Wo können im Raum Radolfzell noch Photovoltaik-Anlagen auf Freiflächen entstehen? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Stadtverwaltung in der Vergangenheit bereits mehrfach. 2016 wurde von der Abteilung Stadtplanung eine Potenzialuntersuchung durchgeführt, die zum Ziel hatte, freie Flächen auf Eignung zur Installation von derartigen Anlagen hin zu prüfen. 2017 wurde eine Flächenöffnungsverordnung erlassen, mit der das Spektrum möglicher Flächen erweitert wurde. Dann verschwand das Thema etwas in der Versenkung, wie Fachbereichsleiter Stadtplanung und Baurecht Thomas Nöken in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Planung, Umwelt und Technik berichtete. Nun aber ist es wieder „aufgeploppt“, die Verwaltung hat eine Prüfung zur Realisierung von Photovoltaik-Anlagen vorgenommen und eine Prioritätenliste möglicher Standorte erstellt.

Nöken: „Kleinflächen scheiden aus“

Wie Nöken erläuterte, gab es 2016 klare Kriterien für die Suche: So wurden Flächen im Außenbereich betrachtet, die 100 Meter links und rechts von Bahnstrecken oder Autobahnen oder Bundesstraßen lagen. Auch Flächen auf ehemaligen Deponien wurden begutachtet. Das ergebe Sinn, denn Deponieflächen könnten für keine anderen Zwecke verwendet werden. Ein weiteres Kriterium: „Kleinflächen scheiden aus“, so Thomas Nöken. Damit Photovoltaik-Anlagen wirtschaftlich betrieben werden könnten, brauche es eine Mindestfläche. Mit der Flächenöffnungsverordnung von 2017 wurde es zudem möglich, auch Acker- und Grünlandflächen aufzunehmen.

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Von den 2016 ausgewählten Flächen, die intern und mit dem Landratsamt abgestimmt wurden, blieben nach Ausführung im Ausschuss nur ein paar übrig, bei denen sich eine vertiefende Untersuchung lohnt. Im Fokus bleiben sollen laut Thomas Nöken unter anderem die Riedwiesen südlich von Böhringen. Aber: „Das ist sicher ein Thema, das man mit den Böhringern besprechen muss“, mahnte er an. Ebenfalls als geeignet wird eine Fläche südöstlich von Stahringen entlang der dortigen Bahngleise angesehen, allerdings gebe es dort noch einige naturschutzrechtliche Fragen. Weiterhin genannt wurde eine Fläche südlich der Bundesstraße 33 sowie eine weitere in der Nähe des Parkplatzes Brandbühl an der Bundesstraße, die von Solarcomplex vorgeschlagen wurde. Auch Flächen nördlich von Reute entlang der Bahnlinie, nördlich der Weinburg sowie südwestlich von Stahringen sind laut Thomas Nöken grundsätzlich vorstellbar. „Es lohnt sich auf jeden Fall, das noch einmal zu prüfen.“ Eine vertiefende Detailuntersuchung sei aber erforderlich.

Gesucht: Benachteiligte Gebiete

Bis auf die Gemarkungen Böhringen und Stahringen sind laut der Sitzungsvorlage alle Flächen, die 2016 in der Potenzialuntersuchung ausgewählt wurden, als „benachteiligte Gebiete“ eingestuft. Wie Thomas Nöken erläuterte, bedeutet das, dass der Gesetzgeber dort Erleichterungen für die Realisierung von Photovoltaik-Freiflächen in Aussicht stellt.

Von Vorschlägen des Landratsamts war laut Nöken nicht viel übrig geblieben. Etwa, weil darauf mittlerweile ein Wald wachse oder sie bereits bebaut seien – so etwa auf der ehemaligen Böhringer Mülldeponie Sandgrube. Dort sind laut den Unterlagen schutzwürdige Gehölze mit einem hohen Potenzial für den Artenschutz zu finden. Doch auch bei den anderen Flächen gibt es ein paar Schwierigkeiten: „Die Problematik ist bei vielen Flächen, dass sie in Privatbesitz sind“, erklärte Thomas Nöken. So auch eine ehemalige Mülldeponie in Liggeringen, die er ansonsten „durchaus tauglich“ nannte.

Nutzungskonflikte auf den Riedwiesen

Anja Matuszak (FGL) sah noch ein ganz anderes Problem. Sie sah große Nutzungskonflikte zwischen Artenschutz und der Umstellung auf regenerative Energien bei den ausgewählten Flächen, insbesondere bei den Riedwiesen. Sie sei nicht gegen Photovoltaik-Freiflächen, betonte sie. Doch es komme auf den Standort an. Auch wolle man aufgrund des Klimawandels darauf achten, regionale Landwirtschaft zu nutzen, landwirtschaftliche Flächen dürften da nicht zugebaut werden. Zudem fragte Matuszak, ob es die Möglichkeit gebe, Geothermie zu nutzen.

„Wir sind uns der Nutzungskonflikte bewusst“, versicherte Oberbürgermeister Martin Staab. Allerdings werde es schwer mit der Umsetzung, wenn alle Flächen abgelehnt werden. Zum Thema Geothermie erklärte Thomas Nöken, dass dieses nicht mit Photovoltaik gleichgesetzt werden könne. Geothermie werde fürs Heizen genutzt, bei Photovoltaik-Anlagen gehe es darum, Strom zu erzeugen. „Und wir haben ein Stromdefizit“, so Nöken.

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Walter Hiller (Freie Wähler) ging es um eine schnelle Umsetzung des Vorhabens. Ihm wäre es recht, wenn untersucht werden würde, wie viel es kosten würde, die priorisierten Flächen zu kaufen, beziehungsweise zu klären, ob die Flächen überhaupt für die Nutzung als Photovoltaik-Standort zu bekommen seien. Dann gebe es etwas, woran man sich bei der Auswahl orientieren könne. Christof Stadler (CDU) forderte dazu auf, die Flächen weiter zu untersuchen. „Nur so kommen wir vorwärts.“ Zudem wies er darauf hin, dass viele Dachflächen in der Stadt noch Potenzial für Photovoltaik hätten. Thilo Sindlinger (FGL) trieb zur Eile an: „Wir müssen weiterkommen, damit nicht wieder andere Flächen zuwachsen wie bei der Sandgrube“, sagte er. Die ehemalige Mülldeponie wollte Jürgen Keck (FDP) allerdings trotz der dort gewachsenen Bäume nicht sofort als Standort für Photovoltaik-Anlagen ausschließen. Gehölz, das auf einer alten Müllhalde wachse, sei sicher nicht so wertvoll, glaubte er. Er schlug darum vor, das Gebiet noch einmal anzuschauen. Anja Matuszak regte zudem an, ein Energiesparkonzept zu erstellen.

Thomas Nöken erklärte, nicht die Stadt werde die Photovoltaik-Anlagen betreiben, stattdessen müsse man schauen, Betreiber und Flächeninhaber zusammenzubringen. „Wir müssen die Flächen nicht zwingend kaufen“, sagte er. Möglich sei auch eine Pacht.