Während sich Radolfzell auf die Heimattage 2021 vorbereitet, verschwinden für Liggeringen zwei markante Bauwerke im Ortskern unwiederbringlich: eine barocke, mächtige und wahrscheinlich 1786 gebaute Doppelscheune mit Sichtfachwerk und der dazugehörige ehemalige Konstanzer Spitalhof.

Am Kreuzungspunkt der drei Straßen von Radolfzell nach Bodman (Dettelbachtal) und Allensbach (Langenrain) positionierte sich die höher liegende, mächtige Hofanlage eindrücklich für jeden Ankommenden. Zusammen mit der benachbarten St.-Georgs-Kirche bildet sie das Herzstück von Außen-, Ober- und Unterdorf und das Wahrzeichen des alten Bodanrück-Dorfes Liggeringen.

Der Kellhof war wohl die Keimzelle des Dorfes

Die Lage lässt vermuten, dass sich hier, neben der bis in das Hochmittelalter zurückreichenden Burgkirche St. Georg, die Keimzelle des Dorfes befunden hat, nämlich der Kellhof.

Im alten Katasterplan lässt sich diese strategische Lage der Anlage gut ablesen. Zwischen der Burgkirche (Nr. 1) und dem Kellhof (Spitalscheune Nr. 2 und Spitalhof Nr. 3) schlängelt sich der „Gässelebach“ durch eine kleine Schlucht und konnte vermutlich gestaut werden, was auf eine kleine Mühle im Bereich der heutigen Bushaltestelle und des Dorfbrunnens deuten könnte, weshalb der alte Bachverlauf etwas abknickt.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Bach dann direkt unter der Straße hindurchgeführt. Wer diese erhöhte, im Kataster fast ovale Anlage besaß, kontrollierte die wichtige Wegkreuzung.

Das könnte Sie auch interessieren

Bereits zur Römerzeit scheint hier eine Straße vorbeigeführt zu haben, denn man fand im 17. Jahrhundert am unteren Ende des Dettelbachtales eine römische Villa. Diese Kernanlage besitzt eine markante, mittige Grenzlinie, was darauf hinweist, dass die gesamte Fläche einst zusammengehörte.

Geschichte des Ortes reicht bis ins Mittelalter zurück

Im Kataster von 1877 ist die Osthälfte noch zusammenhängend, während die Westhälfte schon durch Verkäufe und Erbteilungen auf fünf Parzellen verteilt ist. Im Jahr 1388 erwarb das Konstanzer Heilig Geist Spital den einstigen bischöflichen Zehnthof, welches es dann im Jahr 1508 mit dem Kellhof und dem Tengenhof zu einem Besitz arrondierte und deren Zehnten bis 1839 eingezogen wurden.

Der noch erhaltene „Konstanzer Spitalhof“ besitzt einen älteren Kernbau, von dem der alte Keller erhalten geblieben ist. Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Hof zusammen mit der Doppelscheune in Sichtfachwerk aufgebaut. Der Dachstuhl wurde als liegende Konstruktion errichtet.

Herrschaftliche Stube für repräsentative Zwecke

Zu den Besonderheiten zählt die südöstlich ausgerichtete Stube im Erdgeschoss, die größer als normale Wohnstuben ist und wohl repräsentative Zwecke erfüllte. In ihr übten über Generationen die Verwalter (die sogenannten Maier) ihr Amt aus. Sie ist vollkommen mit Holz vertäfelt und die Deckenbalken sind auf Sicht gehalten. Eine Rarität ist die komplett erhaltene, spätere Ausmalung um 1920 mit einer Holzmaserierung, das heißt, man hat mit einer Bierlasur die gewünschte Holzoberfläche aufgemalt.

Aus der gleichen Zeit dürfte der noch erhaltene Kachelofen mit einer Schmuckkachel „Ernteszene“ stammen. Wohl um 1840 kam es zu einer Erbteilung und an die nördliche Hälfte der Scheune wurde ein nicht erhaltenswertes und inzwischen abgebrochenes Wohnhaus angebaut.

Solche Bauten machen Orte

Ein Verlust hingegen bedeutet vor allem aus Sicht von Historikern und aus städtebaulicher Sicht der gerade vollzogene Abbruch der mächtigen Doppelscheune, denn für sie machen solche Bauten Orte. Auch für das Liggeringer Ortsbild gilt das Verschwinden des Spitalhofes als Verlust. Der Ort hat nicht zuletzt durch den Fliegerangriff 1943 viele attraktive Bauwerke eingebüßt. Anders als der Torkel von Liggeringen oder auch zwei jüngst sanierte Bauernhäuser am Ortsende von Güttingen ist die Doppelscheune nun verschwunden.