Um nicht mit dem Negativen anfangen zu müssen, soll an dieser Stelle das Beste am Schmutzigen Dunschtig 2021 erwähnt werden: das Wetter. Noch besser hätte es nur sein können, wenn es heftigen Schneeregen gegeben hätte.

Thomas „Stecke“ Uhl stellt seinen eigenen Narrenbaum, quasi im Wohnzimmer. Die Fasnacht soll ja dehom gefeiert werden.
Thomas „Stecke“ Uhl stellt seinen eigenen Narrenbaum, quasi im Wohnzimmer. Die Fasnacht soll ja dehom gefeiert werden. | Bild: Nico Talenta

Doch die extreme Kälte hilft auch schon darüber hinweg, dass man diesen Hochtag aller Narren nicht auf der Gass‘, sondern daheim verbringen soll. Die kleppernden Finger würden nach wenigen Minuten schon vor Kälte schmerzen, die Leiden der in Radolfzell zahlreichen Blechblasmusiker, die sich bei Minusgraden ein Stück Metall ins Gesicht halten müssen, möchte man sich lieber erst gar nicht vorstellen.

Aus dieser Perspektive lässt es sich tatsächlich sagen: Gut, dass alle daheim bleiben.

Willy Cierpinsky, ehemaliger Froschen-Präsident, kleppert in der Radolfzeller Innenstadt.
Willy Cierpinsky, ehemaliger Froschen-Präsident, kleppert in der Radolfzeller Innenstadt. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Nur zu Hause rumsitzen ist für einen echten Narr natürlich bei egal welchem Wetter und Pandemie-Lage nicht möglich. Doch muss er sich auch an diesem Tag anpassen. Der gemeine Radolfzeller Fasnachter geht spazieren, mit der Gattin, dem Gatten, den Kindern, alles corona-konform. Im Vorbeigehen durch die Gassen der Altstadt werden sich Klepperle-Verse zugerufen.

Video: Nico Talenta

Kleppern ist noch erlaubt

Narrizella-Narrenrat Hansjörg Blender wurde im Lockdown von der Muse geküsst und hat spontan neue Verse gedichtet, die er mit zwei Metern Abstand zum Besten gibt: „Ein bisschen Fasnet, des darf gar nicht sein, sagt die Stadt. Wir schränken Eure Narrenfreiheit ein, sagt die Stadt. Do ka die Bolizei sage was se will, jo jo wir Narre sind it still“, gesungen auf die Melodie des Schlagers „Das bisschen Haushalt...“.

Video: Anna-Maria Schneider

Blender spricht damit vielen Narren aus dem Herzen, die zwischen Pandemie-Bestimmungen und Komplett-Verbot der Stadt Radolfzell stehen. Dass die Holzhauer, anders als in bestimmten Nachbargemeinden, ausdrücklich keinen Narrenbaum stellen durften, nimmt Blender mit Humor. „Wir waren die Schnellsten dieses Jahr, denn unser Baum steht schon lange“, sagt er.

In der Radolfzeller Innenstadt ist am Schmutzige Dunschdif in diesem Jahr nichts los. Der Marktplatz um den Narrenwunschbaum ist wie leergefegt.
In der Radolfzeller Innenstadt ist am Schmutzige Dunschdif in diesem Jahr nichts los. Der Marktplatz um den Narrenwunschbaum ist wie leergefegt. | Bild: Nico Talenta

Die Tanne auf dem Marktplatz muss in diesem Jahr viele Funktionen erfüllen: Christbaum, Narren-Wunschbaum, Ersatz-Narrenbaum. Die Holzhauer mussten ihren Plan des heimlichen Baumstellens begraben. Mit einer Tafel und einem Gedicht von Bruno Epple am Narrenbaumloch vertrösten sie auf nächstes Jahr. Glück für den bereits ausgesuchten Baum im Altbohl, noch ein Jahr darf er dort stehen und wachsen.

Die Radolfzeller Innenstadt ist am Schmutzige Dunschdig in diesem Jahr wie leergefegt. Einsam steht die Grußtafel der Holzhauergilde auf dem Marktplatz.
Die Radolfzeller Innenstadt ist am Schmutzige Dunschdig in diesem Jahr wie leergefegt. Einsam steht die Grußtafel der Holzhauergilde auf dem Marktplatz. | Bild: Nico Talenta

Doch auch ohne offiziellem Narrenbaum und Bändel hat sich Radolfzell für diesen Tag rausgeputzt. Zu allerlei Festerei verleitende Lumpen-Girlanden sind auf Geheiß des Rathauses nicht angebracht worden, doch an vielen Häusern hängen Fahnen und Bilder, die Schaufenster sind dekoriert und hier und da ertönt aus einem Hauseingang sogar etwas Musik.

Machen es sich bei Eierlikör im Schaufenster gemütlich: der Schlegele Beck (rechts) und einer seiner Höllteufe.
Machen es sich bei Eierlikör im Schaufenster gemütlich: der Schlegele Beck (rechts) und einer seiner Höllteufe. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Omnipräsent an diesem Tag ist ohne Frage der Schlegele-Beck, der in mehrfacher Ausführung in der Stadt erscheint. Einmal winkt er von der Treppe vor dem Pfarrhaus herunter, dann begießt er zusammen mit einem seiner Höllteufel in einem Schaufenster seinen Geburtstag mit Eierlikör. Drin ist drin, ob Schaufenster oder Wohnzimmer.

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Auf das Verbots-Schreiben der Stadtverwaltung hat die Narrizella auf ihre ganz eigene Art reagiert. Wer mit der Politik nicht einverstanden ist, soll sich doch selbst daran versuchen. Die eigentlich sonst übliche Machtübernahme im Rathaus ist – dieses Mal von Seiten der Narren – ebenfalls abgesagt worden. Mit der RFP, der Radolfzeller Fasnets-Partei, startet die Narrizella in den Wahlkampf zur Oberbürgermeisterwahl in Radolfzell.

Verlegung der Machtübernahme auf die OB-Wahl im Herbst. Narrizella-Zunftpräsident Martin Schäuble an der Wahlurne vor dem Radolfzeller Rathaus.
Verlegung der Machtübernahme auf die OB-Wahl im Herbst. Narrizella-Zunftpräsident Martin Schäuble an der Wahlurne vor dem Radolfzeller Rathaus. | Bild: Jarausch, Gerald

Diese soll im Oktober stattfinden, genug Zeit für die Narrizella, die Machtübernahme genau zu planen. Die Wahlzettel liegen vor dem Rathaus aus, der geneigte Wähler bekommt eine große Auswahl an Kandidaten und Themen. Etwas, wofür sich der zukünftige närrische OB einsetzen könnte, wäre eine garantierte Fasnacht, jedes Jahr. Das klingt doch nach einem vernünftigen Wahlargument.