Peter Eichenbrenner löst das Gummi um einen dicken Stapel Fotos, teilweise vergilbt und unsortiert. Sie zeigen zwei junge Männer und einen Camper: In der Wüste, in den Bergen und mit wilden Dromedaren. Seine Geschichte erinnert an einen Abenteuerroman, ist aber wahr.

„Wenn ich heute darüber nachdenke bin ich immer erstaunt, was für ein Glück wir hatten,“ sagt der 74-jährige. Gemeinsam mit seinem Freund Mike begann er an Heiligabend 1974 einen Roadtrip der besonderen Art: Von der Stadt Lahr im Schwarzwald wollten sie mit einem der ersten Camper bis Bangkok fahren und dort ein neues Leben beginnen.

Peter Eichenbrenner und Mike mit dem pakistanischen Großgrundbesitzer (Vorne von links) und dessen Arbeitern, der ihnen half als in der Wüste das Benzin ausging.
Peter Eichenbrenner und Mike mit dem pakistanischen Großgrundbesitzer (Vorne von links) und dessen Arbeitern, der ihnen half als in der Wüste das Benzin ausging. | Bild: Privat

Der in Vaihingen geborene Peter Eichenbrenner war schon früh vom Reisefieber gepackt. „Mit 17 wollte ich nach Argentinien auswandern,“ erinnert er sich. Stattdessen zog er nach seiner Ausbildung zum Flugzeugmechaniker mit 18 nach Kanada. Nach eineinhalb Jahr kam er zurück nach Deutschland. In Lahr eröffnete er eine Disko und trat damit in die Fußstapfen seines Vaters.

„Aber gehalten hat mich da nichts,“ sagt Eichenbrenner und zieht das Foto eines blauen Campers im Schnee aus dem Stapel hervor. Der Bericht über einen deutschen Auswanderer in Bangkok brachte ihn auf die Idee für die Reise. „Ich habe mein altes Auto verkauft und konnte beim gleichen Händler den Camper kaufen,“ erzählt er. Der Zeitpunkt schien günstig, auch sein damaliger Discjockey Mike wollte raus aus Deutschland. Bei ihrer Abreise ließen sie alles hinter sich: Wohnungen, Arbeit und auch Familien. Ein Jahr später meldete er sich das erste Mal wieder bei seinen Eltern.

Dromedare streicheln: In der Wüste begegneten sie zahlreichen wilden Dromedaren und Kamelen. Diese waren oft auch in riesigen Herden unterwegs.
Dromedare streicheln: In der Wüste begegneten sie zahlreichen wilden Dromedaren und Kamelen. Diese waren oft auch in riesigen Herden unterwegs. | Bild: Privat

Heute lebt er in Radolfzell, der Heimatstadt seiner Mutter. Doch Thailand ist allgegenwärtig. In der Wohnung hängen Bilder thailändischer Strände, auf der Terrasse stehen tropische Pflanzen. Peter Eichenbrenner schlägt den Atlas auf und zeigt die damals geplante Route. Von Deutschland ging es über Österreich und Kroatien nach Griechenland. Sie durchquerten die Türkei und fuhren in den Iran.

Anschließend ging es einmal quer durch Pakistan, über die indische Grenze und nach Amritsar, wo sie den goldenen Tempel besuchten. „Überall waren Kühe, vor denen hatten wir ein bisschen Angst“ erzählt der damals 28-Jährige. Sie fuhren wieder zurück nach Pakistan bis nach Karachi, der größten Stadt des Landes.

In Karachi in Pakistan verschifften sie ihren Camper und flogen im Flugzeug nach. Der Camper überstand die lange Fahrt ohne einen Kratzer.
In Karachi in Pakistan verschifften sie ihren Camper und flogen im Flugzeug nach. Der Camper überstand die lange Fahrt ohne einen Kratzer. | Bild: Privat

Hier verschifften sie ihren Camper nach Singapur, nahmen ein Flugzeug nach Bangkok und dann den Zug bis Singapur. Dort wurde ihnen zunächst die Einreise verweigert. Die beiden jungen Männer sollten sich aus Hygienegründen die langen Haare abschneiden. Ein Friseur half ihnen und geelte die Haare so zurück, dass sie einreisen konnten. Weiter ging es durch Malaysia nach Thailand.

Eine fehlende Reisegenehmigung wurde an der Grenze zum Problem. „Wir mussten auf einen großen Platz mit vielen Autos fahren und uns wurde gesagt, ohne das fehlende Papier könnten wir nicht weiter,“ sagt Eichenbrenner. „Mitten in der Nacht sind wir dann einfach losgefahren. Wenn wir kontrolliert wurden haben wir so getan, als könnten wir kein Wort Englisch. Man ließ uns durch.“

Schmutzschicht aus Straßenstaub: Nach Wochen auf Reisen konnte man die ursprüngliche Farbe des Busses nicht mehr erkennen. In die Schmutzschicht schrieben die beiden jungen Männer ihre Namen und ihr Ziel.
Schmutzschicht aus Straßenstaub: Nach Wochen auf Reisen konnte man die ursprüngliche Farbe des Busses nicht mehr erkennen. In die Schmutzschicht schrieben die beiden jungen Männer ihre Namen und ihr Ziel. | Bild: Privat

Sechs Wochen nach dem sie Deutschland verlassen hatten kamen die beiden am siebten April 1975 in Bangkok an. Nach 20.000 Kilometern war das Auto noch heil, einzig der Stoßdämpfer musste ausgetauscht werden. Kein Wunder: In Pakistan fuhren sie über die Wellblechpiste, eine Straße mit quer zur Fahrtrichtung liegenden Bodenwellen. Diese entstehen durch Winde und ähneln Wellblechmustern . „Wenn man genau 74 Stundenkilometer fuhr schwebte man über den Wellen,“ erinnert sich Eichenbrenner. Nur einmal seien sie in eine kritische Situation geraten.

Peter Eichenbrenner und Mike mit dem pakistanischen Großgrundbesitzer (Vorne von links) und dessen Arbeitern, der ihnen half als in der Wüste das Benzin ausging.
Peter Eichenbrenner und Mike mit dem pakistanischen Großgrundbesitzer (Vorne von links) und dessen Arbeitern, der ihnen half als in der Wüste das Benzin ausging. | Bild: Privat

Mitten in Pakistan ging das Benzin aus. Ein Großgrundbesitzer half ihnen, schenkte Benzin und noch dazu frisches Gemüse, das er anbaute. Ansonsten verlief die Reise glimpflich. In einer Oase liefen ihnen Kinder entgegen, die „Water, Pepsi,“ riefen und erschrocken waren als sie zum ersten Mal eisgekühltes Wasser tranken. „Wir haben uns einen guten Zeitpunkt gesucht,“ so Eichenbrenner. „Heutzutage kann man die Strecke auf keinen Fall mehr machen.“

Bei einer Oase in der Wüste: Den Kindern der Bewohner gaben sie kaltes Wasser zu trinken. Für die Einheimischen war es das erste kalte Getränk ihres Lebens. Auch das Auto erregte Aufmerksamkeit. Die meisten Bewohner hatten noch nie ein Auto, geschweige denn einen Camper gesehen.
Bei einer Oase in der Wüste: Den Kindern der Bewohner gaben sie kaltes Wasser zu trinken. Für die Einheimischen war es das erste kalte Getränk ihres Lebens. Auch das Auto erregte Aufmerksamkeit. Die meisten Bewohner hatten noch nie ein Auto, geschweige denn einen Camper gesehen. | Bild: Privat

In Thailand wurde aus dem Flugzeugmechaniker ein Koch. Erst in Bangkok, dann mit eigenem Restaurant auf der Insel Phuket. Zehn Jahre später reiste er mit Frau und Tochter zurück nach Deutschland. Den Camper verkaufte er in Bangkok. Zu Mike hatte er den Kontakt verloren.

Hat noch immer einen engen Bezug zu Thailand: Peter Eichenbrenner lebt heute in Radolfzell.
Hat noch immer einen engen Bezug zu Thailand: Peter Eichenbrenner lebt heute in Radolfzell. | Bild: Paula Richter

Jahre später fand er ihn mithilfe seiner Tochter auf Facebook. Bei einem Treffen gab der nun in Kanada lebende Mike ihm einen Teil der Bilder, die Eichenbrenner jetzt in der Hand hält. „Wenn ich könnte, würde ich sofort zurück nach Thailand fliegen,“ sagt er. Er habe dort seine zweite Heimat gefunden.

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