Die Radolfzeller Innenstadt kennt man so eigentlich nur von verschlafenen Sonntagen an regnerischen Novembertagen: Leer, grau, alle Läden geschlossen. Doch seit Wochen ist dies nun der Dauerzustand in der Stadt. Die Corona-Verordnungen des Landes erlauben im Einzelhandel und der Gastronomie maximal einen Liefer- und Abholservice. Ansonsten müssen die Geschäfte geschlossen bleiben.

Der CDU-Landtagskandidat für den Wahlkreis Konstanz/Radolfzell, Levin Eisenmann, suchte zusammen mit Stadträtin Martina Gleich das Gespräch mit lokalen Einzelhändlern, um zu hören, wie es ihnen geht und wie sie die aktuelle Lage bewältigen. Dabei kamen sehr unterschiedliche Sichtweisen zu Tage. Je nach Branche wirken sich die Folgen der Schließung und der Pandemie mal mehr, mal weniger aus.

Abholstation für Bücher gut angenommen

Sabine Schlag ist die Inhaberin der Buchhandlung am Obertor und zeigt sich sehr optimistisch für die Zukunft. Die vergangenen Wochen seien zwar anstrengend gewesen, doch hätten sie und ihre Mitarbeiter keinen Grund zu jammern gehabt.

„Die Abholstation ist eine große Erleichterung für uns und wird gut angenommen“, sagt die Buchhändlerin. Davor habe ihr Mann, ein freiberuflicher Fotograf mit pandemiebedingter Freizeit, die Bücher mit dem Fahrrad ausgeliefert. Die Stammkunden seien der Buchhandlung treu geblieben, darüber habe sich Sabine Schlag sehr gefreut.

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Ihre vergleichsweise gute Situation sieht sie in den gewachsenen Strukturen des Buchhandels verortet. Bücher seien leicht zu liefern, über den Inhalt könne man sich bestens online vorab informieren und was nicht auf Lager sei, könne innerhalb weniger Tage beim Großhändler bestellt werden. Dieser liefere außer montags täglich von Dienstag bis Samstag. Lange Wartezeiten auf Bücher gebe es also nicht, so Schlag.

Internethandel wird genutzt

Auch die Konkurrenz aus dem Internet sei in der Buchbranche nur bedingt ein Problem. Denn über ihren Großhändler habe auch Schlag einen Online-Shop für die Buchhandlung am Obertor, in der Kunden von zu Hause aus stöbern könnten. Über dieses Portal könnten auch Bestellungen aufgegeben werden oder direkt per Mail oder Telefon in der Buchhandlung. Das gewünschte Buch könne abgeholt werden oder mit dem Fahrrad zur Wunschadresse ausgeliefert bekommen. „Wir mussten in diese Strukturen nichts investieren, weil sie da waren. Das hat es uns sehr einfach gemacht“, so Schlag.

„Die Abholstation ist eine große Erleichterung für uns und wird gut angenommen“, sagt Sabine Schlag.
„Die Abholstation ist eine große Erleichterung für uns und wird gut angenommen“, sagt Sabine Schlag. | Bild: Daniela Biehl (Archivbild)

Keiner der festangestellten Mitarbeiter sei in Kurzarbeit gewesen, im Laden gebe es genug zu tun. Finanzielle Hilfen hätte Schlag im ersten Lockdown im März in Anspruch genommen und auch etwas aus dem Privatvermögen zuschießen müssen. Mittlerweile sei das nicht mehr notwendig.

Eine ganz andere Geschichte des Lockdowns

Ein paar Ecken weiter erzählt Sabine Purschke, Inhaberin der Boutique Mode am Marktplatz, eine ganz andere Geschichte des Lockdowns. Ihre Ware, hochwertige Winter-Mode, verliere Woche für Woche mehr an Wert. „Langsam werden es immer mehr schlaflose Nächte“, sagt die Boutique-Besitzerin.

Zukunftsängste und Sorgen würden aktuell ihren Alltag belasten. Ob die Geschäfte am 15. Februar wieder öffnen können, das sei auch heute noch unklar. „Die Lage ist bedrohlich“, sagt Purschke. Ihr Laden sei noch voll mit Winterware, die wolle in ein paar Wochen auch niemand mehr kaufen. Am Ende müsse sie mit dem Preis soweit runter, um Platz für die neue Ware für das Frühjahr zu schaffen.

Neue finanzielle Hilfe

CDU-Landtagskandidat Levin Eisenmann informierte darüber, dass die Bundesregierung den Wertverlust von Waren durch den Lockdown ersetzen würde. Damit solle der Handel unterstützt werden. Gleichzeitig kritisierte er die in seinen Augen langsame Auszahlung der November- und Dezemberhilfen, die bis heute nicht noch nicht ausgeschüttet sei. „Die Novemberhilfe sollte kein Osterhase werden“, fordert Eisenmann.

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Auch Sabine Purschke hatte während dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 Soforthilfen beantragt. Damals ginge das alles recht unkompliziert und schnell, erinnert sie sich. Jetzt sei alles bürokratischer.

CDU-Stadträtin Martina Gleich (von links), Boutique-Besitzerin Sabine Purschke und CDU-Landtagskandidat Levin Eisenmann tauschen sich über die aktuelle Lage aus.
CDU-Stadträtin Martina Gleich (von links), Boutique-Besitzerin Sabine Purschke und CDU-Landtagskandidat Levin Eisenmann tauschen sich über die aktuelle Lage aus. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Für ihre kleine Boutique einen Online-Handel oder Abholservice einzurichten, würde sich nicht lohnen, sagt Purschke. Ihre Telefonnummer hänge im Schaufenster, wer etwas brauche, dürfe sie privat anrufen. „Doch das kommt vielleicht alle zwei Wochen einmal vor“, sagt sie. Kleidung sei etwas, das man anschauen und anfassen wolle. Sie sei für ihre Kundinnen mehr als nur eine Fachverkäuferin, bei einem Besuch der Boutique spiele das Zwischenmenschliche eine große Rolle.

Sabine Purschke hofft auf Schadensbegrenzung und eine baldige Lockerung der Corona-Verordnung. Ihren kleinen Laden sehe sie ohnehin nicht als Infektionsherd, da ohnehin nie mehr als eine oder zwei Kundinnen gleichzeitig da wären.

Gleichzeitig ärgert sie sich über die Ungleichbehandlung zu anderen Geschäften. Supermärkte und Discounter dürften weiterhin Textilien im Sortiment führen. Zwar nicht in der selben Qualität. Aber: „Gerecht ist das nicht unbedingt“, sagt Purschke.

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