Hochbetagte gehören während der Corona-Pandemie zur am meisten gefährdeten Personengruppe. Besonders bedroht sind ältere Menschen in Pflegeeinrichtungen. Heimbewohner ab dem 80. Lebensjahr zählen deshalb bei der Impfkampagne zur Prioritätengruppe eins. Die meisten der über 80-Jährigen leben jedoch in eigenen vier Wänden. Auch sie sind in ihrem Alltag besonders bedroht. In Radolfzell leben 2673 Hochbetagte in Wohnungen.

„Wir hängen in der Luft“

„Wir möchten uns impfen lassen, sobald wie möglich. Das ist eine grundsätzliche Einstellung von uns“, sind sich Herbert und Helga Gerber einig. Gemeinsam zählt das hochbetagte Ehepaar 163 Jahre an Lebenserfahrung: „Wir hängen in der Luft und wissen nicht, wie es weiter geht“, erzählt der 81-Jährige.

Helga und Herbert Gerber stehen in den Startlöchern für eine Impfung gegen das Coronavirus.
Helga und Herbert Gerber stehen in den Startlöchern für eine Impfung gegen das Coronavirus. | Bild: Georg Lange

Für ihn stellt sich die anlaufende Impfaktion als „ein Wendepunkt der gesamten Corona-Affäre“ dar – damit man den Wettlauf zwischen der Herdenimmunität und den Schwierigkeiten der gesamten Wirtschaft in Griff bekomme. Das hochbetagte Paar bekommt jedoch keinen Termin für die Impfung gegen das Coronavirus.

Situation verwirrend für Ältere

Genau genommen erreichen Familienmitglieder von Herbert Gerber nicht einmal einen Ansprechpartner an der Hotline für die Terminvergabe. Ebenso stellt sich für die Familien die Anmeldung via Internet als eine Sackgasse dar.

Herbert Gerber hatte beim Start der Impfaktion für die über 80-Jährigen eigentlich damit gerechnet, dass genügend Impfstoffe zur Verfügung stehen würden und die Termine in den Impfzentren ausgenützt werden. Helga Gerber beschreibt die Situation als sehr verwirrend. Trotz Eigeninitiative fühlt sich ihr Ehemann im Stich gelassen.

Kritik an der Organisation

Herbert Gerber begleitete mehr als 40 Jahre lang das Amt des Bürgermeisters in Wiesensteig im Landkreis Göppingen. Ehe er in den Ruhestand ging, konnte er sieben Wahlkämpfe für sich entscheiden. Zugleich hat er über 30 Jahre Erfahrung als Kreistagsabgeordneter. Dem rüstigen Senior fehlt die Schiene, die die Politik in Bund und Land mit den Kommunen verbindet. Da es einen Wettlauf zwischen zusammenbrechenden Existenzen und dem Wegsterben von Risikopatienten gebe, müssten alle Ebenen zusammenarbeiten.

Eine Organisation von oben her sei für ihn schwierig. Ihm fehle der agierende Unterbau. Seines Erachtens hätten Verwaltungen die Zeit dazu nutzen können, eine Übersicht über die Zahl der Impfwilligen als Grundlage für die Impfung der über 80-Jährigen zu erstellen. Und obzwar mehrere hundert Personen bei der Hotline beschäftigt seien, würde es an Organisation fehlen.

Fünf Anrufe bei der Telefon-Hotline

„Ich lebe sehr gerne und möchte noch etliche Jahre auf der schönen Erde bleiben“, sagt Anny Jarmatz. Die gebürtige Hannoveranerin lebt seit 30 Jahren in Radolfzell. Ihr verstorbener Ehemann war Fluglotse und entdeckte über die Mettnaukur den Bodensee als Ort für den Ruhestand. Die 86-Jährige begegnet den Gefahren der Pandemie mit Vorsicht. Mit dem E-Bike sucht sie nur noch das Lebensmittelgeschäft auf. Gelegentlich fährt sie bei schönem Wetter zum Friedhof. Die letzten Monate erlebte sie in Einsamkeit.

Anny Jarmatz.
Anny Jarmatz. | Bild: Georg Lange.

Die rüstige Seniorin erreichte nach dem fünften Anruf einen Telefonisten an der Hotline für die Impfkampagne im Kreis. Er ermittelte zwar den Personenstand, bat sie aber ohne Angaben von Gründen darum, am nächsten Montag nochmals anzurufen. Die Seniorin mutmaßt, dass vielleicht die Impfmittel-Vorräte zur Neige gegangen sein könnten. Sie wisse es nicht. Ohne weitere Informationen seien sie und ihr Gesprächspartner auseinandergegangen.

„Das war das Gespräch mit der Hotline. Und damit war ich abgefertigt“, so die 86-Jährige. Nun fürchtet sie, dass sie wieder etliche Male anrufen müsse, damit sie einen Ansprechpartner bekomme. Anny Jarmatz hat keine Bedenken, sich impfen zu lassen. Stolz präsentiert sie ihren gut gefüllten Impfpass, der nur noch auf die Impfung gegen das Coronavirus wartet.

Informationen fehlen

Hildegard Mosbach wird in diesem Jahr 82 Jahre alt. Obwohl sie gerne die Ruhe genießt, gebe es nun vereinzelt Tage, an denen sie fast durchdrehen könnte. Der rüstigen Seniorin fehlen die Gymnastik in der Gruppe, das Gedächtnistraining in der Seniorenwohnanlage am Neuen Wall und die Tagesreisen mit dem Bus.

Hildegard Mosbach.
Hildegard Mosbach. | Bild: Georg Lange

Die Hochbetagte rechnet damit, dass sie erst in einem halben Jahr geimpft wird. Sie geht davon aus, dass zuerst andere geimpft werden, ehe sie selbst an die Reihe kommt. Über das Fernsehen erfuhr sie von der Impfaktion. Jedoch fehlen der Seniorin Informationen über das weitere Vorgehen an ihrem Wohnort. Auf eine schriftliche Anfrage an die Stadt habe sie über Wochen keine Antwort erhalten, erzählt Hildegard Mosbach.

OB Staab verspricht schriftliche Info

Jürgen Keck, Radolfzeller FDP-Abgeordneter im Stuttgarter Landtag, wandte sich mit einer E-Mail an OB Martin Staab und schlug vor, eine städtische Hotline für die Senioren einzurichten. Darüber solle Radolfzell die Terminvergabe gebündelt abstimmen und die Senioren über vergebene Termine informieren. Der Oberbürgermeister versprach, alle über 80-Jährigen würden rechtzeitig vor dem Start der Impfaktion eine schriftliche Information von der Stadt erhalten.

Jedoch könne die Stadt aus Datenschutz-Gründen keine Terminvergabe über ein eigenes Corona-Bürgertelefon übernehmen. Es ergebe sich zudem ein hoher Abstimmungsaufwand, wenn sich die Stadt als Dritte zwischen Impfzentrum und Impfperson einschalten würde, erläuterte Staab.

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Er bat den Abgeordneten darum, Sorge dafür zu tragen, dass in Stuttgart ein stringentes, durchgängig strukturiertes, transparentes und dem Ansturm gerecht werdendes Impfmanagement beginne. Die Kommunen könnten leider nicht die Fehler anderer ausgleichen, wenn sie keine Kompetenzen, Ressourcen und Zugriffsmöglichkeiten hätten, so Martin Staab.

Weshalb sich die Impfung verzögert

  • Die Entscheidung für eine Impfung gegen das Coronavirus und die Terminvereinbarung liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen. Eine Ausnahme bilden die Bewohner stationärer Pflegeeinrichtung, erläutert der Leiter und Koordinator des Kreisimpfzentrums, Jens Bittermann. Dort werden die Senioren von mobilen Impfteams aus Freiburg geimpft. Bisher wurde je ein Pflegeheim in Singen und in Konstanz angefahren.
  • Der Impfstoff der Firma Biontech sei schwer zu handhaben, erläutert Jens Bittermann: Um eine Impfdosis herzustellen, müssen Komponenten gemischt werden. Ist die Mischung im Impffläschchen hergestellt, dann reicht sie für fünf Impfungen. Würden einzelne Menschen zu Hause geimpft, dann gingen die vier übrig gebliebenen Dosen kaputt, weil der Impfstoff nicht transportierbar sei. Es sollen jedoch weitere Impfstoffe auf den Markt kommen, die einfacher zu handhaben und zu transportieren sind.
  • Der Landkreis hat keinen Einfluss auf die Impfstrategie des Landes. Ziel ist es, dass jeder Willige eine Impfung erhält. Für Impftermine in den Pflegeheimen ist die Heimaufsicht im Landratsamt zuständig, in enger Abstimmung mit dem jeweiligen Pflegeheim. Die vorgeschriebene Aufklärung über die Impfung sei aufwendig, erklärt Bittermann – und die Vorbereitungen für die Impfungen seien ein immenser Verwaltungsakt.