„Was macht den Wert eines Menschen aus?“ – Um diese Kernfrage dreht sich das Stück „Die Verspätung“ von Wolfgang Hildesheimer, das Waltraud Rasch in der Zeller Kultur inszeniert. Die Entwicklungen in einem kleinen Bergdorf nehmen zunehmend abwegigere Züge an. Liebhaber des Absurden kommen auf ihre Kosten. Am ersten Wochenende der Aufführung ernteten die Schauspieler der Theatertruppe Ra-Runzel viel Applaus.

Hildesheimers Stück ist als Kammerspiel angelegt: Handlung und Dialoge finden in einer Wirtschaft statt. Das Interieur ist rustikal: Hinter dem Tresen steht ein Regal mit allerlei Spirituosen, weiß-blau-karierte Tischdecken liegen auf den Holztischen. An den Wänden hängen trübe Landschaftsbilder.

Philosophie in der Bergdorf-Schänke

Tief und traurig erklingt die Melodie „Guter Mond, du stehst so stille“ auf der Bassklarinette, bevor die Protagonisten die Bühne betreten. Und diese Melodie, die während des Stücks immer wieder leise angespielt wird, bildet einen ruhigen, stets gleichmäßigen Gegenpart zu den Dialogen der Figuren, ihrem Streben nach Sinn und Glück, Erfolg und Scheitern.

Professor Scholz-Wabelhaus – von Ileana Förster so brillant gespielt, dass ihr der Geschlechtertausch nicht anzumerken ist – kommt in ein abgelegenes Dorf. Der Professor orientiert sich an der Zeit, die die Kirchturmuhr zeigt und verpasst den Zug. Denn die Uhr geht schon lange nicht mehr.

Bewunderung lässt sich nicht einfordern

In Wanderkleidung, mit Bart und Trachtenhut, versucht er die Gäste von der Wichtigkeit seiner Forschung zu überzeugen. Eine Katastrophe für die Wissenschaft werde sich anbahnen, wenn er nicht rechtzeitig zu seinem nächsten Vortrag kommt. Doch hier stößt er auf Menschen, an denen seine Forderung nach Bewunderung schlicht abperlt.

Sie verfolgen geradlinig ihr Ziel, egal, was um sie herum passiert. Freundlich und entschlossen, stets auf das Positive konzentriert. Dass ihr Dorf zusehends verfällt und die Bevölkerung abwandert, kümmert sie nicht.

Ileana Förster (r.) als Professor mit kühner wissenschaftlicher Theorie. Links Heidi Baumgärtner als Wirtin.
Ileana Förster (r.) als Professor mit kühner wissenschaftlicher Theorie. Links Heidi Baumgärtner als Wirtin. | Bild: Natalie Reiser

Die Lehrerin doziert weiter, auch wenn die Anzahl ihrer Schüler ständig abnimmt. Der Bürgermeister ist entschlossen, sich um die Geschicke der Bürger zu kümmern, bis das letzte Mütterchen mit schlohweißen Haaren das Dorf verlässt. Sie haben eine Rolle in der Gesellschaft übernommen. Zu ihr stehen sie unverbrüchlich.

Als die Wirtin, charmant gespielt von Heidi Baumgärtner, den Professor für ihr Kalbsfrikassee nach Gärtnerinnenart gewinnen kann, zeigt sich: Der Professor hat eine zutiefst menschliche Seite: Er isst und flirtet gerne. Währenddessen rollt der Zug ein – und fährt wieder ab. Als er seine verzweifelte Lage begreift, enthüllt er seine bislang streng gehütete Theorie: Die Menschheit stammt von einem Riesenvogel ab, dem Guricht. Während er den Vogel mimt, verpasst er auch den zweiten Zug.

Aufrichtig und authentisch zu sein ist wichtiger

Und schließlich fällt die Fassade in sich zusammen. Der Professor ist ein Dieb, dem Trinken verfallen: „Der Guricht. Ich habe ihn mir mit Mühe und Schweiß erdacht, ihn beschrieben, bestimmt, begründet, untermauert, ihn gezeichnet und gemalt und gemessen, mit Träumen gestopft, gemästet, aber es nützt nichts. Man wird es mir nicht abnehmen, ich habe alles verwirkt.“ Und so ist am Ende der Sargtischler demjenigen überlegen, der vorgab, ein Professor zu sein: Weil er aufrichtig und authentisch ist.

Hildesheimer wird zum zweiten Mal in der Zeller Kultur gespielt. Waltraud Rasch begründet: „Sein ganz spezieller Humor und Wortwitz hat es uns angetan.“ Der Abend war aber auch ein Erfolg, weil die fünf Schauspielerinnen, die gemeinsam 337 Lebensjahre auf die Bühne bringen, überzeugend agierten.

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