Vor etwas mehr als einem Jahr, genauer gesagt am Muttertag 2019, lud die Baugenossenschaft HEGAU zu einem Besichtigungswochenende ihres Projekts „Weinburg“ im Kapellenweg und in der Gustav-Troll-Straße in Radolfzell. Solche Aktionstage sind für gewöhnlich Publikumsmagneten – der schwierige Wohnungsmarkt in der Bodenseeregion, überteuerte Mietpreise oder viele Wohnkomplexe, in denen Wohnungen nur zum Kauf angeboten werden, tun hier ihr übriges. Was die Mitarbeiter der Baugenossenschaft aber an jenem Muttertag erlebten, das war selbst für die Wohnprofis eine handfeste Überraschung. Bereits vor der offiziellen Öffnung der Gebäude standen Interessierte und Interessenten Schlange am Eingang. Noch im Laufe des Tages gaben zahlreiche potentielle Mieter ihre Bewerbung ab – und das, obwohl die drei Gebäude erst im Herbst ebenjenes Jahres vollends fertig gestellt werden sollten. Als es dann Herbst wurde, vermeldete die HEGAU den finalen Erfolg: Alle 50 Wohnungen im Kapellenweg und in der Gustav-Troll-Straße waren vermietet. Doch worin gründete dieses immense Interesse an dem Radolfzeller Neubau?

Stichwort „unverkäuflich“

Ein Wort, das sich umgehend aufdrängt, ist das unscheinbare Stichwort „unverkäuflich“. Alle Wohnungen des Projekts „Weinburg“, von der Zweizimmerwohnung bis zur großzügigen Penthauswohnung waren nie zum Verkauf, sondern ausschließlich zur Miete ausgeschrieben. Eine ideale Lösung für zahlreiche Wohnungssuchende, die sich den Kauf einer Wohnung entweder nicht leisten oder aus zahlreichen anderen Gründen nicht vorstellen können. In Zukunft bietet die „Weinburg“ als nicht ganz so klassisches Mehrgenerationen-Haus den unterschiedlichsten Bewohnern eine Heimat: Egal ob Singles, Paare, kleine Familien oder Rentner – Deutsche oder andere Nationen – sie alle haben in einer der 50 Wohnungen, die die HEGAU von Beginn an mit Blick auf unterschiedliche Bedürfnisse konzipierte, eine für ihren Anspruch passende Bleibe gefunden. Doch schauen wir uns die Wohnanlage einmal genauer an: Das Projekt umfasst 50 freifinanzierte Mietwohnungen (24 davon zu Grundmieten zwischen 8,50 Euro bis 9,67 Euro je Quadratmeter monatlich) in einem außergewöhnlichen Preis-/Leistungsverhältnis in drei Gebäuden mit zwischenliegender Tiefgarage. Projektbeginn war der Spatenstich in 2017.

Lösbare Probleme

Nachdem für die höhere Architekturqualität des Gewinnerentwurfes eines Architektenwettbewerbs kein Baurecht erreicht werden konnte, setzte die HEGAU eine bereits bestehende Planung um. Die technischen Randbedingungen dieser Planung ließen den beabsichtigten Bau im Passivhausstandard nicht zu. Hier musste die HEGAU wohl oder übel einen gewissen Kompromiss ein­gehen.

Aufgrund der Hanglage des Grundstücks benötigte die HEGAU einen Verbau, um ein Abrutschen des Erdreichs zu verhindern und eine sichere Baugrube zu gewährleisten. Um diese abzusichern wurde zunächst eine Art Rahmen geschaffen, der auch die benachbarten Grundstücke lückenlos absicherte. Zu diesem Zweck setzten die entsprechenden Spezialisten etliche mit Beton gefüllte Bewehrungskörbe in den Boden, während die dabei entstandenen Abstände mit Spritzbeton geschlossen wurden. Ein komplexes Verfahren, das insgesamt 91 Bohrpfähle auf dem gesamten Gelände benötigte, aber schlussendlich den Bau des Projekts „Weinburg“ erst ermöglichte. Den hochprofessionellen Verlauf der weiteren Bauarbeiten verantworteten vor allem die Prokuristin und Leiterin der Technischen Abteilung der Baugenossenschaft HEGAU Iris Christina Werner und German Blechner vom Baubüro Blechner aus Sigmaringen, die die Projekt- beziehungsweise die Bauleitung übernahmen.

Viele Besonderheiten

Nichtsdestotrotz, oder gerade aufgrund dieser kleinen Hürden zu Beginn des Projekts, weisen die drei Gebäude, die sich alleine durch die verbindende Tiefgarage zu einem großen Ganzen kombinieren, viele Besonderheiten auf: Da wären etwa die großen Bewohnergärten für die Erdgeschosswohnungen, die den Bewohnern speziell im Sommer Frischluftzufuhr und Bewegungsmöglichkeiten oder Kaffeenachmittage im Freien garantieren, da wären die sehr großen Balkone in den Wohnungen darüber, den Blick auf die Alpen bei gutem Wetter von Terrassen der Penthauswohnungen, der mit zahlreichen Details gestaltete Innenhof, gestalterische und architektonische Charakteristika wie Sichtbeton an Wänden in den Wohnungen und im Treppenhaus, Parkettböden oder hochwertige Holzbrüstungen in den Naturstein-Treppenhäusern. Die „Weinburg“, das wird hier deutlich, soll kein schlichtes und rein auf Funktionalität ausgelegtes Wohnhaus sein. Der Wohlfühlfaktor, das Auge für die kleinen Details spielt bei der Umsetzung komplexer Wohnprojekte eine zunehmend gewichtige Rolle. Auch deshalb dachte die HEGAU beim Bau und der Konstruktion der Wohnungen speziell an das Wohl potentieller älterer Mieter. Dazu gehören unter anderem superflache Duschen oder kombinierte Dusch-/Badewannen mit bodennahem Türeinstieg und ein schwellenloser Zugang zum Balkon. Insgesamt 44 von 50 Wohnungen sind barrierefrei erreichbar! Von den Aufzügen, der Fußbodenheizung und einem Hausmeisterservice mit inkludierten Winterdienst profitieren indes auch die jüngeren Bewohner. So entstanden schlussendlich 3714 Quadratmeter moderne Wohnfläche – ausschließlich zur Vermietung.

Von der Zweizimmerwohnung bis zum Penthaus ¦¦¦¦¦¦¦¦¦¦¦¦¦¦- alles unverkäufliche Mietwohnungen -

Mit dem Projekt „Weinburg“ in Radolfzell hat die Baugenossenschaft HEGAU 50 Mietwohnungen geschaffen. Der Andrang bei der Besichtigung bestätigte den hohen Bedarf, resümiert Geschäftsführer Axel<br />Nieburg. <em>Bild: Wöhrstein</em>
Mit dem Projekt „Weinburg“ in Radolfzell hat die Baugenossenschaft HEGAU 50 Mietwohnungen geschaffen. Der Andrang bei der Besichtigung bestätigte den hohen Bedarf, resümiert Geschäftsführer Axel
Nieburg. Bild: Wöhrstein

Axel Nieburg, Geschäftsführer der Baugenossenschaft HEGAU, spricht im Interview über die Besonderheiten des Projektes „Weinburg“, einem Mehrgenerationenhaus im Kapellenweg und in der Gustav-Troll-Straße in Radolfzell

Am Besichtigungswochenende standen die Interessenten schon vor Öffnung an – worin gründete dieses massive Interesse?

Es zeigt zum einen die Enge des Wohnungsmarktes in der Hegau-Bodensee-Region und zum anderen war das Projekt durch das vorangehende Kunstprojekt DAS RICHTFEST Vielen schon bekannt. Schon damals präsentierten wir die späteren Mietwohnungen als Teil des Kunstprojektes. Es war der Raum mit der höchsten Besucherzahl. Vielleicht liegt es auch an dem bekannt guten Preis-/Leistungsverhältnis unserer Wohnungen. Vor allem aber zeigt es, dass die Entscheidung, das Projekt unverkäuflich und als Mietwohnungen anzubieten, richtig war.

Das Projekt „Weinburg“ ist ein Mehrgenerationenhaus. Paare, Singles, Rentner, Familien – alle finden ihren Platz. Warum ist das wichtig?

Ein Mehrfamilienhaus funktioniert am besten im Mix aller

Lebensformen unter einem Dach. Wohnanlagen, die sich nur einseitig auf eine Lebensform beschränken, funktionieren weniger gut.

Sind sie grundlegend zufrieden mit dem Bauverlauf?

Das Projekt in der bebauten Umgebung in dieser Größenordnung zu errichten, war anspruchsvoll. Wir danken dem Nachbarn in der Gustav-Troll-Straße, der uns seine unbebaute Grundstücksfläche für die Zeit des Bauablaufes zur Verfügung stellte.

Warum haben Sie die Wohnungen ausschließlich zur Miete ausgeschrieben?

Wir wollten unseren Mitgliedern Wohnungen in guter Lage zur Verfügung stellen. Das Projekt als Verkaufsprojekt in dieser Marktlage zu platzieren, wäre ein Leichtes gewesen. Der Andrang beim Besichtigungswochenende zeigt, dass der Bedarf für Mietwohnungen groß ist und es damit richtig war, diese Wohnungen als unverkäufliche Mietwohnungen anzubieten.

Was waren die Besonderheiten bei dem Projekt im Kapellenweg und in der Gustav-Troll-Straße?

Die Besonderheiten liegen zum Beispiel in der Topografie der Grundstücksfläche sowie im guten Ausstattungsniveau der Wohnungen. Das zeichnet sich zum Beispiel im Treppenhaus in einer Kombination von Sichtbeton, Glas, Naturstein-Treppen und -Fußböden kombiniert mit einer Holztreppenhausbrüstung und den Holztür-Glas-Wohnungseingangstüren aus. Dadurch entsteht ein hochwertiges Entrée. Die Erdgeschossbewohner haben einen eigenen Garten. Die Durchschnittsgrundmiete für 40 von 50 freifinanzierte Wohnungen liegt trotz des guten Ausstattungsniveaus bei 9,85 € je Quadratmeter monatlich.

Das Projekt hat ein ganz besonderes Richtfest gefeiert – können Sie sich daran noch erinnern?

An das Kunstprojekt DAS RICHTFEST können wir uns natürlich gut erinnern. Fand das vorhergehende Kunstprojekt ARTE ROMEIAS in Abbruchgebäuden statt, veranstalteten wir DAS RICHTFEST, unseres Wissens erstmalig ein Kunstprojekt in einem Rohbau. Beim Kunstwettbewerb für junge Künstler entschieden die Besucher über die Vergabe des Publikumspreises und waren so direkt in die Kunstaktion eingebunden.

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Fragen: Jeremias Heppeler

Richtfest als Kunstprojekt

Die Gebäude haben auch schon vor ihrer Fertigstellung so einiges erlebt. Alleine die Aktion DAS RICHTFEST des Projekts Weinburg hat eine eigene, ja einzigartige Geschichte geschrieben. Anknüpfend an das Kunstprojekt ARTE ROMEIAS in Singen wurde der Rohbau im Kapellenweg / in der Gustav-Troll-Straße zu einer nie dagewesenen Festivalkulisse auf Zeit: DAS RICHTFEST verzahnte Musiker, Künstler, Literaten, Filmemacher und Schauspieler zu einem ungewöhnlichen Gesamtprogramm unter dem Motto: “Der Rohbau wird zur Projektionsfläche, der Baukran zur Kulisse und die offene Tiefgarage zum Amphitheater.”

Während das Festivalgelände morgens mit einem traditionellen Richtfest eröffnet wurde, konnten die Besucher nachmittags sowohl das Programm auf der Hauptbühne mit Music Acts wie Bayuk oder Lightbox genießen oder sich frei als Entdecker durch den Rohbau bewegen, wo unzählige junge Künstler im Zuge des Wettbewerbs “Luftige Schlösser und konkrete Utopien” konkurrierten. Zahlreiche Performances, Lesungen und Theater-Vorstellungen vervollständigten ein ungewöhnliches und vielschichtiges Programm, das die eigentlich so unterschiedlichen Welten der Baugenossenschaft und der Kunst beinahe spielerisch verband.

Diese gewisse Leichtigkeit, die Lust am neuen Blickwinkel zeichnet die Projekte der Baugenossenschaft HEGAU gegenwärtig aus. Und auch die „Weinburg“ verbindet Althergebrachtes und Bewährtes mit kleinen, aber feinen neuen Ideen, die das Wohnen – und damit auch das Leben – leichter und vor allem auch schöner machen.

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