Eine lange Schlange vor dem Milchwerk am Sonntagabend. Nein, es war keine Impfaktion, für die die vielen Menschen anstanden: Die Südwestdeutsche Philharmonie hatte zum Silvesterkonzert geladen. Und alle kamen, so dass der große Saal vollbesetzt war. Intendantin Insa Pijanka zeigte sich hocherfreut, zumal das Silvesterkonzert im vergangenen Jahr pandemiebedingt ausfallen musste.

Pure Lebensfreude in der Musik

Mit „Willkommen, Bienvenue, Welcome“, einem Song aus John Kanders „Cabaret“ und weiteren Titeln aus diesem Musical führte das Orchester sogleich mit Musik, die pure Lebensfreude abbildet, ins Programm ein.

Denn das sollte vor allem das Lebensgefühl der zwanziger Jahre vermitteln – einem feierwütigen Jahrzehnt, das sein jähes Ende mit der Weltwirtschaftskrise 1929 fand. Nicht alle Titel seien genau diesem Jahrzehnt zuzuordnen, erläuterte Insa Pijanka, die in hautenger Goldlamee-Robe sachkundig, aber auch mit vielen Anekdoten aus den Leben der Komponisten launig durch das Programm führte.

Dirigat mit Körper und Mienenspiel

1928 hatte die „Dreigroschenoper“ von Bertold Brecht mit der Musik von Kurt Weill in Berlin Premiere. Die Philharmonie spielte die Suite und ließ die bekannten Nummern Revue passieren. Dirigent Yorgos Ziavras lebte in der Musik, wies nicht nur Takt, Tempo und Gestaltung an, sondern vermittelte mit dem ganzen Körper und seinem Mienenspiel die jeweiligen Stimmungen: schaurige Grimasse und geduckte Haltung beim schmissig-rhythmischen Kanonensong, Lächeln und aufgerichtetes, ruhiges Dirigat beim herrlichen Liebeslied von Macheath und Polly.

Fast hatte man Sorge, über der Akrobatik am Pult könnte das Dirigat zu kurz kommen – aber die war unbegründet: Stets hatte Ziavras sein Orchester im Griff und motivierte es ausdrucksvoll.

Hansung Yoo statt Georgios Iatrou

Weil Bariton Georgios Iatrou wegen eines positiven Corona-Tests absagen musste, hatte Insa Pijanka kurzfristig Hansung Yoo verpflichtet: Er überzeugte mit machtvoller Stimme, die sich gut im groß besetzten Orchester behaupten konnte. Aus Emmerich Kálmáns Operetten sang er einige Titel, die das Leben durch‘s Champagnerglas beleuchten. Geliebt und gehasst sei die Operette worden, erläuterte Insa Pijanka, aber zum Glück werde sie immer noch gespielt.

Bariton Hansung Yoo und Dirigent Yorgos Ziavras während des Konzerts.
Bariton Hansung Yoo und Dirigent Yorgos Ziavras während des Konzerts. | Bild: Veronika Pantel

In den 20er Jahren wurden viele Titel durch die Radio-Verbreitung zu Schlagern – und sind es heute noch. Wer kennt nicht „Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“ oder „Die Mädis vom Chantant“ oder „Zwei Märchenaugen“? Viel Gefühl und sicheren Rhythmus legte der Bariton in seinen Vortrag und überraschte mit der Romanze „Sein Sehnen, mein Wähnen“ aus der Oper „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold mit geschmeidigem Legato und feinem Pianogesang.

Anklänge an Walzer

Neben Oper, Operette und Schlager waren auch Ausflüge in den Jazz vertreten, etwa in Cole Porters feuriger Ouvertüre zu „Anything goes“. Und weil der Walzer in unserer gerade nicht sehr walzerseligen Zeit nicht fehlen durfte, gab es Anklänge in Kurt Weills symphonischer Suite aus seinem Broadway-Musical „Lady in the dark“: Neben sinnlich-schwellender, eruptiver, melancholischer, bedrohlicher und zackig-marschierender Musik ließen sich verquere Walzer ausmachen – die ganze Geschichte erzählt nur die Musik.

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Mit Fußtrampeln und lauten Bravo-Rufen dankte das begeisterte Publikum für das kurzweilige Programm und wollte die Akteure nicht ohne Zugaben gehen lassen. Es gab drei, zum Schluss natürlich der unvermeidliche „Radetzky-Marsch“, bei dem Dirigent Ziavras gut gelaunt zum Mitklatschen aufforderte.