Schon beim Gedanken an einen Ultramarathon fährt dem durchschnittlich sportlichen Normalbürger der Schmerz in die Glieder. Was muss einen antreiben, eine 100 Kilometer lange Strecke zu laufen, wie sie Rodrigo Orelhana aus Böhringen am kommenden Samstag bezwingen will? Er und sein Mitstreiter Bruno Pereira-Guyer aus Zürich haben sich diese Challenge selbst ausgedacht und auferlegt.

Neben ihren sportlichen Ambitionen wollen die beiden gebürtigen Brasilianer auf die Gewalt an Frauen in ihrem Heimatland aufmerksam machen und haben deshalb ihren Ultramarathon mit einem Spendenaufruf für den guten Zweck verbunden. Mit Hingabe stellen die beiden Ultramarathon-Männer nach monatelanger Vorbereitung auch allein mit ihren Familien die Infrastruktur für dieses ambitionierte Vorhaben auf die Beine.

Sportliches und Soziales verbinden

„Alles fing damit an, dass wir uns im letzten Jahr zum Zürich-Marathon angemeldet hatten, dieser wegen Corona immer wieder verschoben und schließlich abgesagt wurde. Auch momentan gibt es keine offiziellen Wettkämpfe“, erzählt Rodrigo Orelhana (41). Sport, so berichtet der Familienvater aus Böhringen, sei ein fester Bestandteil seines Lebens, um sich frisch und wohl zu fühlen im Körper wie im Geist. Dazu gehöre auch Disziplin. All dies wollen er und seine Frau Corinna Oesterle – ebenfalls sportlich, nur nicht so extrem – auch ihren beiden Kindern, acht und sechs Jahre, vorleben.

So sehe es auch Bruno Pereira und seine Familie, berichtet Orelhana. Überhaupt habe ihn erst sein Freund Bruno in die Welt der Marathonläufer und Ironman-Teilnehmer gebracht. Kennengelernt haben sich die beiden brasilianischen Landsleute vor etlichen Jahren über ihre Frauen, die in einem Portugiesisch-Kurs miteinander ins Gespräch kamen. Seither laufe er jedes Jahr 2500 bis 3000 Kilometer, daneben fährt er viel Rad und schwimmt.

Um während der Pandemie sportlich am Ball zu bleiben, brauchte es für die beiden Sportsmänner ein Ziel. „Wir wollten Sportliches und Soziales zusammenbringen“, berichtet Rodrigo Orelhana. Auf der Suche nach einem guten Zweck und bei vielen Telefonaten in ihre Heimat Brasilien hörten sie, dass sich dort die ohnehin schon häufige Gewalt an Frauen während der Pandemie nochmals vervielfacht hat.

Zehn bis zwölf Stunden Laufzeit

So entschieden sich die beiden Laufsportler für einen Ultramarathon mit Spendenaufruf zur Unterstützung der Associação Fala Mulher, einem Verband in Sao Paulo, der Frauenhäuser mit angegliederten Ausbildungszentren betreibt und seine Arbeit sehr transparent macht. Ziel des Duos ist es, eine Spendensumme von 6000 Reais (umgerechnet etwa 1000 Euro) zu erreichen. Fast 40 Prozent davon sind durch zahlreiche Unterstützer aus dem Freundeskreis und der Läuferszene bereits vor dem Start erreicht.

Seit Anfang November ist Rodrigo Orelhana in Vorbereitung auf den Ultramarathon 2600 Kilometer gelaufen, in den letzten 13 Wochen zwölf volle Marathon-Distanzen. Jedesmal von Böhringen nach Allensbach und zurück, dann mit frisch gefülltem Kammerbag (Rucksack) weiter Richtung Bankholzen und wieder zurück. Zweimal mussten die Läufer verletzungsbedingt den Ultramarathon verschieben. Am 26. Juni um 5 Uhr früh wollen sie nun in Bülach bei Zürich am Haus von Bruno Pereira starten und einen Rundkurs von 20 Kilometern fünfmal laufen.

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Das Haus ist Dreh-und Angelpunkt für die notwendigen sieben Liter Flüssigkeitsnachschub: Dort stehen die Frauen mit frisch gefüllten Kammerbags bereit und Wassereimern für eine schnelle Erfrischung kopfüber, die Kinder wollen ihren Vätern zujubeln. Für Rodrigo Orelhana sind die 100 Kilometer die bisher größte sportliche Herausforderung. Er rechnet mit zehn bis zwölf Stunden Laufzeit.

Drei bis vier Tage vorher setzt der 1,71 Meter große und 66 Kilo leichte Marathonmann auf eine Diät mit Extra-Proteinen und Kohlenhydraten. Am Abend vor dem Start wird er sein Lieblingsessen – Reis mit gegrillter Hähnchenbrust und Avocado-Tomatensalat mit viel Olivenöl – zu sich nehmen und zum Frühstück vor dem Start zwei Tassen Kaffee und ein paar Stücke Brot mit Butter und Honig.

Hoffen, dass der große Schmerz erst bei Kilometer 85 kommt

„Es wird eine schwierige Challenge“, ist Orelhana sich sicher, „allein, weil der sonst bei Wettkämpfen übliche große Zirkus mit zujubelnden Menschen am Streckenrand fehlt und auch, weil mit einem heißen Tag zu rechnen ist.“ So dürfte der Lauf, wie bei allen Marathons, nicht zuletzt ein Kampf gegen sich selbst werden. Aber er sei mental vorbereitet, der Schmerz könne ihn nicht stoppen. Er hoffe, dass die größten Schmerzen erst bei Kilometer 85 kommen.

Zur Sicherheit hat er Extra-Schuhe und -socken im Gepäck. Mit Bruno sei es ausgemachte Sache, dass, wenn einer es nicht mehr schaffe, der andere weiterlaufe. „Das Wichtigste für uns ist, gesund ins Ziel zu kommen“, unterstreicht Rodrigo Orelhana. Beide freuen sich, dass einige Freunde aus der Laufszene angekündigt haben, zu der ein oder anderen Runde hinzuzustoßen. Vor allem aber hoffen sie, dass ihre Challenge für den guten Zweck Nachahmer findet.

Die beiden Sportler und wie man ihre Aktion unterstützen kann

  • Rodrigo Orelhana, geboren 1980 in Sao Paulo, ist 2005 nach Sydney ausgewandert, dann 2010 nach Konstanz. 2011 zog er nach Uster in der Schweiz. Seit 2016 lebt er mit seiner Frau Corinna Oesterle und seinen beiden Kindern in Böhringen und arbeitet seither als Servicefachkraft im Restaurant Falconera in Schienen-Öhningen. Nach einem 15-Kilometer-City to Surf-Rennen in Sydney 2007 und kleineren Rennen bis 2009 lief er 2012 in Uster/Schweiz seinen ersten Halbmarathon – und baute das Laufsport-Hobby weiter aus. Zwei Jahre später lief Orelhana in Zürich seinen ersten Marathon. 2018 nahm er am Olympischen Triathlon in Erbach teil und absolvierte im gleichen Jahr den Ironman in Zürich. 2018 und 2019 nahm er am Megathlon in Radolfzell teil.
  • Bruno Pereira-Guyer ist 1983 in Sao Paulo geboren und ist 2008 in die Schweiz ausgewandert. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt er in Zürich. Von Beruf ist er Softwareingenieur. Auch Pereira-Guyer ist mittlerweile ein erfahrener und arrivierter Ausdauersportler Er hat mehrfach den Ironman Triathlon absolviert, sowohl in Voll- als auch in Halbdistanz. Seine Bestzeit beim Ironman liegt bei 10‘17 Stunden, beim Marathon liegt sie bei 314‘03 Minuten.
  • Spenden: Die Spenden im Rahmen der Bähringer Ultramarathon-Aktion gehen direkt an die Associação Fala Mulher, einen Verband in Sao Paulo, der sich für den Schutz von Frauen einsetzt. Seine Internetseite www.falamulher.org.br richtet sich an brasilianische Frauen und ist deshalb auf portugiesisch. Der Verband, so Rodrigo Orelhana, unterhält in Sao Paulo 15 Frauenhäuser mit Ausbildungszentren für die Hilfesuchenden, die sich eine eigene Existenz aufbauen müssen. Eigens für den Spendenaufruf zum Ultramarathon wurde ein Link eingerichtet, auf dem die beiden Läufer auf Englisch und Portugiesisch ihre Motivation schildern und einen Überblick über die bereits erfolgten Spenden und Unterstützer geben: https://doa.re/9hh. Am Ende der Seite kann der Button „Doe agora“ (“jetzt spenden“) angeklickt werden. Er führt zu einer Paybox mit Sprachen-Einstellung, über die man die Spende dann tätigen kann.