Ein Foto gibt es nicht. Von der Gemeinschaftswaschküche im Wohnblock in der Schwertstraße, als sich zu Beginn der Sechzigerjahre die Jungs neben dem Waschkessel trafen, um ihren Idolen nachzueifern. Reinhold Kammüller, Eberhard Leuschner, Dieter Georg Paul Franz und Robert Stepzinski machten und probten hier ihre Musik, behalfen sich mit einem Blaupunkt-Radio als Verstärker und einem alten Skistock als Mikrofonhalter.

Alle stehen im Buch „Beat Rock Pop Cover Dance“

Schnell sollten sie ins musikalische Bewusstsein der Stadt Radolfzell aufrücken. Eberhard „Ebi“ Leuschner, Reinhold „Uli“ Kammüller, Georg Quisinsky und Dieter Georg „Pauli“ Franz gingen als Beat- und Tanzband „The Rangers“ an den Start, Robert Stepzinski gründete mit „The Sharks“ eine eigene Formation. Sie sind jetzt in einem Buch verewigt. Der Musiker und Musik-Autor Uwe Ladwig hat in seinem liebevoll zusammengestellten Nachschlagewerk „Beat Rock Pop Cover Dance“ die Kapellen, Combos und Bands im Hegau ab 1950 erfasst.

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Die Jungs aus der Waschküche tauchen in diesem Buch immer wieder auf. In anderen Formationen und zusammen mit anderen Radolfzellern. Die Bandnamen mit starker Radolfzeller Prägung sind Falko Illing, Ciro Five, Hexagon, Veteranilli und Schlegele Kings. Die Stars der Szene waren in den Sechziger- und Siebzigerjahren auch nach der Zahl ihrer Auftritte sicher die Musiker, die sich nach ihrem Gründungsbandleader Falko Illing benannten – mal als Quartett, als Quintett oder Sextett. Auch auf der Höri kannte jeder den Schriftzug der Band, sie spielte nahezu wöchentlich in der „Aussicht“ in Horn oder im Boje-Keller in Wangen.

Das Illing-Sextett bei einer Fotosession in der Auslieferungshalle des Getränkehandels Winker in Böhringen, dieses Mal als klassische ...
Das Illing-Sextett bei einer Fotosession in der Auslieferungshalle des Getränkehandels Winker in Böhringen, dieses Mal als klassische Musiker (von links): hinten Gerhard Spiri, Werner Gaiser, Peter Illing, vorne Livio Marchel, Gerd Bürgin, Ullrich Letulé. | Bild: Bildarchiv Werner Gaiser

„Falko Illing und sein Bruder Peter waren echte Hannoken und stadtbekannt“, wie Gerd Bürgin in seinem Beitrag für Ladwigs Buch unter der Überschrift „Die Falko Illing-Sinfonie“ schreibt. Bürgin ist selbst ein „Hannoke“, das ist ein Spitzname für „echte“ Radolfzeller. Bürgin war Schlagzeuger bei Falko Illing, aber zuerst Fan. Im Strandbad hätten Ende der Fünfziger Jahre die beiden Illing-Brüder im großen Sandkasten mit ihren Gitarren ein Konzert gegeben und über 100 Leute seien auf der Holzumrandung gesessen und hätten begeistert zugehört. „Als ich dann 16 wurde, haben die mich mal aus Zufall gehört und ich wurde als Illing-Infizierter endlich deren Mitglied und stolzer Drummer“, schreibt Bürgin.

Wer bei Falko Illing einsteigt

Stolz – davon berichten auch Werner Gaiser und Robert Stepzinski, die später in die Band aufgenommen worden sind. Werner Gaiser, damals Bohlinger, nun seit 40 Jahren in Stockach lebend, erinnert sich gut an den Auftritt mit seiner damaligen Band „The Guns“ 1968 in der Mägdeberhalle in Mühlhausen an einem Samstagabend. „Wir waren die Vorgruppe von Falko Illing.“ Das Illing-Quartett spielte in der Besetzung mit den Illing-Brüdern sowie Gert Bürgin und Klaus Gabele. Nach dem Auftritt stand Werner Gaiser mit seinem Freund und Guns-Bandmitglied Livio Marchel an der Bar. Da sei während des Umbaus auf der Bühne Falko Illing auf sie zugekommen. „Er hat uns gefragt: Wollt Ihr bei uns einsteigen?“ Für Gaiser und Marchel war das keine Frage, „das war der Knaller“.

Falko Illing kommt bei einem Autounfall ums Leben

Doch kurz darauf kam es zu einem tragischen Schicksalsschlag, Falko Illing kam bei einem Verkehrsunfall nahe des EKZ zwischen Böhringen und Singen ums Leben. Werner Gaiser und Livio Marchel stießen dann erst 1969 dazu. Peter Illing holte auch Robert Stepzinski als neues Mitglied in die Band. Stepzinski schreibt in seinem Beitrag unter der Überschrift „Stationen eines Musikers“ über diesen Abschnitt: „Der Boje-Keller war für mich die Startrampe, Falko spielte hier jeden Samstag. Als Gast kannte ich das Repertoire in- und auswendig.“ Fortan firmierte die Tanzband zuerst als Quintett, dann als „Falko-Illing-Sextett“.

Das Falko-Illing Sextett bei einem Auftritt in Watterdingen (von links): Livio Marchel, Gerd Bürgin, Ullrich Letulé, Gerhard Spiri, ...
Das Falko-Illing Sextett bei einem Auftritt in Watterdingen (von links): Livio Marchel, Gerd Bürgin, Ullrich Letulé, Gerhard Spiri, Peter Illing und Werner Gaiser. | Bild: Bildarchiv Werner Gaiser

Gert Bürgin geht in seinem Beitrag auf die musikalische Herausforderung dieser Formation ein. Ein Sextett sei damals völlig neu gewesen. „Man hatte Angst, die Gagen würden zu hoch, die Bühnen zu klein oder der Lärm zu groß sein.“ Das Illing-Sextett sei die einzige Band mit Bläsersatz und mehrstimmigem Gesang gewesen. Neuer Auftrittsort wird das Autohaus Gohm in Aach für die legendären „Döschwo“-Partys. Die Musiker positionierten sich vor, neben und in der „Ente“, wie der Citroen 2CV auch hieß. 1974 wechselt Stepzinski zu Ciro Five, dafür verstärken Ullrich Letulé und Gerhard Spiri die Band.

Einzigartiger Sound

Das Falko-Illing-Sextett füllte weiter die Hallen im Hegau und trat sogar mit Joy Flemming oder Big Jay Caleb vom Golden Gate Quartett auf. Werner Gaiser hat in seinem Musik-Keller viele Dokumente dieser Zeit aufgehoben: Fotos, Artikel, Anzeigen, Verträge, Bescheinigungen. Und die 80 Kilogramm schwere Hammond-Orgel, die er damals immer auf die Bühne wuchten musste. Den Klang mag Gaiser noch immer: „Der Sound ist einzigartig.“ 1979 kam das Ende der großen Bühnenauftritte für das Falko-Illing-Sextett. Die Forderungen des Finanzamtes seien „zu hoch“ geworden und die Musiker kamen in eine Phase, in der sie sich mehr auf ihren eigentlichen Beruf konzentrieren wollten. Gert Bürgin schreibt über diese Zeit: „Mit unseren Stammesbrüdern, den Dominos, haben wir viele Jahre die jungen Leute begeistert und womöglich Hochzeiten verursacht.“

Ciro-Five (von links): Robert Stepzinski, Uli Kammüller, Rainer Kessing, Roger Gerndt, Dieter Rigling.
Ciro-Five (von links): Robert Stepzinski, Uli Kammüller, Rainer Kessing, Roger Gerndt, Dieter Rigling. | Bild: Fotostudio Ott-Albrecht

Robert Stepzinski hat bei Ciro Five mit Reinhold „Uli“ Kammüller wieder einen alten Bekannten aus der Waschküche getroffen, zusammen mit Dieter Rigling am Schlagzeug waren sie die Radolfzeller Achse in der Band. Mit dabei waren Rainer Kessing aus Singen und Rüdiger Gerndt aus Tuttlingen. Ciro-Five spielte in unterschiedlichen Besetzungen bis ins Jahr 2018.

Schlegele Kings und Veterenalli

Noch zwei weitere „Radolfzeller“ Bands können Abzweigungen auf den musikalischen Stammbaum „Waschküche“ vorweisen. Bereits 1985 gründeten Pauli Franz, Peter Illing und Michael Schmidpeter eine Band, um Mundart-Pop und Unterhaltungsmusik zu machen. Nach dem Tod von Peter Illing kam Uli Kammüller dazu, wieder waren zwei aus der Waschküche in einer Formation vereint. Mit Gerd Bürgin stieß ein Illing-Gefährte dazu. Die „Schlegele Kings“, wie sie sich nun nannten, hatten Auftritte im Fernsehen und in Berlin. Die Besetzung wechselt, aber die „Schlegele Kings“ stehen immer noch auf der Bühne. Für viele Musiker galt und gilt: Warum nur in einer Band spielen, wenn man in mehreren Formationen auftreten kann? 1994 spielen bei „Veteranilli“ Gerd Bürgin, Jörg Fuhrmann, Livio Marchel, Lobo Grünwald, Ulli Letulé und Pauli Franz.

Hexagon (von links): Livio Marchel, Lobo Grünwald, Werner Gaiser, Dieter Rigling, Jörg Fuhrmann, Carlos Magni.
Hexagon (von links): Livio Marchel, Lobo Grünwald, Werner Gaiser, Dieter Rigling, Jörg Fuhrmann, Carlos Magni. | Bild: Bildarchiv Werner Gaiser

Die Band tritt immer noch auf. Wer das, wann in welcher Formation getan hat, das steht in dem 202 Seiten starkem Buch von Uwe Ladwig. So gut wie kein Musiker-Name dürfte dem Jazzer Ladwig in seinem vergnüglichen Lehrbuch über die Beat-, Rock- und Popjahre im Hegau entgangen sein.

Von Künstler-Vornamen und Band-Wetten auf der Höri

  • Die Sache mit den Vornamen: Die jungen Musiker haben schon früh auf die Künstlertauglichkeit ihrer Vornamen geachtet. Ein „Reinhold“ oder „Dieter“ ging gar nicht. Als bekam Reinhold Kammüller den „Uli“ verpasst, „weil er so lange schwarze Haare hatte wie Uli Günther, das war der Sänger von den Lords“, sagt „Pauli“ Franz, der seinen Spitznamen in Anlehnung an Paul McCartney bekommen hat.
  • Die Sache mit den Noten: „Wir konnten fast alle keine Noten lesen.“ Das Bekenntnis von Werner Gaiser klingt überraschend, ist es aber nicht. Die Beat-Generation lauschte sich Tonlage, Harmonien und Rhythmus ab. Nur wer Gitarre wie Robert Stepzinski bei Eugen Hertkorn lernte oder in der Jugendmusikschule Radolfzell war, der konnte nach Noten spielen.
  • Auch erwähnt im Buch sind die „Tramps“, Beat aus Radolfzell, mit Ponti Hirling, Roland Preuksch, Karl Heinz Schiller, Klaus Dürrhammer. Und das Hannoken-Sextett mit Jürgen Kupferschmid, Wolfgang Riester, Sigi Schaub, Klaus und Bernd Bosch, Dietmar Baumgartner ist aufgeführt.
  • Hexagon: Werner Gaiser schlug 1985 mit der Gruppe „Hexagon“ ein neues Tanzband-Kapitel auf. Wieder waren Radolfzeller mit von der Partie: Dieter Rigling und Robert „Lobo“ Grünwald. Auch dabei waren Livio Marchel, Jörg Fuhrmann und Carlos Magni. In die Show bauten die Musiker auch Wetten gegen das Publikum wie in der gleichnamigen Fernsehsendung im ZDF mit ein, etwa im Festzelt afu der Höri: „Wetten, dass Sie es nicht schaffen, den Pfarrer aus Bankholzen auf die Bühne zu bringen und ein Schunkellied zu singen?“ Die Band verlor, der Pfarrer lag schon im Bett, und als Wetteinsatz spielte dann Hexagon in der Kirche.
  • Bestelladresse: Das Buch von Uwe Ladwig „Beat Rock Pop Cover Dance. Kapellen, Combos und Bands im Hegau ab 1950“ kostet 25 Euro inklusive CD (20 Stücke darunter Falko Illing, Ciro Five, Hexagon, Veteranilli) kann per E-Mail bei office@uwe-ladwig.de bestellt werden.