Während in vielen Vereinen die Aktivitäten durch die Corona-Pandemie brach liegen, erleben die Mitglieder des Filmclubs Singen-Radolfzell ausgerechnet zu ihrem 50. Jubiläum bewusst, wie wertvoll ihr Hobby ist, um sich auch in der Krise verwirklichen zu können. „Ein engagierter Filmer klagt nicht über Langeweile. Er bearbeitet Filme, die schon lange darauf warten, in Angriff genommen zu werden, er entdeckt mangels Reisemöglichkeiten in ferne Länder noch mehr Themen in der näheren Umgebung, hat plötzlich mehr Zeit und Ruhe, neue Ideen zu entwickeln und neue Filme zu gestalten“, wirbt der Vorsitzende Walter Reichhart um Nachwuchs für den rührigen Club, der mehr als 200 Filme im Jahr dreht und dabei auch die großen und kleinen Ereignisse in Stadt und Region in bewegten Bildern festhält.

Traurig sei man allerdings darüber, dass der Club in dieser Zeit seinen sozialen Auftrag nicht wahrnehmen könne, weil die gefragten Seniorenprogramme nicht möglich sind, beklagt Walter Reichhart. Seit 2016 bieten mehrere Clubmitglieder regelmäßig in sechs Pflegeheimen und Senioreneinrichtungen in der näheren Umgebung kostenlose einstündige Filmvorführungen an – mehr als 30 Veranstaltungen pro Jahr. „Das ist jedes Mal ein Highlight für die Bewohner. Die Begeisterungsrufe und die Dankbarkeit, die wir zurückbekommen, sind manchmal tief ergreifend“, erzählt der Vorsitzende. Seit 26 Jahre steht er an der Spitze des Clubs und wirkt gemeinsam mit seinem Vorgänger Robert Werra, Gründungsmitglied und Präsident bis heute, als Motor des Vereins.

Zuletzt haben die beiden Radolfzeller 2017 zur 750-Jahr-Feier der Stadt die 75. Deutschen Filmfestspiele ins Milchwerk geholt, die vom Landesverband der Filmautoren Baden-Württemberg ausgerichtet wurden. Über die Jahre war der Druck gewachsen, als einer der erfolgreichsten und engagiertesten Filmclubs im Land die Organisation dieser renommierten Veranstaltung zu übernehmen. Im gleichen Jahr wurde Robert Werras Film „Veränderungen einer Stadt“ als besondere Hommage zum Stadtjubiläum – zur großen Erfolgsgeschichte. Gleich sechsmal füllte der 105-minütige Streifen mit Ausschnitten aus rund 1000 filmischen Werken, für die Werra in den vergangenen vier Jahrzehnten allein in Radolfzell mit der Kamera unterwegs war, den Saal des Universum-Nostalgiekinos mit 180 Plätzen.

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Das bringt die nachhaltige Arbeit des Filmclubs auf den Punkt. „Wir dokumentieren ganz viel für die Stadt, bewahren Brauchtum und Zeitgeist und wollen eine Menge Freude schenken, indem wir das Jetzt für morgen sichern und festhalten, was morgen schon Geschichte ist“, erzählt Robert Werra. Walter Reichhart hakt hier ein: „Viele Menschen filmen heute mit Fotokameras und Handys. Die aufgezeichneten Clips werden oft nicht weiter bearbeitet, geraten nach einiger Zeit in Vergessenheit, die Chips gehen verloren oder die Daten sind nicht mehr lesbar. Die Leute werden einmal bitter traurig sein, wenn sie feststellen, dass sie auf vieles nicht mehr zurückgreifen können.“

Um wichtige Zeitereignisse nachhaltig zu dokumentieren, wie zum Beispiel das Heranwachsen der eigenen Kinder, bedürfe es handwerklich ordentlich gemachter Filme, macht er deutlich. Der Filmclub Singen-Radolfzell biete dazu an seinen Clubtreffen fachliche Hilfe und kreativen Austausch.

Ständige Anpassung an den technischen Fortschritt

Nicht ohne Stolz blicken die beiden Filmfreunde an der Vereinsspitze auf die erfolgreiche Clubarbeit über 50 Jahre hinweg. Normal 8, Super 8, Video VHS, Super VHS, High 8 und Digital – die vielen technischen Innovationen stellten immer neue Herausforderungen für die Clubber dar, denn es mussten die technische Ausstattung immer aktuell gehalten und Mitglieder auf neue Schnitttechniken geschult werden.

Auch Raumprobleme gab es mehrfach zu bewältigen. Doch mit den Clubräumen in der Hadwigstraße 19 in Singen habe man nun seit vielen Jahren optimale Bedingungen für Großprojektionen, um die der Club an seinen Filmabenden von anderen beneidet werde. Aktuell hat der Filmclub Singen-Radolfzell nur noch 36 Mitglieder, „aber alle sind als Filmer sehr aktiv“, wie Walter Reichhart bekräftigt. An den Clubabenden dienstags um 19.30 Uhr sind Interessierte immer willkommen: Derzeit finden Begegnungen und Austausch nur virtuell statt.