Die Welt ist ein Dorf und die Probleme in Güttingen stehen stellvertretend für einige Probleme in der Stadt Radolfzell. Der Dorfbrunnen läuft regelmäßig über, weil Lindenblüten den Abfluss verstopfen. Klaus Rieger, der Leiter der Grundschule, übernimmt Hausmeistertätigkeiten, er fährt die Mülleimer an die Straße und wechselt Glühbirnen im Schulhaus. Was er eigentlich gar nicht dürfte, wie Oberbürgermeister Martin Staab bei seinem OB-Stammtisch im Gasthaus Adler erläutert, „aus haftungsrechtlichen Gründen“.

Der Schulleiter als Hausmeister

Das Thema hat nicht der Schulleiter aufgebracht, sondern Katharina Müller als Elternbeiratsvorsitzende: „Ich habe das auch nicht mit Herrn Rieger abgesprochen, er will das wahrscheinlich gar nicht.“ Den Einwand des OB, „ich behaupte, es gibt einen Hausmeister“, lässt dann Güttingens Ortsvorsteher Martin Aichem nicht gelten: „Wir haben die größte Dorfgrundschule in der Stadt und keinen Hausmeister.“ Oder in Zahlen: 83 Schüler, ein Lehrer und fünf Lehrerinnen, vier Klassen.

Ein Modell: Mehr Stunden für den Gemeindemitarbeiter

Ortsvorsteher Aichem ist in diesem Thema beschlagen und bringt alle auf den gleichen Stand. Es gebe zwei Ansatzpunkte, um das Hausmeisterproblem zu lösen. In der Verwaltung in Radolfzell werde das Modell mit einem Hausmeister für mehrere Einrichtungen in verschiedenen Ortsteilen favorisiert. Er bevorzuge die örtliche Lösung: „Dass unser Gemeindemitarbeiter mehr Stunden genehmigt bekommt.“ Denn er wüsste nicht, wie das überörtlich funktionieren könne. Das wiederum weiß der OB. Das mit den Hausmeistern sei schon ein Thema, „auch bei Kindertagesstätten“, deshalb werde von der Verwaltung das Modell mit einem Hausmeister für mehrere Einrichtungen favorisiert.

Kein Geld für die Gemeindescheune

Das Glück der anderen ist in einem weiteren Fall Pech für Güttingen. Weil der Gemeinderat Radolfzell Sanierung und Umbau der Gemeindescheune in Güttingen davon abhängig gemacht hat, ob die Stadt einen Zuschuss aus dem Förderprogramm für den ländlichen Raum bekommt, steht dieses Projekt auf dem Abstellgleis. Das Land hat den Antrag der Stadt abschlägig beschieden. Jetzt steht das Dorf zwar mit einem fertigen Ausbauplan, aber mit wenig Aussicht auf Verwirklichung da. Zumal die Corona-Krise zusätzlich die Einnahmen der Stadt reduziert.

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Ortschaftsrat Manfred Hiller, der Präsident der Narrenzunft Schimmelreiter in Güttingen ist, mag nicht so recht an die Perspektive des OB glauben, etwas mit viel Eigeninitiative zu entwickeln und auf einen langen Atem zu setzen: „Mit der Scheuer wird das nichts mehr“, fasst Hiller seinen Frust in Worte: „Wir haben gar nichts mehr, wo sollen wir uns versammeln? Bei mir im Wohnzimmer?“

So viel Geld für Markelfingen

Bei solch tristen Aussichten richtet sich der Blick zwangsweise auf den Ortsteil, indem die Stadt Radolfzell rund zwölf Millionen Euro für eine neue Halle und ein Feuerwehrhaus ausgeben will. Da fragt sich Manfred Hiller: „Wieso so viel Geld für eine Halle in Markelfingen?“ Da schütteln mehrere Stammtischbesucher den Kopf. Ortsvorsteher Aichem ergänzt: „Die Seetorquerung hat man aus Kostengründen beerdigt, brauchen wir in Markelfingen eine Halle, die ein Luxusprojekt ist?“

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Martin Staab versucht in Güttingen die Geschichte für das Rathaus positiv zu deuten. Der Ansatz der Verwaltung sei nach dem Brand der Markolfhalle gewesen: „Es reicht ein Wiederaufbau mit einer leicht vergrößerte Halle.“ Da hätte die Versicherung den Löwenanteil gezahlt. Dann habe die Verwaltung „mit der Faust in der Tasche“ hinnehmen müssen, dass es im Gemeinderat eine Mehrheit für eine größere und neu gebaute Halle gibt. „Man kann Markelfingen nicht ohne Halle lassen, das ist Demokratie, das müssen wir aushalten“, sagt der OB im Adler.

Dorfpolitik ist am OB-Stammtisch meist Stadtpolitik. Wenn es nicht gerade um den verstopften Abfluss im Dorfbrunnen geht.

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