Mit einem künstlerischen Zeichen hat die Veranstaltungsbranche auf ihre schwierige, durch die Corona-Krise und die Lockdown-Notstandsmaßnahmen hervorgerufene Lage aufmerksam gemacht. In Deutschland und vereinzelt auch in anderen europäischen Ländern wurden in der Nacht von Montag auf Dienstag, 22. auf 23. Juni, insgesamt 9115 Gebäude rot angestrahlt. Auch Radolfzell hat sich der Aktion „Night of Light“ angeschlossen. Das Milchwerk, das Kletterwerk und das Seemaxx erstrahlten am Montag ab 22 Uhr in rotem Licht in der wolkenlosen Nacht.

Mit zwölf Flutern und sechs LED-Strahlern beleuchtet, war das Kletterwerk zwischen den beiden anderen Gebäuden wie eine immense Theaterkulisse ganzflächig in intensives Rot getaucht. Florian Linke, Geschäftsführer von HRK Event, hatte die Idee, auch am Kletterwerk dieses Zeichen für die finanziell bedrohliche Lage von Veranstaltern und Veranstaltungsorten zu setzen. Christopher Kasa von M+C Veranstaltungstechnik sagte Unterstützung zu und stellte die Technik für die Beleuchtung zur Verfügung.

Ab Ende Oktober wird es kritisch

Die Organisation von Veranstaltungen betreibt Florian Linke nebenberuflich. „Insofern ist die Situation nicht existenzgefährdend für mich, obwohl ich auch in meinem Beruf im Außendienst für Versicherungen zeitweise nicht arbeiten konnte“, erklärt er. Doch für sein junges Veranstaltungsunternehmen sieht es düster aus. „Ende Oktober ist das Firmenkonto leer“, prognostiziert der Geschäftsführer.

Diese Einschätzung deckt sich offenbar mit der Lage vieler Veranstalter. Auf der Internetseite der „Night of Light“ ist zu lesen: „Die nächsten 100 Tage übersteht die Veranstaltungswirtschaft nicht!“ Bis vorerst 31. August sind Veranstaltungen bis zu 100 Personen erlaubt, allerdings unter der Voraussetzung, dass jede Person einen Sitzplatz hat.

Dramatisch wie eine Theaterkulisse: Flutlicht lässt das Kletterwerk rot erstrahlen. In der Night of Light, in der bundesweit Gebäude rot beleuchtet werden, will die Veranstaltungsbranche auf ihre schwierige Situation aufgrund der Corona-Krise aufmerksam machen.
Dramatisch wie eine Theaterkulisse: Flutlicht lässt das Kletterwerk rot erstrahlen. In der Night of Light, in der bundesweit Gebäude rot beleuchtet werden, will die Veranstaltungsbranche auf ihre schwierige Situation aufgrund der Corona-Krise aufmerksam machen. | Bild: Natalie Reiser

Das Unternehmen HRK Event organisiert Tanzveranstaltungen in Clubs, in Radolfzell in der Regel jährlich zwei Partys mit 250 bis 300 Besuchern im Bokle, aber auch Musikfeste unter freiem Himmel. Auch die Konzeption der Party auf der Bodenseefähre geht auf sein Konto. „All diese Veranstaltungen können wir unter den aktuellen Vorgaben nicht durchführen“, erklärt Geronimo Frick, der ebenfalls für HRK Event arbeitet. Ihre Saison gehe von Frühling bis zum Herbstanfang, erläutert Florian Linke weiter: „Damit fällt für uns eigentlich ein ganzes Jahr aus.“

Wann es weitergeht, ist für die Veranstalter bislang nicht klar. Und selbst wenn ein Datum feststehe, werde es eine Weile dauern, bis die ersten Veranstaltungen wieder starten könnten, fährt Frick fort. Für jede Veranstaltung muss eine Konzeption erarbeitet werden. An der Durchführung sind mehrere Berufe beteiligt: Foto- und Videokünstler, Lichttechniker, Grafiker und Webdesigner, Dekorateure.

Auch in rot getaucht: Florian Linke und Geronimo Frick (von links) von HRK Event hatten die Idee, auch in Radolfzell ein Zeichen für die prekäre Situation von Veranstaltern zu setzen.
Auch in rot getaucht: Florian Linke und Geronimo Frick (von links) von HRK Event hatten die Idee, auch in Radolfzell ein Zeichen für die prekäre Situation von Veranstaltern zu setzen. | Bild: Natalie Reiser

Des Weiteren muss Musiktechnik geliehen, müssen Künstler und Hotels gebucht und Reisen organisiert werden. HRK arbeitet mit festen Partnern aus der Region und kann so den vollen Service für eine Veranstaltung leisten.

„Die Zusammenarbeit macht unseren Job sehr vielseitig und interessant“, findet Geronimo Frick von HRK Event. Doch gerade darin liege auch das Problem der Veranstaltungsbranche in der aktuellen Krise begründet. Weil die Branche so heterogen ist, hat sie keine zentrale Lobby. Deshalb verfolgen die Initiatoren der „Night of Light“ das Ziel, mit der Politik im Rahmen eines Branchendialogs ins Gespräch zu kommen, um nach Lösungen zu suchen, wie die Veranstaltungswirtschaft vor einer massiven Insolvenzwelle gerettet werden könne. Die rot angestrahlten Gebäude seien ein stilles Zeichen für etwas, das unser Leben bereichere: Kultur und Gemeinschaft.