Klaus war der Held meiner frühen Jugend. Wenn er den Pfadfindergruß „Gut Pfad!“ aussprach, spürten wir etwas jüngere Pfadfinder das Vertrauen, ja, mit dir sind wir auf einem guten Weg.

Klaus hatte in Nullkommanix ein Zelt aufgeschlagen, er wusste, wie man einen Herd mit Holzstämmen baut. „Nur mit Schnüren, ohne Nägel“, wie sich sein Kamerad Martin Mader erinnert. Der Regen wollte damals 1970 im Lager der Radolfzeller Pfadfinder in Doren gar nicht mehr aufhören. Während das Überzelt gerade noch so die satten Tropfen von unseren Köpfen fernhielt, drängte das Wasser auf der abfallenden Wiese vor dem Bauernhof auf der Vorarlberger Höhe in unsere Zelte hinein. Während wir ängstlich unsere Rucksäcke auf die Luftmatratzen hoben, um sie vor der Nässe zu schützen, war Klaus draußen zur Tat geschritten. Zusammen mit Alfred Flaig hob er mit dem Spaten einen Graben um die beiden Zelte seiner Jungpfadfindersippe aus, der er als Kornett vorstand. Klaus regnete es in den Kragen, uns Jüngere wies er an: „Bleibt im Zelt, es reicht, wenn wir zwei nass werden.“

Besuchszeit am Familiensonntag im Sommerlager in Doren im Vorarlberg 1970 (von links): Pfadfinder Martin Mader, sein Vater Karl Mader ...
Besuchszeit am Familiensonntag im Sommerlager in Doren im Vorarlberg 1970 (von links): Pfadfinder Martin Mader, sein Vater Karl Mader testet mit einer Pfanne den selbstgebauten Herd der Sippe Eule, Rover Werner Honz schaut von hinten zu, Pfadfinder Klaus Liebsch und seine Schwester Lisa. | Bild: Album Liebsch

Der Große beschützt den Kleinen, das zeigt symbolisch der Pfadfindergruß: der Daumen legt sich auf den kleinen Finger. Klaus Liebsch hatte das Pfadfindermotto verinnerlicht. Alexander Thoma beschreibt ihn mehr als fünfzig Jahre später so: „Ich habe zu ihm aufgeschaut, er war schon so erwachsen und reif für sein Alter.“ Klaus war damals in Doren 14 und ein echter Anführer, wir, die Jungen in seiner Sippe, elf und zwölf. Michael Drobig war im Lager in Doren auf der Bauernwiese dabei. „Klaus war immer gut drauf und lustig.“ Und noch etwas hat Michael Drobig nachhaltig imponiert: „Klaus konnte mit allem Möglichen Feuer machen.“

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So war Klaus. Praktisch veranlagt und immer einer der ersten, wenn etwas zu erledigen war. Bis er bei der Pfadfinderaktion „Flinke Hände, flinke Füße“ ein paar Tage vor seinem 16. Geburtstag jäh aus dem Leben gerissen wurde. Zwischen seinem Tod an jenem Frühlingsmorgen 1972 auf der alten Bundesstraße vor Markelfingen und heute liegt ein halbes Leben, mindestens. Nach dem Tag des Unglücks bleibt auch seine Beerdigung im Gedächtnis, wenn auch nur in Bruchstücken. Die Aussegnungshalle auf dem Waldfriedhof konnte das Leid nicht fassen, dichtgedrängt standen die Menschen drinnen und draußen und gaben Klaus das letzte Geleit.

Zeilen von Don Bosco zu seinem Tod

Barbara Pascher, geborene Stocker, die als Kind in der Haselbrunnstraße aufgewachsen ist, hat in ihrem Fundus an Erinnerungsstücken noch das Sterbebild von Klaus Liebsch und die Texte zur Trauerfeier aufbewahrt. Auf dem Sterbebild hat die Familie ein Zitat des italienischen Jugendseelsorgers Don Bosco beigefügt: „Das Beste, was wir auf Erden tun können, ist Gutes tun, fröhlich sein und die Spatzen pfeifen lassen.“

Die Gruppe „Black and White tonight tonight“ der Sippe Mustang tritt am Hüttenabend in Mariawald auf (von links): Alexander ...
Die Gruppe „Black and White tonight tonight“ der Sippe Mustang tritt am Hüttenabend in Mariawald auf (von links): Alexander Thoma, Georg Becker, der Name der Triangel war nicht mehr herauszufinden, Alfred Blasi am Saxophon, Klaus Liebsch, Zeno Weißer an der Gitarre, Waschbrett ohne Namen, Michael Drobig an der Trommel. | Bild: Album Becker

Die Spatzen pfeifen lassen. Die Liste der Redner war lang, wir Pfadfinder hörten Neues über Klaus. So erinnern sich einige wie Stefan Neumeir oder Klaus‘ Onkel Berthold Enz, dass an dieser Trauerfeier von Klaus als engagiertem Schülersprecher an der Realschule Radolfzell die Rede war. Peter Zinsmaier bestätigt: „Gehört habe ich das auch.“ Er war vor allem zu Grundschulzeiten viel mit Klaus zusammen, „wir waren eng befreundet und haben gemeinsam ministriert“. Doch ihre Schulkarrieren trennten sich, Peter Zinsmaier ging aufs Gymnasium und spielte beim Jugendblasorchester mit, Klaus Liebsch ging auf die Realschule und engagierte sich bei den Pfadfindern. „Da bekam man nicht mehr alles vom anderen mit“, sagt Peter Zinsmaier.

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Ob Klaus nun Schülersprecher oder Klassensprecher war, überprüfen lässt sich das heute kaum. Im Archiv der Realschule werden Schriftstücke, die darüber Auskunft geben könnten, nur zehn Jahre aufbewahrt. Deutsch- und Geschichtslehrer Richard Grünwald kann noch viele seiner Schüler aus dieser Zeit aufzählen, Klaus Liebsch habe er nicht unterrichtet. „Ich glaube auch nicht, dass wir damals einen Schülersprecher hatten.“ Außergewöhnlich ist, dass die Realschule im SÜDKURIER einen Nachruf „zum Tode unseres Schülers und Schulkameraden Klaus Liebsch“ veröffentlichte. Weiter hieß es dort: „Klaus besuchte eine neunte Klasse unserer Schule und war wegen seiner außergewöhnlichen und stillen Hilfsbereitschaft bei Lehrern und Schülern gleichermaßen beliebt.“

Matthias „Blinki“ Schenk putzt mit Klaus Liebsch Schuhe

Ein Schülersprecher erinnert sich gut an Klaus Liebsch. Matthias Schenk, der jetzt in Wiesbaden lebt und in Radolfzell immer noch unter seinem Spitznamen „Blinki“ bekannt ist, war Anfang der Siebzigerjahre wortgewaltiger und diskussionsfreudiger Schülersprecher am Gymnasium in Radolfzell. Ende der Sechzigerjahre war er noch mit Klaus zusammen bei den Pfadfindern im Stamm St. Meinrad. „Uns hat noch Geld für ein Wanderlager in den Vogesen gefehlt“, berichtet Schenk. Im Turm in der Schützenstraße, dem Domizil der St.-Georgs-Pfadfinder in Radolfzell, hätten sie im obersten Stock im Raum mit der Falltüre die Idee ausgebrütet, das fehlende Geld mit Schuhputzen nach dem Pfadfindermotto „Flinke Hände, flinke Füße“ zu verdienen. „Vom Hafner haben wir Schuhböcke bekommen, Klaus und ich haben uns damit vors Universum gesetzt und den Leuten die Schuhe geputzt.“ Das Geld kam rein, die Jungpfadfinder Matthias Schenk und Klaus Liebsch gingen aufs Wanderlager.

Erziehungs- und Wahrnehmungskünstler Matthias Schenk hat seine Erinnerungen und Erfahrungen bei den Pfadfindern mit Klaus Liebsch in ...
Erziehungs- und Wahrnehmungskünstler Matthias Schenk hat seine Erinnerungen und Erfahrungen bei den Pfadfindern mit Klaus Liebsch in einer Zeichnung festgehalten. | Bild: Schenk, Matthias

Matthias Schenk hat sich als Wahrnehmungskünstler und Erfahrungsunternehmer im Schloss Freudenberg in Wiesbaden einen Namen gemacht. Was wäre aus Klaus Liebsch geworden? 50 Jahre nach seinem Tod ist klar, was er war. Michael Drobig sagt über ihn: „Er war ein Pfadfinder durch und durch.“ Gut Pfad, Klaus!

Post von und an Pfadfinder

Klaus Liebsch kam bei der Pfadfinderaktion „Flinke Hände, flinke Füße“ am 25. März 1972 ums Leben, der Stamm St. Meinrad sammelte Altkleider ein. In einer dreiteiligen Serie haben wir das Unglück aufgearbeitet

  • Post im Pfadfinderlager: Michael Drobig verbindet das Lager in Doren 1970 nicht nur mit Klaus, auch mit Post von der Mama. „Ein Brief im Lager zu bekommen, war immer ein Höhepunkt.“ Die Nachricht seiner Mutter weiß er bis heute: „Im Brief stand, dass meine Nichte zur Welt gekommen ist.“
  • Post von Matthias Schenk: Er hat in Wiesbaden zusammen mit seiner Frau Beatrice Dastis Schenk die Erfahrungswelt in Schloss Freudenberg aufgebaut. Seine Erinnerungen an Klaus Liebsch hat Matthias Schenk in einer Zeichnung zusammengefasst. Allerdings: Er hätte auf den Hocker Fritz Riester setzen müssen. Günter Neurohr ist erst 1976 OB von Radolfzell geworden. Aber fünf Jahrzehnte später ist das künstlerische Freiheit.
  • Post an die Helfer: Ohne die vielen Gesprächspartner wäre diese Serie nicht möglich gewesen. Mein Dank geht vor allem an Maria Schmitt und Lisa Schieder, die Schwestern von Klaus, die offen über die Tragödie Auskunft gaben und Fotos zur Verfügung stellten. Stefan Neumeir saß neben Klaus im Unglücks-Unimog und schilderte seine Erinnerungen. Ulrike und Helmut Haselberger als die Instanz in Pfadfinderfragen war auch die zwanzigste Nachfrage nicht lästig.
  • Post an Klaus: Habe ich etwas vergessen? Am Morgen war ich mit Dir unterwegs Altkleidersammeln, Du bist verunglückt, ich lebte noch und bin am gleichen Tag ins Kino gegangen. Ich war 13 und blöd. Das hängt mir nach. Gruß Georg