Die langen Schlangen vom Hügli-Werk vorbei am Kletterturm zum Hintereingang des Milchwerks am Gemeindeimpftag in Radolfzell haben sich ins Gedächtnis gebrannt. Dazu kommen die täglichen Wartezeiten vor den Teststationen. Für einige Stadträte ist das ein nicht hinnehmbarer Zustand. Susann Göhler-Krekosch (SPD) hat die Praxis des stundenlangen und manchmal vergeblichen Anstehens im Gemeinderat kritisiert: „Das verstehe ich nicht, was man da den Menschen antut.“ Sie empfahl – ähnlich wie in Behörden – Nummern zum Abreißen, damit die Wartenden ungefähr wüssten, wann sie dran sind.

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Gisela Kögel-Hensen (Freie Grüne Liste) ging das Thema grundsätzlich an: „Ich bin entsetzt, dass wir unseren Bürgern keine Impftermine anbieten können.“ Gerade jetzt, wo die Impfbereitschaft zunehme und viele nach der Auffrischungsimpfung verlangen, verstehe sie nicht, warum in Radolfzell nicht möglich sei, was in anderen Städten längst umgesetzt werde. „In Überlingen bieten sie jeden Tag Impftermine an.“ Die Impfaktion dort wird von der Stadt Überlingen in Zusammenarbeit mit dem Helios-Spital angeboten. Allerdings hat eine Stichprobe auf dem Online-Portal ergeben, dass es bis zum 17. Dezember keinen einzigen „verfügbaren Termin“ mehr gibt.

Nicht erst auf Stuttgart oder das Landratsamt warten

Fraktionskollege Siegfried Lehmann ergänzte mit Blick auf die Zuständigkeiten: „Wir können uns alle über Land und Bund beklagen, aber wir sind hier vor Ort verantwortlich.“ Lehmann äußerte „die dringende Bitte“, ein auf Radolfzell angepasstes Impfangebot zu organisieren: „Wir sollten nicht erst anfangen, wenn aus Stuttgart oder dem Landratsamt ein Schreiben kommt.“ Lehmann verwies auf das Beispiel Engen. Das Landratsamt hat nach einer Anfrage von Engens Bürgermeister Johannes Moser das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) dort zum Impfstützpunkt erklärt.

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Doch wer sich jetzt in Engen impfen lassen will, muss auch warten: „Alle Termine bis Ende Dezember sind vergeben“, sagt Bürgermeister Moser am Telefon. Den Ärzten im MVZ sei diese Aktion zu verdanken: „Sie sind auf mich zugekommen und haben gesagt, sie wollten deutlich mehr impfen als bisher.“ Um die Lieferung von 700 Impfdosen pro Woche zu sichern, hätte er beim Landratsamt nach Möglichkeiten gefragt. „Das ist jetzt mit der Erklärung des MVZ zum Impfstützpunkt abgesichert.“ Die Ärzte Ronny Langenhan, Harald Schiele und Veit Busam würden die Impfungen in ihrer Freizeit übernehmen. „Am Morgen operieren sie, am Nachmittag übernehmen sie dann das Impfen“, lobt Moser das Engagement der Ärzte. Er rechnet mit 3000 Impfungen im MVZ bis Ende des Jahres. Schon am ersten Wochenende hätten die Ärzte in Engen 260 Dosen verimpft.

Stadt befindet sich in Abstimmung mit dem Landratsamt

In Radolfzell ist man noch nicht so weit. Bürgermeisterin Monika Laule schilderte die Bemühungen der Verwaltung: „Wir sind dran.“ Die Stadt befände sich in Abstimmung mit dem Landratsamt, was in Bälde getan werden könne. „Die Räumlichkeiten haben wir, die Frage bleibt: Welche Impfkapazitäten werden uns zur Verfügung gestellt.“ Nach Auskunft der Pressestelle soll im Milchwerk ein „kontinuierliches Impfangebot“ mit regelmäßig wiederkehrenden Impfterminen eingerichtet werden. Wann das sein könnte, stehe noch nicht fest.

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In Radolfzell gibt es eine Impfaktion, die viele gewünschten Kriterien erfüllt. Zügig und ohne große bürokratische Hindernisse hat das Friedrich-Hecker-Gymnasium in Zusammenarbeit mit der Hausarztpraxis Daniel in Dettingen bereits vier Impfaktionstage in der Schule in Radolfzell bewältigt, der vierte Aktionstag stand auch Angehörigen der rund 700 Schüler offen. Der fünfte Aktionstag steht bereits im Dezember im Kalender, wieder konnten sich Angehörige anmelden. Schulleiterin Ulrike Heller berichtet von über 100 Anmeldungen. Was sie besonders freut: „Es gibt auch Erstimpfungen.“ Die zusätzliche Arbeit, die das Schulteam auf sich nimmt, werde auch belohnt. „Wir haben Dankes-Mails bekommen, weil es so unkompliziert lief.“