Seit Januar 2015 vollzog die FDP einen Wechsel in ihrem Erscheinungsbild. Zum einen wurde ihr Parteien-Logo bunter. Des weiteren verzichtete die FDP auf den Zusatz „Die Liberalen“ zugunsten der Formulierung „Freie Demokraten“. In der Hauptversammlung des FDP-Ortsverbands Radolfzell im Weiherhof in Böhringen begriffen sich die FDP-Mitglieder zwar weiterhin als Liberale. Doch das Schwergewicht lag auf dem, wie sie aufgefasst werden wollen: Als Demokraten und als Freie. Die FDP-Kandidatin des Wahlkreises für den Bundestag, Ann-Veruschka Jurisch, die zu Gast war, begreift ihre Partei als ein liberales Korrektiv.

„In Radolfzell und Umgebung gibt es viele Baustellen, wo man uns eigentlich bräuchte“, so der Vorsitzende des Ortsverbandes, Jürgen Keck. In seiner temperamentvollen Ansprache an die Mitglieder setzte er auf das, was er „eine Stimme aus der Mitte“ nennt. Als linkslastig nannte er die Reden von einer Enteignung von Wohnungen, bei dem über Jahre zugelegtes Eigentum weggenommen würde: „Solche sozialistischen Gedanken dürfen wir gar nicht aufkommen lassen“, so Keck: Da brauche es ein Korrektiv – die Stimme der FDP.

Versorgung mit Breitband im größeren Stil unverzichtbar

Was Jürgen Keck unter „den vielen Baustellen“ versteht, machte er an einer satten Agenda deutlich: Im ländlichen Raum sei nach wie vor die ärztliche Versorgung ein großes Thema. Hier müsse die Kommune bauen und den Raum an die Ärzteschaft vermieten. Skeptisch sieht er die Abdeckung einer Notfallversorgung und der 24-Stunden-Grundversorgung im Krankenhaus an. Seit Jahren würden zudem zwischen 70 und 90 Plätze in der Kinderbetreuung fehlen. Ebenso sei der Digitalpakt nur dann umsetzbar, wenn eine Versorgung mit Breitband im größeren Stil in Schulen und privat in den Ortschaften angeboten werde. Weiterhin treibe ihn die Sauberkeit und Ordnung um, so Keck: Pflasterbelege in der Kernstadt würden wegbrechen und sich Löcher im Asphalt auftun.

Zur Finanzierung der Aufgaben reiche der Tourismus nicht aus. Die Stadt brauche Gewerbe, so Keck. Nicht für große Betriebe, sondern für das Handwerk und den Mittelstand. Viele würden nach Moos oder Steißlingen ziehen, weil sie kein Gewerbegrundstück oder keinen Platz im Startup-Zentrum gefunden hätten. Sie zögen überall hin, nur nicht in das Radolfzeller Blurado. Durch die Abwanderung von Gewerbe könne sich Radolfzell keine Betreuung mehr von Kindern leisten. Keck wolle im Rat die Finger in die Wunden legen.

Unternehmen der Region unter Druck

Gastrednerin Ann-Veruschka Jurich ist die Vorsitzende des FDP-Ortsverbands Konstanz. Die 49-jährige Mutter von drei Söhnen kandidiert im Landkreis für den Einzug in den Bundestag. Mit ihren schulpflichtigen Kindern sei sie nah bei ihrem Thema Bildung. Obzwar sie sich für einen schlanken Staat ausspreche, so sei die Bildung etwas, wobei sich der Staat nicht zurückziehen dürfe, sondern investieren müsse. Eine Facette davon sei auch die berufliche Bildung, der es an Gleichwertigkeit zu anderen Schulformen fehle. Ihres Erachtens sollten Berufsschulen attraktiv gestaltet und mit neuen Lernmitteln sowie motivierten Lehrern ausgestattet werden.

Die Unternehmen der Region stünden unter unheimlichem Druck durch die doppelte Transformation der Digitalisierung und Klimaneutralität. Sie plädiert hierbei auf das Setzen von vernünftigen anstelle von ideologisch motivierten Leitplanken: „Wir dürfen die Menschen auf diesem Weg nicht verlieren“, so Jurich. Forderungen müssten sowohl umsetzbar als auch leistbar sein. Hier sei eine hohe Komplexität zu bewältigen. Jurich steht hinter dem Pariser Klima-Abkommen. Doch wolle sie dies mit marktwirtschaftlichen Mitteln erreichen.

Eine funktionierende und attraktive Bahn als klimapolitische Realpolitik

Unter einer klimapolitischen Realpolitik versteht sie auch ein funktionierendes Bahnnetz mit einer Anbindung an das Fernverkehrsnetz. Während sich die Schweiz durch den Gotthardtunnel gebuddelt und den Bahnhof in Zürich umgebaut habe, so werde in Stuttgart immer noch gebaut. Man könne sich zwar überall Windräder hin wünschen, doch eine funktionierende und attraktive Bahn sei, so die Kandidatin Ann-Veruschka Jurisch, jedoch eine klimapolitische Realpolitik.