Geboren werden, leben, sterben. Das ist der Kreislauf, dem alle Menschen unterliegen. Wie die Lebenszeit gefüllt wird, entscheidet der Einzelne. Doch Rituale, Verhaltens- und Denkweisen werden in Familien oft von einer zur nächsten Generation weitergegeben.

Um dieses Thema kreist das Stück „Das lange Weihnachtsmahl“ von Thornton Wilder. Die Seniorengruppe Ra-Runzel berührte das Publikum mit dem nachdenklichen Stück und erhielt für die Aufführung viel Applaus.

Nach einer zweijährigen Corona-Pause wagten die Senior-Schauspielerinnen am Wochenende wieder die ersten Schritte auf der Bühne. „Wir freuen uns, dass Sie den Humor mitgebracht haben, nach Ostern ein Weihnachtsstück anzusehen“, meinte Regisseurin Waltraud Rasch schmunzelnd.

Die Pandemie habe allen am Theater einige Schnippchen geschlagen. Nachdem das absurde Stück „Die Verspätung“ von Wolfgang Hildesheimer im Herbst 2020 nur zweimal aufgeführt werden konnte, hat sich die Truppe nun zum Auftakt in diesem Jahr an ein neues Stück gewagt.

Stück spielt von 1840 bis 1930

Der US-amerikanische Schriftsteller Thornton Wilder, der 1927 für den Roman „Die Brücke von San Luis Rey“ seinen ersten Pulitzer-Preis erhielt, schrieb vier Jahre später das Theaterstück „Das lange Weihnachtsmahl“, eine Reihe von Einaktern, die die Kaufmannsfamilie Bayard in den Jahren 1840 bis 1930 in der immer gleichen Situation darstellt. Die Familienmitglieder versammeln sich am festlich gedeckten Tisch im Wohnzimmer des Familiensitzes zum Weihnachtsessen.

Vier Generationen folgen aufeinander. Mutter Bayard ist die Älteste in der Runde. Sie kann sich noch an die Zeit erinnern, als Indianer in der Region lebten und der Mississippi auf einem selbst gezimmerten Floß überquert werden musste, weil es noch keine Brücke gab. In den folgenden Jahren erlebt die Familie die Freude, die Neugeborene ins Leben bringen, aber auch den Schmerz, den der Tod von Angehörigen auslöst.

Die Familie Bayard freut sich über die Geburt des kleinen Charles. In dem Stück „Das lange Weihnachtsmahl“ von Thornton ...
Die Familie Bayard freut sich über die Geburt des kleinen Charles. In dem Stück „Das lange Weihnachtsmahl“ von Thornton Wilder spielen in der Zeller Kultur Rosalinde Lindner (v.l.), Traute Kloth, Ursula Thorn und Heidi Baumgärtner. | Bild: Natalie Reiser

Doch vieles bleibt gleich: Die Erinnerungen an den Beginn des aufgebauten Wohlstands, die Gespräche über das frostige Winterwetter, den Zauber des Reifes, der sich über die Äste legt. Die großartige Predigt und danach das Menü. Die Familienmitglieder wählen „etwas Weißes von der Brust“ oder etwas „von dem Braunen“. Es fallen Sätze, wie: „So ein Kind findet man nicht alle Tage – Wie schnell das geht.“, „Ja früher, das waren noch Zeiten.“ Das Stück bringt zum Schmunzeln und ertappt. Diese Familie, die könnten wir sein, zumindest zum Teil.

Mit einfühlsamer Mimik

Thornton Wilder arbeitet auf der Bühne mit minimalistischen Mitteln. Die Ruhe und Gleichförmigkeit der Dialoge und des Handelns verwundern zu Beginn. Doch allmählich schärft sich der Blick auf kleinste Veränderungen. Geburten und Tode werden dadurch auch für den Zuschauer zu den großen Gefühlsmomenten im Stück.

Die feinen Wechsel in den Gemütern der Mitglieder der Familie Bayard, die über viele Jahre nur wenige Gemütsausbrüche kennt und meist gleichbleibende Freundlichkeit und Güte an den Tag legt, bringen die sieben Schauspielerinnen mit einfühlsamer Mimik auf die Bühne.

Familie bricht auseinander

In der letzten Generation aber bricht die Familie auseinander. Ein Sohn fällt im Krieg, die Tochter heiratet und zieht weg. Der Jüngste rebelliert gegen die Öde und Langeweile der Kleinstadt. Das Haus wird von einer entfernten Verwandten, im Glauben, dass alles wieder gut wird, weitergeführt.

Thornton Wilder zeigt mit seinem Stück die Vergänglichkeit des Lebens auf, und umhüllt es doch mit einem liebevollen Schleier. Durch ihren Mut, sich im vorgerückten Alter auf die Bühne zu stellen, verleihen die sieben Frauen diesem Thema einen besonderen Reiz.