zu erleben, aber nur, wenn man das möchte. Denn die meist noch recht selbstständigen Bewohner könnten ebenso ihre Individualität wahren, betont Becker. Doch es habe sich bewährt, dass man ganz viel gemeinsam mache auch mit den Nutzern der Tagespflege – Aktivitäten wie Singkreis, Gymnastik, Ausflüge oder Feste. Neben Mitarbeitern und Vereinsmitgliedern werde dies auch von erfreulich vielen weiteren Helfern unterstützt. "Es ist toll, dass andere Leute ins Haus kommen", so Becker. "Das ist nichts Selbstverständliches."

Besondere Momente

Gefragt nach den besonderen Momenten in den 17 Jahren ihres Wirkens fallen Becker denn auch vor allem schöne Gemeinschaftserlebnisse ein – wie die jährlichen Schiffsausflüge oder die gemeinsamen Essen mit allen Mitabeitern und Helfern, die mit den Spenden finanziert werden, die das Seniorenzentrum am Inselfeiertag Mariä Himmelfahrt (15. August) bekommt für Kräutersträuße, die man am Münster anbietet. "Und natürlich ist die Fasnacht jedes Jahr ein Highlight", so Becker. "Da ist immer ganz viel los." Die Gruppen des Narrenvereins Grundel und viele Besucher kommen am Schmotzige ins Haus. "Das ist für die Senioren toll, dass sie auch Fasnacht machen können." Als ganz besonders nennt sie indes etwas, das ausblieb. "Wir haben Gott sei Dank nie was ganz Schlimmes erlebt – wie etwa ein Feuer."

Eine gute Zusammenarbeit

Als besonders nennt Anita Becker zudem die Ausstattung des Reichenauer Seniorenzentrums sowie die Zusammenarbeit zwischen der Gemeinde als Träger und der Caritas Altenhilfe für die Region Konstanz als Betreiber des Hauses. "Es gibt ein gutes, einvernehmliches und konstruktives Miteinander in allen Belangen." Egal, ob es um technische Dinge gehe, um Gartenpflege oder konkrete Probleme vom Bewohnern. "Es gab immer Lösungen. Das wird sicher auch in Zukunft so sein." Dass es im Haus das Angebot einer Tagespflege gebe, die vom Marienhaus Konstanz betreut wird, sei ebenso etwas Besonderes für so eine Anlage. "Das war auch dem Verein ganz wichtig, dass das betreute Wohnen damit ergänzt wird."

Und der Personalschlüssel sei so gut wie sonst nirgends im Landkreis, meint sie. Dies sei möglich, weil die Gemeinde der bei ihr angesiedelten Stiftung Seniorenzentrum jährlich einen Zuschuss im sechsstelligen Bereich gewährt und auch dank der Unterstützung des Vereins Leben im Alter. Und dass es mit ihrer Nachfolgerin Sarah Mayer eine weit über ein Jahr dauernde Zeit gab, die Übergabe vorzubereiten, sei ebenso ungewöhnlich wie gut, betont Becker.

Bei allen guten Erfahrungen und Erinnerungen will die 64-Jährige aber jetzt vor allem ihre freie Zeit genießen und sich mehr ihren Hobbys widmen: dem Reisen, Lesen oder dem Singen im Chor. Und: "Ich werde mich um meine Gesundheit kümmern, das finde ich etwas ganz Wichtiges", ergänzt Anita Becker. Anregungen für den Ruhestand habe sie zudem in ihrem Berufsleben bekommen. "Ich habe für mein persönliches Leben viel lernen können – Beispiel, wie man seinen Lebensabend gestalten kann."