Schwerstkranke Personen bis an ihr Lebensende zu begleiten, wird von vielen Angehörigen als eine intensive, aber auch kraftzehrende Zeit erlebt. Manche Patienten und Familien empfinden es als wohltuend, die Begleitung eines Hospizmitarbeiters in Anspruch zu nehmen. Trotz der aktuellen Beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie sind die ehrenamtlichen Hospiz- und Trauerbegleiter weiterhin im Einsatz und stehen schwerkranken und sterbenden Personen und ihren Angehörigen bei.

Vor über 25 Jahren hat der Hospizverein Radolfzell, Höri, Stockach und Umgebung seine Arbeit aufgenommen. Die Begleitung der Hospizmitarbeiter wurde von vielen Menschen in Anspruch genommen und geschätzt, berichtet die Vorsitzende Helene Haas. Seit November gingen allerdings erstmals sehr wenig Anfragen ein. „Wir vermuten, die Hemmschwelle, auf uns zuzugehen, ist aufgrund der aktuellen Beschränkungen sehr groß“, sagt sie. Eventuell seien einige Betroffene sich nicht sicher, ob der Hospizverein seine Dienste weiterhin anbiete. „Wir möchten versichern, dass wir da sind“, betont Haas.

Anne Overlack erzählt von ihrer ersten Begleitung

Auch personell ist der Hospizverein gut aufgestellt. Im Sommer haben elf neue ehrenamtliche Mitarbeiter eine Schulung abgelegt, die sich über mehrere Monate erstreckt hat. Die Autorin Anne Overlack ist eine von ihnen. Ihre erste Begleitung einer jungen Frau sei „kurz und intensiv“ gewesen. „Ich denke, unsere Begegnung war für beide Seiten ein Gewinn“, erzählt sie.

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Wünscht ein Kranker oder eine Familie die Unterstützung des Hospizvereins, dann findet zunächst ein Gespräch mit einer Koordinatorin statt. Sie überlegt, wer zu diesem Patienten und dessen Familie passen könnte. „Die Koordinatorin hat wirklich gut ausgewählt“, findet Overlack. „Wir waren gleich auf einer Wellenlänge.“ Die Motivation, sich mit dem Tod zu beschäftigen, rühre aus ihrer eigenen Lebensgeschichte, erzählt die Autorin weiter. Sie habe ihren Vater verloren, konnte vor seinem Tod aber Zeit mit ihm verbringen und dann gut Abschied nehmen.

Der Ablauf und die Möglichkeiten

Die Rahmenbedingungen so gut wie möglich zu gestalten, um sich in Ruhe verabschieden zu können, findet sie für alle Beteiligten sehr wichtig. „Als Hospizbegleiter ist man natürlich in der Regel nicht die wichtigste Person“, erklärt sie. „Das bleiben die Angehörigen.“ Aber man könne für Entlastung sorgen. Einen Schwerstkranken zu Hause zu pflegen, erfordere in vielen Fällen eine Betreuung rund um die Uhr. Hospizmitarbeiter übernehmen zwar keine pflegenden Tätigkeiten, aber sie können Zeit mit dem Kranken verbringen. Währenddessen kann der Betreuende etwas für sich tun, zum Beispiel einen Spaziergang machen. Durch ihre Ausbildung sind Hospizmitarbeitern die Abläufe häuslicher Pflege bekannt. „Uns muss man nicht jedes Detail erklären, wir finden uns zurecht“, erzählt Overlack weiter.

Vor allem empfänden Hospizarbeiter keine Scheu davor, Sterbende zu treffen. „Für uns gibt es keine Hemmschwelle vor dem Tod“, erklärt Annemarie Welte vom Vorstand des Hospizvereins. Insofern unterscheide sich die Hilfe eines Hospizmitarbeiters von der Unterstützung, die Familien durch Freunde und Verwandte erfahren, die durch die Situation meist auch emotional belastet sind.

Und was ist mit Corona?

Trotz allem kann die Bindung einer Familie zu einem Hospizmitarbeiter enger werden, wenn die Familie das möchte. Anne Overlack war nicht dabei, als die junge Frau, die sie betreut hat, verstarb. Doch einen Tag danach erzählte deren Mutter ihr in einem langen Gespräch von den letzten intensiven Stunden mit ihrer Tochter. „Es war schön, zu sehen, wie es dieser Familie geglückt ist, die junge Frau bestens zu begleiten“, sagt Overlack.

Sie selbst habe die Zeit und den Umgang mit der Familie, auch während der Pandemie, als sehr frei und offen erlebt. „Corona hat keine Rolle gespielt“, so Overlack. Sicherlich würden die Hygienemaßnahmen wichtig genommen und mit der Familie abgesprochen. Doch ein einfühlsamer und achtsamer Umgang mit den Betreuten, ob zu Hause oder im Pflegeheim, sei für Hospizbegleiter, auch unabhängig von Corona, stets oberstes Gebot.

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Trauerprozesse durch Corona-Beschränkungen schwieriger

Was die Hospizmitarbeiter aktuell sehr bedauern, ist, dass viele Menschen während der Pandemie einsam gestorben sind. „Niemand sollte allein sterben müssen. Das ist eigentlich ein Angebot, das wir allen Sterbenden machen möchten“, sagt Helene Haas. Dass Familien darunter leiden, wenn sie keinen Abschied von ihren Angehörigen nehmen können, zeige die steigende Anzahl von Anmeldungen zu Trauergesprächen, berichtet Annemarie Welte. „Die Bewältigung der Trauerprozesse wird durch die Corona-Beschränkungen viel schwieriger“, so Welte, die viele Jahre als Klinikseelsorgerin tätig war.

Zudem empfinden die Hospizmitarbeiterinnen, dass die Angst vor dem Tod steigt, seitdem in den Medien täglich über die Pandemie und Todeszahlen berichtet wird. „Die Angst vor dem Sterben geistert überall herum“, sagt Haas und Anne Overlack ergänzt: „Die Gesellschaft ist mit dem Sterben überfordert.“ Der Hospizverein stehe dem Tod anders gegenüber. Er betrachte das Sterben als einen Teil des Lebens. „Wir wollen den Tod ins Leben einbinden“, so Haas.