Sie spielten es so wie es ist. So nämlich, wie Autor Lutz Hübner sein „Gretchen 89 ff.“ geschrieben und seine Aufführung vermutlich genau so gedacht hat. Die Kulissenschieber, die Theatergruppe der VHS, luden zu einem vergnüglichen Start in den Silvesterabend ins Milchwerk ein. Goethes „Faust“ hat Hübner auf die berühmte Kästchen-Szene reduziert, wie sie im Reclam Heft Seite 89 und fortfolgende zu lesen ist.

Es ist die Szene, in der Gretchen das von Mephisto und Faust in ihrem Zimmer versteckte Schmuckkästchen findet. Hübner beleuchtet mit ironischer Schärfe, wie unterschiedlich Regie und Schauspieler – zwei von alters her natürliche Angstgegner, wie er meint – die Szene proben.

Nicht-Küssen muss gelernt werden

Da ist also ein Regisseur als Schmerzensmann, der an sich und der Welt leidet. Er sucht sinnliche Qualitäten im Spiel und lässt die Schauspielerin verzweifeln. Oder das Tourneepferd, das mit herrlich badischem Zungenschlag Charme versprüht und leichte Walzerschritte fordert. Der alte Haudegen, der in Theater-Erinnerungen schwelgt und dem der Text letztlich egal ist oder der Freudianer, dem Gefühl für die Szene wichtiger ist als jeder Text.

Die Anfängerin will ihr auf der Schauspielschule erlangtes Wissen ausspielen und müht sich vorab schon mal mit Stimm- und Lockerungsübungen ab. Der Regisseur bremst: „Wenn Sie nicht irgendwann aufhören, ständig auf die Knie zu fallen, spielen Sie die Rolle im Laufstall!“

Goethes Text hemmungslos zerschreddern

Die Schauspiel-Diva ist immer empört: über die Rollen, die man ihr gibt, und die, die man ihr nicht gibt. Einen Regisseur mit guten Ideen, aber wenig Erfahrung treibt sie in den Wahnsinn. Die junge Hospitantin wundert sich, dass man Nicht-Küssen lernen kann: „Naja, aber ich kann ja noch nicht mal küssen.“ Der Textkürzerin in der Regie sind die Textstellen viel zu lang, sie macht sich daran, den Goethe-Text hemmungslos zu zerschreddern. Die genervte Schauspielerin: „Was soll ich denn überhaupt noch spielen?“

Und die Dramaturgin, von der keiner so genau weiß, was ihre Aufgabe ist, will herausarbeiten, dass Gretchen nur der Kitt der Männerfreundschaft Mephisto-Faust sei. Also will sie die Gretchenrolle mit einem Mann besetzen.

Mit bissigem Humor

Als Conférencier leitete Michael Bingeser in die Szenen ein und trug gekonnt vor, wie Autor Hübner die Charaktere mit bissigem Humor und viel Insiderwissen beschrieben hat. Regisseurin Ursula Taaks hielt sich weitgehend an die Hübner-Vorgaben, die Bühne war von Michael Kowalski und Odo Nimmrichter einer Probenbühne entsprechend als wenig ordentlich ausgestattet worden.

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Die acht Schauspielerinnen und Schauspieler schlüpften zum größten Teil in mehrere Rollen, die sie allesamt großartig ausfüllten – mit lebendiger Spritzigkeit, sicherem Mienen- und Gebärdenspiel und herrlich zugespitzten Übertreibungen. Hut ab vor den talentierten Laien und ihrer intensiven Arbeit am Stück!

Das Publikum im gut besetzten kleinen Milchwerk-Saal ließ sich gern mitnehmen in die Welt der schrägen Theater-Charaktere. Es amüsierte sich prächtig, sparte nicht mit Szenenapplaus und startete gut gelaunt in den Silvesterabend.