Die OB-Kandidaten spielen Schnick, Schnack, Schnuck in der SÜDKURIER-Wahlarena: Martin Staab (links) zeigt Papier, Simon Gröger Schere – und er gewinnt damit das Recht des ersten Schluss-Statements im Milchwerk. Die Szene beobachten die beiden Moderatoren Anna-Maria Schneider und Georg Becker.
Die OB-Kandidaten spielen Schnick, Schnack, Schnuck in der SÜDKURIER-Wahlarena: Martin Staab (links) zeigt Papier, Simon Gröger Schere – und er gewinnt damit das Recht des ersten Schluss-Statements im Milchwerk. Die Szene beobachten die beiden Moderatoren Anna-Maria Schneider und Georg Becker. | Bild: Jarausch, Gerald

In England gäbe es längst einen Buchmacher, der Wetten auf den Ausgang solch einer Wahl angeboten hätte. Doch hier in Deutschland, zumal im beschaulichen Südbaden, ist die Oberbürgermeisterwahl in Radolfzell noch kein Fall für Wettbüros. Dabei ist das die Frage, die die Menschen auf dem Markt und am Telefon bewegt: Wie geht die Wahl zwischen Amtsinhaber Martin Staab und seinem Herausforderer Simon Gröger am Sonntag aus? Voraussagen gibt es viele. Die Spannweite ist breit: Von einer klaren Sache für Staab bis zu einem Erdrutschsieg für Gröger schlägt das Pendel aus. Vorgetragen werden die Tipps und Prognosen mit der Skepsis, die der eigenen Einschätzung nicht traut. Als Augur, als Hellseher, der den Götterwillen – in diesem Fall den Wählerwillen – kennt, tritt keiner auf. Selbst Allensbach hilft da nicht weiter, die Demoskopen haben anderes zu tun oder keinen Auftrag bekommen.

7500 Briefwähler

Was könnte ein Fingerzeig sein? Die Anzahl derer, die Briefwahl beantragt haben, ist enorm. Von knapp 25.000 Wahlberechtigten haben über 7500 Briefwahl beantragt. Das sind 30 Prozent. Briefwähler geben fast immer ihren Stimmzettel auch ab. Darauf angesprochen, bekennen viele, sie hätten bereits gewählt. Vor der Kandidatenvorstellung, vor der Wahlarena des SÜDKURIER. Sie hätten schon gewählt, bevor der eigentliche OB-Wahlkampf begonnen habe. Eine Schlussfolgerung lautet: Das Meinungsbild hat sich in den vergangenen acht Jahren verfestigt.

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Das kann eine gute Nachricht für Martin Staab sein. Weil diejenigen, die mit seiner Amtsführung und seinen Ergebnissen wie der Einrichtung der Gemeinschaftsschule und der Einführung des Ein-Euro-Bustickets zufrieden sind, sich frühzeitig auf ihn als Wunschkandidaten festgelegt haben. Das kann eine schlechte Nachricht für den OB sein, weil es einige gibt, die mit seiner Amtsführung und seinen Ergebnissen nicht zufrieden waren und deshalb ihr Häkchen hinter einen anderen Namen gesetzt haben. Davon gibt es etliche in der Verwaltung, davon gibt es einige außerhalb des Rathauses.

Vom Weckruf zur Unterstützung

Vor allem die Parteien Freie Grüne Liste (FGL), CDU und SPD haben sich mit ihrer Unterstützung von Simon Gröger eindeutig positioniert. Ein Auslöser für diese Distanzierung zum amtierenden OB war die E-Mail-Affäre. Die im Dezember 2017 publik gewordene Vertrauenskrise zwischen OB Staab und Bürgermeisterin Monika Laule veranlassten CDU und Freie Grüne Liste zu einem „Weckruf“, sie sprachen von einem Klima der Angst und des Misstrauens im Rathaus. Die Gräben, die seither aufgerissen sind, hat niemand zugeschüttet. Es war politisch zwingend, dass mindestens eine Fraktion zur OB-Wahl einen Gegenkandidaten aufbietet. Was verwundert, ist die Geschlossenheit: FGL, CDU und SPD haben diesen Herausforderer gemeinsam gesucht und gefunden und keiner ist von der Entscheidung abgerückt. Die drei sind sich bei der Wahl ihres OB-Kandidaten offensichtlich sicher.

Simon Gröger hat das seine getan, das Vertrauen zu rechtfertigen. Er hat seit Juli viele Kilometer abgespult, viele Menschen, Vereine, Einrichtungen besucht. Er hat früh Wahlkampf mit Schuhsohlen gemacht. Martin Staab hat mit seinem Amtsbonus und Auftritten von Amts wegen dagegen gehalten. In den eigentlichen Wahlkampf ist er spät eingestiegen. Wohin das Pendel schlägt? Die Briefwähler dürften es entscheidend in Schwung gebracht haben.