Für das Radolfzeller Münster stehen im Rahmen der laufenden Sanierung einige Veränderungen an. Aber es ist nicht das erste Mal, dass das Gebäude eine Entwicklung durchmacht. Schon die frühe Geschichte des Bauwerks ist von Veränderungen geprägt. Einen Überblick über das Geschehen gab nun der Historiker Christof Stadler bei einer Videokonferenz des Hegau-Geschichtsvereins.

Wie er schilderte, herrschte in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts im Zentrum von Radolfzell rege Bautätigkeit. 1421 wurde das alte Rathaus fertiggestellt. 1436 wurde dann am Marktplatz der Grundstein für ein spätgotisches Münster gelegt. Nach dem Ende des Konstanzer Konzils und mit der 40 Jahre andauernden Phase der Reichsunmittelbarkeit habe Radolfzell nicht nur ein Rathaus, sondern auch ein entsprechendes Kirchengebäude benötigt. Und während das alte Rathaus 1848 einem Neubau wich, überdauerte das Münster die Zeit – jedoch nicht, ohne mehrmals von außen und innen renoviert, saniert, aufgestockt und an den Zeitgeschmack angepasst zu werden.

Der Innenraum des Münsters veränderte sich mehrmals und unterlag unterschiedlichen Zeitgeschmäckern. Bild: Pfarrarchiv Wolf
Der Innenraum des Münsters veränderte sich mehrmals und unterlag unterschiedlichen Zeitgeschmäckern. Bild: Pfarrarchiv Wolf
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Kein Stillstand am Münster

„Immer wieder wurde am Münster gebaut“, erläuterte Christof Stadler. „Das Münster war nie fertig gestellt – selbst wenn man davon ausgehen würde, dass mit dem Bau des Seitengewölbes Mitte des 16. Jahrhunderts ein Stillstand eingetreten wäre.“ Blitzschläge in den alten Kirchturm markierten den Beginn erster Sanierungen. Ein großer Einschnitt in die Baugeschichte des Münsters sei im 19. Jahrhundert gekommen. Das Chorherrenstift wurde 1806 säkularisiert und verlor seine ursprüngliche Funktion. Es sei dann die Frage aufgekommen, was man nun mit einem großen Münster machen sollte, so Stadler – denn Radolfzell zählte nur 1000 Einwohner. Und der Platz für die Gottesdienste habe mehrfach gereicht.

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Ab dem 19. Jahrhundert litt das Bauwerk habe man mit dem Aufkommen der Neo-Phasen bei Renovierungen auch für Stilrichtungen des Neobarocks und der Neo-Gotik geschwärmt. Das Chorgitter wurde versetzt, die Stützpfeiler gequadert und farblich abgesetzt. Man errichtete einen Kreuzweg nach Antwerpener Vorbild, der später wieder abgeschlagen wurde. Zugemauerte Fenster wurden wieder freigelegt. Der 1896/97 in Auftrag gegebene Flügelaltar verlor seine imposante Anmutung, als das obere Gesprenge wieder abgeschlagen wurde. Ab 1902 wurde eine Außensanierung in Angriff genommen. Dabei wurde der alte Münsterturm bis auf ein Drittel seiner Größe abgebrochen und im neogotischen Stil neu errichtet.

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Probleme durch Veränderung

Ab den 1930er Jahren seien die Ornamente im Kreuzweg abgeschlagen und die Spiegel an der Langhausdecke farbig ausgemalt worden. Die Deckengemälde wurden dann in den 60er Jahren wieder zugeweißelt. Ein Problem: Die Fassade bröckelte ab und wurde mit fragwürdigen Materialien saniert. Das Schiefermaterial habe einer falschen Kosmetik angemutet, urteilt Stadler. Der Hochaltar wurde außerdem indirekt tiefer gelegt, indem Teile des Chors aufgeschüttet und zubetoniert wurden. Als 1981 bei Stürmen Dachziegel herunterfielen erfolgte eine aufwendige Außensanierung mit neuen Verblendungen. 1996 wurde durch einen Heizungsschaden der Chor eingerüstet und renoviert. Zuletzt wurde 2014 der „für die Ewigkeit gebaute Stahlglockenstuhl durch einen Eichenglockenstuhl ersetzt“, so Christof Stadler.

1902 fanden Außensanierungen am Radolfzeller Münster statt. Archivbild: Guido Moriell
1902 fanden Außensanierungen am Radolfzeller Münster statt. Archivbild: Guido Moriell

Die Veränderung geht weiter

Nun soll der Kirchenraum weiter verändert werden, 4,3 Millionen Euro sind für die jüngste Renovierung des Münsters eingeplant. Über die Maßnahmen sprach der Architekt und Leiter der Baumaßnahmen Bruno Siegelin. Er identifizierte das Heizen des Kirchenraums als die Ursache für die Verdreckung der Innenwände. Durch das schnelle Heizen komme es zu einer Umwirbelung der Luft, bei der die Staubfracht nach oben ziehe und an den kalten Wänden und Bauteilen kondensiere. Besonders deutlich werde der Effekt, wenn die Staubfracht der Luft auf unterschiedliche Materialien wie Stuck oder Mörtel trifft: Es entstehe ein Zebrastreifeneffekt. Abhilfe schaffe eine Heizungsteuerung mit geringerer Luftbewegung. Sie könne eine weitere Renovierung des Innenraums um etwa 20 Jahre hinauszögern.

Bruno Siegelin
Bruno Siegelin

Bruno Siegelin rechtfertigte zudem die Reinigung der Innenwände mit einem Strahlverfahren gegenüber einem Neuanstrich. Bei der Analyse identifizierte der Architekt vier aufeinanderliegende Farbanstriche. Jede weitere Farbschicht würde eine zusätzliche Spannung in die Oberfläche bringen, die zu weiteren Schäden führen könnten, so Siegelin. Beim Dachstuhl identifizierte er Schwachstellen zwischen Gebälk und Gewölbe und nahm diese in ein Leistungsverzeichnis auf. Wobei die Balken jedes Gesperrs farblich auf den Grad des Zustands festgehalten wurde. Damit könne man dem Zimmermann genaue Anweisungen geben und auch kostengünstigere Prothesen anfertigen lassen.

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Ruhepunkte sollen entstehen

Auch Stadtpfarrer Heinz Vogel äußerte sich zum Münster: „Ein faszinierender Raum, der sich mir durch die Renovierung ganz neu erschließt“, kommentierte er in der Videokonferenz. Betrachte er die Geschichte des Münsters, so seien es eher Konkurrenzkämpfe mit Überlingen oder Konstanz gewesen, die die Kirchenbauten bestimmt hätten – nicht immer seien es fromme Impulse gewesen, die einen Kirchenraum ausgestattet hätten. Das Eigentliche sei nicht der Raum, sondern Menschen, die sich zur Gemeinschaft erbauen, so Vogel: Jede Epoche habe vor der Herausforderung gestanden dies heraus zu spüren. Auch heutzutage: „Was ist die Gestalt von Kirche?“ Fast schon augenzwinkernd gibt Vogel hierfür einen Hinweis: Eine Baustelle wie im Leben – in der man mitten drin auf der Suche ist, wie es weitergehe.

Stadtpfarrer Heinz Vogel
Stadtpfarrer Heinz Vogel | Bild: Georg Lange

Mit der Renovierung sollen auch neue Ruhepunkte entstehen. Hierfür wird das Hauptportal wieder freilegt. Am Hauptportal wurde der Kirchenraum durch ein Gitter zu einem Nartex, einer Art Vorhalle, geteilt. Links und rechts vom Portal im Nartex wurden zwei Beichtstühle gefertigt. Dort stehen auch die Mooser Bänker, die für die Reinigung entfernt wurden. Die Kirchengemeinde beabsichtigt künftig die Bänke und Beichtstühle im Nartex wegzulassen. Für die Beichte sollen die Beichtstühle im Innenraum genutzt werden, die noch ausgestattet werden sollen, so Pfarrer Vogel.