Nach mehr als sechs Jahrzehnten Kiesabbau wird jetzt die Kiesgrube „Hirschbrunnen“ im Radolfzeller Ortsteil Markelfingen wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Die Rekultivierung, die jetzt begonnen wird, soll in wenigen Jahren an gleicher Stelle einen Wald mit zahlreichen verschiedenen Baumsorten wachsen lassen.

Wege machen das Gelände zugänglich

Ferner wird die Fläche wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bereits jetzt durchziehen mehrere Wege das insgesamt 17 Hektar große Areal und ermöglichen in der Zukunft eine Nutzung durch die Menschen der Region. Gleichzeitig sorgt die Renaturierung für ein wertvolles Natur- und Artenschutzgebiet, dass auch seltener gewordenen Pflanzen und Tieren ein Überleben möglich machen soll.

„Das Ende einer Industrieära“

Für den Unternehmer Rolf Mohr vom gleichnamigen Kiesabbauunternehmen Meichle und Mohr markiert der Rückbau der Kiesgrube einen bedeutenden Schritt, wie er jetzt auf einem Pressetermin vor Ort erklärte: „Seit ich mich erinnern kann, wurde in Markelfingen Kies abgebaut. Für uns geht hier eine Ära zu Ende“, sagte der Seniorchef des Unternehmens.

Fünf Millionen Kubikmeter Kies abgebaut

Gleichzeitig bedankte er sich bei den Radolfzellern und allen Bürgern für die Geduld mit den Unannehmlichkeiten, die mit dem Kiesabbau verbunden waren. Seit den 1950er Jahren wurden auf dem ehemaligen Grund der Gemeinde Markelfingen und dem heutigen der Stadt Radolfzell rund fünf Millionen Kubikmeter Kies und Sand abgebaut. Das entspricht in etwa einer Menge, die für den Bau von rund 160.000 Gebäuden benötigt werden.

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Doch mit der Ausbeutung der Natur ist in an diesem Ort nun Schluss. Ab jetzt soll das Areal gemäß des Landeswaldgesetzes wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden. Nach dem Verfüllen von insgesamt 1,7 Millionen Kubikmetern mineralischen Aushubs wurde im Jahr 2012 mit den ersten Rekultivierungsmaßnahmen begonnen. Insgesamt wird die 17 Hektar große Fläche in vier Abschnitten forstlich rückgebaut.

60.000 Gehölze werden angepflanzt

Bis Ende des Monats sollen rund 60.000 Gehölze auf dem Areal angepflanzt worden sein. Den größten Anteil stellen mit rund 56.000 Exemplaren Laubbäume, die 20 verschiedenen Baumarten zugehören. Mit einem einem Laubholzanteil von 95 Prozent hoffen die Fachleute, auch für den Klimawandel besser gewappnet zu sein.

Auch an Bildungsaspekte ist gedacht

Ferner werden etwa 3000 Sträucher für den Bewuchs der ehemaligen Kiesgrube sorgen. In der Anfangszeit werden Teile des Areals noch mit Schutzzäunen gegen Wildverbiss ausgestattet, die dann später wieder entfernt werden. Auf Wunsch der Stadt Radolfzell wird in dem Bereich auch ein Arboretum – also eine Sammlung von verschiedenartigen, oftmals exotischen Gehölzen – angelegt, dessen Bäume mit Informationstafeln ausgestattet sind. Für die Besucher wird nicht nur der Bewuchs eine Besonderheit darstellen, sondern auch die Wiederherstellung des ursprünglichen Landschaftsverlaufs. Dort, wo jahrzehntelang ein Loch im Gelände klaffte, befindet sich nun eher ein Hügel.

Tiere erhalten einen Lebensraum

Ökologisch wertvoll wird die ehemalige Kiesgrube zudem, indem man bestimmte Bereiche in Teilen belässt, um seltenen Pflanzen und Tieren einen Lebensraum zu bieten. So wird es unter anderem flache und junge Gewässer geben, die Tieren wie der Gelbbauchunke, Laub- und Springfröschen eine Heimat bieten können.

Wie wertvoll bestehende und ehemalige Kiesgruben für viele Pflanzen und Tiere sein können, haben Forscher und Naturschützer schon lange erkannt. „Dort leben teilweise seltene Arten. Uns fehlen in der zersiedelten Landschaft solche Rückzugsorte“, bemerkte dazu Thomas Körner, Geschäftsführer des Naturschutzbundes (NABU) Donau-Bodensee. Seine Organisation arbeitet nicht zuletzt aus diesem Grund seit Jahren mit dem Industrieverband Steine und Erden im Land Baden-Württemberg zusammen.

Eine zusätzliche Überwachung des Vorhabens findet in Form einer fachlichen Begleitung statt, die über einen Umweltfond finanziert wird. Nach der Fertigstellung der Rekultivierung geht das Gelände wieder in die Obhut der Stadt und des Forstes über. Für OB Martin Staab ist schon jetzt klar, dass der Rückbau ein Erfolg werden wird: „Hier entsteht etwas Besonderes“, sagte er bei dem Termin mit den Beteiligten.