Für das Foto kraxelt Jürgen Keck sogar auf einen kleinen Hügel neben dem Maisfeld. „Aufpassen“, ruft der Stadtrat der FDP, die wilden Brombeeren haben Dornen. Was er sieht, gefällt ihm nicht. Höher als der Mais steht nur die Werbetafel: „Das neue Gewerbegebiet in Radolfzell – Blurado.“ Für Keck steht das Projekt aus drei Gründen in der Kritik: falsche Priorität, zweifelhafte Lage und ein viel zu teures Energiekonzept.

Keck: „Man hätte andere Flächen in den Fokus rücken müssen.“

Gerade jetzt, wo das Geld aus den Gewerbesteuern fehle, mache sich eine falsche Ansiedlungspolitik der Stadt Radolfzell bemerkbar. „Man hätte Flächen in den Fokus rücken müssen, die schneller zu entwickeln gewesen wären.“ Als Beispiel nennt Jürgen Keck das Gebiet Fohrenbühl im Norden von Böhringen, ein Kilometer weiter vom Blurado aus gesehen an der Landesstraße Richtung Steißlingen. Das Blurado, früher unter dem Begriff Kreuzbühl bekannt, liegt in der Ecke zwischen Kaserne, der Abzweigung von der Landesstraße Richtung Stahringen und dem Ortsteil Reute. Es hat eine Ausdehnung von rund 4,2 Hektar. Es grenzt in Teilen an eine bestehende private Bebauung an. Auch diesen Punkt erwähnt Stadtrat Keck: „Das Gewerbegebiet ist faktisch für die Anlieger eine Enteignung.“

120 Euro für den Quadratmeter

Am meisten stören Keck die Kosten und die Umstände, die das Konzept hinter dem Begriff Blurado verursacht. Die Stadt will in diesem Gewerbegebiet ansiedlungswillige Unternehmen dazu verpflichten, ausschließlich erneuerbare Energien abzunehmen, die von einem Betreiber einer zu bauenden Solar- und Agrothermieanlage bereitgestellt werden. Der Verwaltungs- und Finanzausschuss der Stadt hat den Verkaufspreis auf 120 Euro für den Quadratmeter festgelegt. „Das ist teuer, ich bin gespannt, wer das bezahlen will und kann“, sagt Keck.

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Auf Anfrage der FDP-Fraktion hat die Stadtverwaltung mitgeteilt, dass bis zum Sommer insgesamt 1,6 Millionen Euro für die Entwicklung des Gewerbegebiets Blurado angefallen sind. Davon seien „gewerbegebietstypisch“ – also unabhängig von der emissionsfreien Ausrichtung des Gewerbegebiets – 1,45 Millionen Euro angefallen und für die Ausrichtung mit der Versorgung von erneuerbaren Energien 146.000 Euro. Stadtrat Keck leuchtet das Verhältnis dieser Zahlen nicht ein: „Das bezweifle ich, dass das nur 146.000 Euro sind.“

Bedenken in den Ministerien

Einen Betreiber oder Investor für ein „kaltes Nahwärmenetz“ (Agrothermie) mit Photovoltaikanlagen auf den künftigen Gebäuden hat die Stadt noch nicht gefunden. Eine erste Ausschreibung sei im vergangenen Jahr wieder abgebrochen worden. Nach Auskunft der Stadtverwaltung an die FDP seien aufgrund einer Gesetzesänderung im Regierungspräsidium sowie im Innen- und Umweltministerium in Stuttgart rechtliche Bedenken aufgetaucht.

Die neue Ausschreibung

Im Juli dieses Jahres hat die Stadt das Projekt neu ausgeschrieben. Im Ausschreibungstext heißt es: „Die Stadt Radolfzell beabsichtigt die Vergabe einer Konzession für die Entwicklung und Umsetzung eines CO2-freien Energiekonzeptes für ein Gewerbegebiet am Standort Kreuzbühl.“ Der Betreiber solle auf der Grundlage erneuerbarer Energien ein Wärme- und Kältenetz (Agrothermie) errichten und die Wärme- und Kälteversorgung über den Konzessionszeitraum betreiben. Eingeschlossen sind auch die Installation von dezentralen Wärmepumpen an jedem Grundstück sowie die Nutzung aller Dachflächen mittels Photovoltaikanlagen. Darüber hinaus soll der künftige Betreiber und Investor Stromdienstleistungen anbieten.

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Der Vertrag ist zunächst auf 20 Jahre begrenzt. Der geschätzte Wert für die Betreiberlizenz wird mit 5,5 Millionen Euro angegeben. Die Bewerbungsfrist für angehende Betreiber ist in dieser Woche abgelaufen. Über die Vergabe soll der Gemeinderat im Herbst entscheiden, teilt die Pressestelle mit.

Zwei Bewerber mit Optionsverträgen

Die FDP hat in ihrer Anfrage genau wissen wollen, wie viele Interessenten es für Flächen im Gewerbegebiet Blurado gibt sowie die Zahl der tatsächlichen Verkäufe oder wenigstens der unterzeichneten Optionsverträge. Wie die Stadtverwaltung in ihrer Auskunft mitteilt, würde der zukünftige Energiepreis von der Auswahl des Betreibers abhängen. Da dieser noch nicht feststehe, würden den interessierten Unternehmen nur Optionsverträge und noch keine echten Grundstücksverkäufe angeboten. Aktuell seien sechs Bewerber für eine Niederlassung im Blurado geeignet, mit zweien sei ein Vertrag abgeschlossen worden, zu einem späteren Zeitpunkt das Grundstück zu kaufen, heißt es in der Auskunft an die FDP. Auf Nachfrage im Rathaus teilt die Pressestelle mit: „Die zwei Bewerber mit den Optionsverträgen wollen bis zum Endausbau rund 120 neue Arbeitsplätze in Radolfzell realisieren.“

27 Interessenten – nicht alle sind geeignet

Insgesamt seien bis zum Juli dieses Jahres 27 „offizielle Interessentenbekundungen“ eingegangen, so die Stadt. Doch nicht jedes Unternehmen hält die Verwaltung für geeignet, sich im Blurado niederzulassen. Es seien viele dabei, die sehr viel Fläche benötigen, aber gleichzeitig gehe die Aussicht auf Gewerbesteuer gegen Null wie bei Logistikunternehmen, lagerintensiven Bauunternehmen oder Künstlerateliers.

Diese Auskünfte aus dem Rathaus stimmen Jürgen Keck nicht zuversichtlicher. Das Prestigeprojekt emissionsfreies Gewerbegebiet helfe Radolfzell nicht bei der schnellen Ansiedlung von Gewerbe. Auf dem Weg von seinem Büro im RIZ die fünfhundert Meter hinauf zur Werbetafel für das Blurado zitiert der FDP-Stadtrat und Landtagsabgeordnete einen Stadtratskollegen von der CDU: „Wie hat es Helmut Villinger in der Gemeinderatssitzung so schön gesagt: Das Blurado ist ein Rohrkrepierer.“

Was blau in Radolfzell sein soll

  • Die Ursprünge eines nachhaltigen Gewerbegebietes in der Radolfzeller Nordstadt gehen nach Angaben der Stadtverwaltung auf einen Antrag der CDU-Fraktion vom 9. November 2015 zurück. Darin heißt es: „Im Gewerbegebiet Kreuzbühl soll die Wärmeversorgung über ein Nahwärmenetz der Stadtwerke Radolfzell realisiert werden. Dies ist auch für zukünftige Wohngebiete zu überprüfen.“
  • Zum Namen Blurado: Im April 2019 gibt Oberbürgermeister Martin Staab zusammen mit der Klimaschutzbeauftragte Teresa Tewes und Wirtschaftsförderer Frank Perchtold bekannt, dass das neue Gewerbegebiet Kreuzbühl, das auch unter dem Begriff „Cleanenergy Park“ firmierte, nun Blurado heißt. „Blu“ als Synonym für die Farbe Blau und damit für saubere Energie und „rado“ für Radolfzell. OB Staab gab vor einem Jahr bei diesem Pressetermin selbstbewusst zu Protokoll: „Damit haben wir in Radolfzell ein Alleinstellungsmerkmal, zumindest kennen wir kein vergleichbares Projekt in Deutschland.“
  • Saubere Produktion: Die anzusiedelnden Unternehmen im Blurado sollen sich nach Vorstellungen der Stadt bewusst in Größe und Art der Branche unterscheiden. Wesentlich für den Zuschlag seien ökologische, ökonomische und soziale Faktoren. Diese würden gleich gewichtet. Unternehmensgründer hätten die gleichen Chancen bei einer Bewerbung wie ein etablierter Industriebetrieb.

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