Zwei Schiefertafeln und zwei Pappschilder weisen die Besucher ein. „Eingang im Hof“ steht auf den Tafeln, die die Kunden mithilfe eines Kreidepfeils durch die Buchhandlung am Obertor lotsten sollen. „Hereinspaziert“ und „Bitte mit Maske und Armband“ prangt es auf den Pappschildern. Die Armbänder liegen vorm Eingang und helfen der Inhaberin Sabine Schlag, den Überblick zu behalten. „Es gibt 14 Armbänder und wir dürfen 14 Leute reinlassen“, sagt sie.

Drinnen hat der Laden seinen eigenen Charme: schmale, verwinkelte Gänge, die bis an die Decke mit Büchern bestückt sind. Doch zum Verweilen soll die Buchhandlung in Zeiten der Pandemie gerade eben nicht einladen. „Deshalb haben wir alle Sitzmöglichkeiten und unsere Kaffee-Ecken gesperrt.“ Vor der Kasse ist eine Plexiglasscheibe eingelassen. Es finden keine Lesungen und kein Buchpräsentationen im Laden statt. Und doch sagt Schlag: „Wir wollen ein Ort sein, an dem die Leute gute Laune tanken können.“

Der Hofeingang der Buchhandlung am Obertor.
Der Hofeingang der Buchhandlung am Obertor. | Bild: Daniela Biehl

Denn Schlag hat in den vergangenen Monaten gemerkt, „wie die Vorlesekultur wieder aufgelebt hat.“ Dass seit dem ersten Lockdown im Frühjahr tatsächlich mehr Menschen Bücher kaufen. „Besonders stark nachgefragt waren Lernhilfen, Malhefte, Spiele, Kinderbücher, also alles, was die Kleinsten beschäftigt. Aber auch Romane und natürlich ‚Der Corona-Fehlalarm‘.“ Das Virus-kritische Werk hätte sie ständig nachbestellen müssen, sagt die Buchhändlerin.

Bücher mit dem Fahrrad ausgeliefert

An den ersten Lockdown erinnert sich Schlag noch gut. Um die Kunden trotz Schließung zu halten, stellte sie damals auf Liefer- und Versandbuchhandlung um. Und merkte schnell: „Der Bedarf an Büchern wuchs. Wir waren teilweise zu dritt am Telefon und haben Bestellungen aufgenommen, und das vierte Telefon hat auch noch geklingelt.“ Zusätzlich konnte man per Whatsapp oder auf der Internetseite der Buchhandlung bestellen.

„Wir haben Kunden, die uns Kusshände durchs Fenster schicken, die uns Briefe schreiben und uns zuzwinkern, wenn sie in den Laden kommen“, sagt Sabine Schlag.
„Wir haben Kunden, die uns Kusshände durchs Fenster schicken, die uns Briefe schreiben und uns zuzwinkern, wenn sie in den Laden kommen“, sagt Sabine Schlag. | Bild: Daniela Biehl

Schlag und ihr Mann, der ehrenamtlich mit half, lieferten auch persönlich aus. „Mein Mann hat das meiste auf dem Rad ausgefahren, ist bis auf die Höri, nach Allensbach oder Steißlingen geradelt und ich habe die Bücher in der Nähe der Buchhandlung ausgeliefert“, erinnert sich Schlag. Und: „Wir haben damals kleine Filmchen gedreht, wie wir auf den Fahrrädern durch die Gegend sausen. Damit die Kunden nah bei uns bleiben.“

Der schönste Moment des Tages – wenn die neuen Bücher kommen

Das hat Schlag auch nach dem Lockdown beibehalten. Auf der Internet-Plattform Instagram will sie Nutzern das Gefühl vermittelt, sie befänden sich via Handy in der Buchhandlung. Eine echte Lesung oder eine tiefes Gespräch über Bücher ersetzte das aber nicht, findet sie. Die größte Veränderung nimmt Schlag deshalb auch im Umgang mit ihren Kunden wahr. „Man sieht sich weniger.“ Wenn man sich aber sehe, „spürt man eine große Welle der Sympathie. Wir haben Kunden, die uns Kusshände durchs Fenster schicken, die uns Briefe schreiben und uns zuzwinkern, wenn sie in den Laden kommen.“

Mittendrin in der Buchhandlung am Obertor.
Mittendrin in der Buchhandlung am Obertor. | Bild: Daniela Biehl

Gerade deshalb fürchtet sich Schlag nicht vor dem sogenannten Lockdown light jetzt im November. „Wir haben noch geöffnet und bieten außerhalb der Öffnungszeiten auch zusätzliche Einkaufsstunden an. Für alle, die alleine, ungestört schmökern wollen“, sagt sie und beginnt selbst, ein bisschen zu stöbern. Auf der Suche nach spannesten Büchern, die mitten in der Corona-Zeit erschienen sind, geht sie ein Regal entlang, zieht die „Offene See“ von Benjamin Myers heraus. Ihr aktuelles Lieblingsbuch. „Das ist die Geschichte eines jungen Mannes, der 1946 in England mit der Schule fertig ist, der fürchtet, sein Leben im Bergbau fristen zu müssen und noch einmal das Meer sehen will. Er macht sich also auf Richtung Meer und hat dann unterwegs eine Begegnung mit einer alten unkonventionellen Dame, die sein Leben verändert, indem sie ihm Literatur nahebringt“, erzählt Schlag.

Für sie ist das der schönste Moment des Tages. „Wenn die neuen Bücher kommen und ich weiß, jetzt könnte ich all diese Bücher lesen und davon erzählen, dann kriege ich jedes Mal große Kinderaugen.“

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Ein Gefühl, das Marie-Therese Kirow gut nachvollziehen kann. Seit einem Jahr leitet sie die Buch Greuter Filiale in der Schützenstraße und sagt: „Literatur verzaubert.“ In Krisen-Zeiten, in denen „auf unseren Smartphones ständig irgendwelche Schreckensnachrichten aufpoppen, kann sie helfen sich in andere, schönere Welten zu träumen. Oder für Inspiration sorgen.“

Doch was lesen die Radolfzeller, die wegen Corona auf Begegnungen verzichten sollen? Wie Schlag nennt Kirow zunächst eine Reihe von Büchern speziell für Kinder – Ausmalbücher, Büchern zum Basteln, Werke zum Lernen – und hält bald „Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger als Taschenbuch in den Händen. „Das war bei uns extrem gefragt.“

„Die finanziellen Einbußen waren nicht allzu groß“, sagt Marie-Therese Kirow.
„Die finanziellen Einbußen waren nicht allzu groß“, sagt Marie-Therese Kirow. | Bild: Daniela Biehl

Kein Wunder ähnelt die Geschichte doch der Corona-Situation. Mit einem Unterschied, wie Kirow sagt: „Es ist Fiktion. Der Leser kann sich sicher fühlen“ In „Der Wal und das Ende der Welt“ gehe es nämlich um ein kleines Fischerdorf in Großbritannien, um einen gestrandeten Wal, eine ausbrechende Epidemie ähnlich der Spanischen Grippe und eine globale Krise. „Für mich ist das Buch eine Heldengeschichte, eine Suche nach dem Sinn des Lebens und erzählt ganz viel von dem, was eine Gemeinschaft zusammenhält.“

Der Ansturm vom Frühjahr hält bis heute an

Während des ersten Lockdowns im Frühjahr hat auch Kirow einen Ansturm erlebt. „Wir haben gemerkt, dass die freigewordene Zeit wieder zum Lesen genutzt wird. Und das hält bis heute an.“ Als im Frühjahr ihre Filiale geschlossen hatte, gab es eine Abholstation für Bücher im Reformhaus Wicht. „Sodass wir klarkamen. Die finanziellen Einbußen waren auch nicht allzu groß.“

Und jetzt, im Lockdown light, wo der Laden nur mit Maske betreten werden darf, die Kaffee-Ecke geschlossen und einzelne Bereiche mit Absperrband markiert sind, „machen wir uns Sorgen um Weihnachten. Wir wollen keine langen Schlangen vor dem Laden“, sagt Kirow und zeigt auf weihnachtlich dekorierte Stände. „Wir haben schon so bestellt, dass die Kunden auch jetzt etwas kaufen könnten und sich das ganze entzerrt.“ Den Buchgeschmack ihrer Stammgäste kennt sie schließlich.

Und wie Kirow das sagt, wird es still im Laden. Ein älterer Herr hatte ihr eine Weile zugehört. Er sucht tatsächlich ein Geschenk für Weihnachten. „Einen Krimi oder einen historischen Roman für meine Frau“, – und so unterbricht Kirow das Gespräch und führt ihn zu Ken Folletts „Der Morgen einer neuen Zeit.“

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„Solche Beratungen sind seltener geworden“, gibt Kirow zu. „Aber es gibt sie noch.“

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