Der erste Weltkrieg hinterließ politische Verunsicherungen, schwere ökonomische Lasten und eine soziale Not. 1919 zählte Radolfzell 6418 Einwohner. 1920 verfünffachte sich die Zahl fehlender Wohnungen von 22 auf 110. Um der schwierigen Wohnungslage im Bodenseestädtchen zu begegnen schlossen sich 130 Bürger zu einer Interessensvertretung der Haus- und Grundbesitzer zusammen.

Sie trafen sich am 20. Januar 1921 im ehemaligen Hotel Viktoria. Sechs Tage später war im Scheffelsaal der Brauerei Zur Hölle die Gründungsversammlung des Vereins „Haus und Grund Radolfzell“. Heuer feiert er sein 100-jähriges Bestehen. Der Honoratiorenverein von einst verwandelte sich mittlerweile zu einem modernen Dienstleister für seine 1400 Mitglieder.

Erst ging es viel um Standesdenken der Hausbesitzer

Nur schwer lässt sich eine Motivlage rekonstruieren, weshalb sich zu Beginn der Weimarer Republik ad hoc und nahezu jeder 50. Radolfzeller zu einer Interessensvereinigung von Haus- und Grundbesitzern organisierten. Notizen und Unterlagen würden leider fehlen, bedauert der erste Vorsitzende des Vereins „Haus und Grund Radolfzell Stockach“, Stephan Schilling. Ein Blick auf den historischen Kontext und in die damalige Rechtsgeschichte hilft weiter: „In seiner Gründungsphase war der Verein eher ein Honoratiorenverein, der von einem Standesdenken geprägt war“, erläutert Schilling.

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Im Grunde habe es nur wenige Beschränkungen gegeben, die ein Hauseigentümer hinnehmen musste. Wenn man das Bürgerliche Gesetzbuch vor 100 Jahren anschaue, so konnten Mietverhältnisse ohne Angaben von Gründen beendet werden. „Mieter waren einer Kündigung schutzlos ausgeliefert“, so Schilling. Im Jahr 1923 wurde erstmals ein Wohnrecht eines Mieters als schützenswert in einem Gesetz anerkannt.

Die Gründungsphase der Interessensgemeinschaft „Haus und Grund“ nach dem ersten Weltkrieg fällt historisch gesehen parallel zu den vielen gegründeten Vereinen für die Interessen von Mietern. So gesehen ist die Geschichte beider Vereinigungen eng miteinander verknüpft. Wobei die Aufschwünge durch Gesetzesnovellen nach dem ersten und zweiten Weltkrieg bis hin zu den 1960er und 1970er Jahren beflügelt wurden.

Verein agiert auf lokaler Ebene

Der Verein „Haus und Grund Radolfzell Stockach“ agiert vor Ort. Er berät seine Mitglieder nur auf lokaler Ebene und in rechtlicher wie steuerlicher Hinsicht. Darüber hinaus bietet er Serviceleistungen wie eine Abrechnung von Betriebskosten oder Mietverträge für seine Mitglieder an.

Das Portefolio eines Haus und Grund-Vereins ist bei jeder Organisation anders, erläutert Stephan Schilling: Das Grundmuster der Grundeigentümervereine sei, dass dieses in einer Rechtsberatung seiner Mitglieder bestehe – das heißt zu allen Fragen, die einen inhaltlichen Bezug zum Haus- und Grundeigentum haben. Die Vermietung von Wohnraum sei nicht immer konfliktfrei, so Schilling: Statistisch gesehen sei jedoch die überwiegende Anzahl der Wohnraum-Mietverhältnisse ohne Probleme.

Ähnlich wie bei Ärzten, die nur Kranke sehen würden, begegnen dem Verein meist nur konfliktbeladene Mietverhältnisse. Diese können Streitigkeiten wie das Anmelden von Eigenbedarf an einer Wohnung sein oder auch strittige Kostenabrechnungen. Vermieter haben eine Verpflichtung die Betriebskosten wie die der Heizung, der Versicherung sowie den Hausmeister und den Winterdienst abzurechnen. Diese rechtssicher zu erstellen sei zu einer hohen Kunst geworden, erläutert Schilling. Kommen Nachforderungen an den Mieter, erheben diese eine sachliche Einwendung.

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Manchmal geraten Mieter auch in eine finanzielle Schieflage und können die Mietzahlungen nicht mehr aufbringen. Zwistigkeiten können auch aus einem ruhestörenden Lärm unter Mietern in Mehrfamilienhäusern entstehen oder bei einem Auszug von Mietern, die Schäden am Eigentum hinterlassen. Im Vereinsteam sind neben beratende Juristen auch eine Steuerberaterin mit an Bord, da Immobilien bedeutende Werte darstellen und viele steuerliche Aspekte zu berücksichtigen seien, so Schilling über die Arbeit der zweiten Vorsitzende, Bettina Martin. Sie berät beim Verkauf oder beim Vererben von Immobilien und sucht nach steuerlichen Optimierungen für die Vereinsmitglieder.

Geschäftsstelle kam erst 74 Jahre nach der Gründung

Sehr lange Zeit fristete der Verein ein Dasein als Schubladenverein ohne eigene Geschäftsstelle, aber dafür in den Büros der ihm assoziierten Vorstände und Rechtsberater. Der Verein eröffnete 74 Jahre nach seiner Gründung seine erste eigene Geschäftsstelle in der Walchner Straße in Radolfzell. 2001 erwarb er ein Kiosk-Gebäude samt Grundstück in der Konstanzer Straße. Dort investierte er 240.000 Euro in einen Neubau seiner Geschäftsstelle, der vom Verein 2012 bezogen wurde.

In den nächsten vier Jahren seien die Kreditverpflichtungen des Vereins für den Neubau getilgt, so der Vorsitzende. Dann sei der Verein wieder dahingehend aufgestellt, dass er sich neuen Aufgaben zuwenden kann, die mit Investitionskosten verbunden sind. Beispielsweise die Digitalisierung und der Wunsch Serviceleistungen anzubieten wie die Ermittlung des Verkehrswerts einer Immobilie.