Die Zahl der Frauen, die häusliche Gewalt erleben, steigt jährlich. Das zeigen Polizeistatistiken. Eva Wernert von Terre des Femmes und Annette Oepen von der Diakonie organisieren in Radolfzell zum „Tag der Gewalt gegen Frauen“ am 25. November eine Aktion, die betroffenen Frauen Wege aus der Gewalt aufzeigen und ihnen Mut machen soll, Hilfe zu suchen. Im Gespräch mit Pfarrer Heinz Vogel, Leiter der Seelsorgeeinheit St. Radolt, und Diakonin Petra Ehrminger von der Christuskirche, überlegten sie, wie die Kirchen dazu beitragen könnten, das Thema stärker in die Öffentlichkeit zu tragen und Lösungen anzubieten.

Und so sieht das Plakat zur Aktion aus, ebenfalls in Stadtbussen zu sehen. Pfarrer Heinz Vogel (vonl links), Eva Wernert (Terre des Femmes), Diakonin Petra Ehrminger und Annette Oepen (Diakonie).
Und so sieht das Plakat zur Aktion aus, ebenfalls in Stadtbussen zu sehen. Pfarrer Heinz Vogel (vonl links), Eva Wernert (Terre des Femmes), Diakonin Petra Ehrminger und Annette Oepen (Diakonie). | Bild: Natalie Reiser

141.000 Opfer von Partnerschaftsgewalt

Laut einer bundesweiten Studie aus dem Jahr 2012 wird jede dritte Frau in ihren eigenen vier Wänden mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von psychischer oder körperlicher Gewalt. 2019 gab es laut Statistik mehr als 141.000 Opfer von vollendeten und versuchten Delikten der Partnerschaftsgewalt, wie diese genannt werden. Das waren 0,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. 117 Frauen wurden von ihrem Partner getötet. Auch im Radolfzeller Frauenhaus ist die Situation angespannt. Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr suchten dort vermehrt Frauen Zuflucht, berichtet Annette Oepen. Sie vermutet, dass die Nachfrage so groß war, weil Corona familienintern zu Stress und damit Gewalt führen kann und Frauen aber auch keine Möglichkeiten haben, zu fliehen, wenn ihr Partner zu Hause ist. An der Diakonie in der Tegginger Straße und in diesem Jahr zum ersten Mal auch am Pfarrhaus am Marktplatz hängen Fahnen mit der Aufschrift „Frei leben ohne Gewalt“.

Frauenhaus nimmt auch Kinder mit auf

Bevor Hilfe suchende Frauen, von denen einige mit ihren Kindern kommen, in der Wohngemeinschaft des Frauenhauses untergebracht werden können, müssen sie einen Corona-Test absolvieren. Bis das Ergebnis vorliegt, wäre es wichtig, sie in einer Quarantäne-Wohnung aufnehmen zu können, sagt Oepen. Bislang sei jedoch noch keine Wohnung gefunden worden. „Eine schwierige Situation“, erklärt sie. Obwohl Frauenhäuser in den vergangenen Jahren immer wieder an ihre Belastungsgrenze gestoßen sind, handelt es sich bei den gemeldeten Straftaten wohl nur um die Spitze eines Eisbergs. Laut Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts, ist die Dunkelziffer erheblich. „Das Thema ist nach wie vor schambesetzt“, weiß Eva Wernert.

Eindrücke aus täglicher Arbeit

Frauen ertrügen Erniedrigungen aus verschiedenen Gründen: aufgrund ihrer Erziehung, aus Angst vor weiterer Gewalt, aus Angst vor den Konsequenzen einer Trennung. Pfarrer Vogel und Diakonin Ehrminger erzählen, wie sie in ihrer Arbeit auch Gewalt gegen Frauen konfrontiert werden. „In Trauergesprächen habe ich von Frauen erfahren, wie erlöst sie nach dem Tod ihres Mannes waren“, erzählt Vogel. Auch bei der Beichte hätten Männer eingestanden, ihre Frauen schlecht behandelt zu haben. Manchmal trete das Thema in den Kindertageseinrichtungen und in der Jugendarbeit auf. In Einzelsituationen konnte geholfen werden, berichten die Geistlichen. Doch sie stellten auch kritische Fragen, wie: „Erreichen wir tatsächlich die Betroffenen oder lehnen wir uns mit Blick auf spezialisierte Hilfsangebote zu sehr zurück?“

Diese Stellen würden Geistliche in einer Predigt wählen

Für eine Predigt würde sie eine ihrer Lieblingsstellen aus dem Johannesevangelium, Kapitel vier, wählen, sagt Petra Ehrminger: Jesus spricht eine samaritische Ehebrecherin an, obwohl Juden Samariter verachteten, und erzählt ihr vom Wasser des Lebens. Pfarrer Heinz Vogel würde auf die Schöpfungserzählungen verweisen, in denen Mann und Frau gleichermaßen in der Ebenbildlichkeit Gottes erschaffen wurden.