„Das Jahrhunderte alte Brauchtum der schwäbisch-alemannischen Fasnacht wäre nicht so bunt und lebendig, wenn es sich nicht durch vergleichsweise junge Zünfte wie die Stahringer Schoofwäscher stetig weiterentwickeln würde“, erklärte Professor Werner Mezger. Gleich zu Beginn seines Vortrags „Gesichter und Geschichte der schwäbisch-alemannischen Fastnacht“ verstand es Mezger, einen engen Bezug zu den rund 80 Zuhörern im Rathaus herzustellen.

Der Stahringer Ortschaftsrat freute sich, mit dem Vortrag zur Geschichte der Fasnacht das kulturelle Angebot erweitern zu können. Von links: Jürgen Aichelmann (Ortsvorsteher), Referent Werner Mezger, Susanne Siber (Ortschaftsrätin und Initiatorin verschiedener kultureller Veranstaltungen in Stahringen) sowie Reinhard Sauter (Vorsitzender der Schoofwäscherzunft).
Der Stahringer Ortschaftsrat freute sich, mit dem Vortrag zur Geschichte der Fasnacht das kulturelle Angebot erweitern zu können. Von links: Jürgen Aichelmann (Ortsvorsteher), Referent Werner Mezger, Susanne Siber (Ortschaftsrätin und Initiatorin verschiedener kultureller Veranstaltungen in Stahringen) sowie Reinhard Sauter (Vorsitzender der Schoofwäscherzunft). | Bild: Petra Reichle

Seine Verbundenheit zu Radolfzell geht weit über die Fasnacht hinaus: „Mich verbindet sehr viel mit Radolfzell und dem Bodensee – als Referendar habe ich einige Jahre in Radolfzell verbracht und komme immer wieder gerne zurück an den See“, erzählte der Professor. Heute ist der aus der traditionellen Narrenhochburg Rottweil stammende Germanist und Volkskundler international bekannt als führender Experte für die schwäbisch-alemannische Fasnacht. Anhand von historischen und aktuellen Bildern präsentierte Mezger in seinem Vortrag eine wissenschaftliche Betrachtung der Fasnachtsgeschichte, ihrer Gestalten, Attribute und unterhielt mit seiner launigen Darstellung der närrischen Bräuche.

Der Teufel ist eine der ältesten Fasnachtsfiguren

Werner Mezger spannte den Bogen von der Entstehung der Fasnacht im Mittelalter, ihrer Wandlungen in der Reformations- und Barockzeit bis hin zur romantischen Umgestaltung im 19. Jahrhundert und ihrer aktuellen Erscheinungsform. Mezger sieht in der Fasnacht ausdrücklich eine christliche Tradition. Denn entgegen landläufiger Meinungen sei sie kein heidnischer Brauch, sondern eng mit dem katholischen Glauben als ausgelassene Feierlichkeit vor der Fastenzeit, dem „Carnevale“ (Wegnehmen des Fleisches), verbunden. Aus der Leugnung Gottes seien zunächst Teufelslarven und später Narrenfiguren mit Eselsohren entstanden. Während der Teufel eine der ältesten Figuren der Fasnacht ist, wurde der Narr in den verschiedensten Ausprägungen zur zentralen Figur des Brauchs und ist es bis heute geblieben.

Holzmasken sind Teil der Jahrhunderte alten Fasnachtsgeschichte und Sinnbild für die unermessliche Vielfalt an Gesichtern der heutigen Fasnacht. Bei der Stahringer Schoofwäscherzunft ist die Holzmaske Teil des Häs der Wäscherinnen-Gruppe.
Holzmasken sind Teil der Jahrhunderte alten Fasnachtsgeschichte und Sinnbild für die unermessliche Vielfalt an Gesichtern der heutigen Fasnacht. Bei der Stahringer Schoofwäscherzunft ist die Holzmaske Teil des Häs der Wäscherinnen-Gruppe. | Bild: Petra Reichle

In der Fasnacht stecke auch ein Stück Vergänglichkeit, so der Professor. Die Nähe der Fasnacht zum Aschermittwoch sei ein Zeichen der „Nachbarschaft der Fasnacht zum Tod“.

Teil der Jahrhunderte alten Fasnachtsgeschichte sind auch die Larven, also die meist aus Holz gefertigten Masken, deren Entstehung und Entwicklung Mezger in seinem Vortrag besondere Bedeutung beimaß. Aus den ursprünglichen Glattlarven hätten sich viele Gesichter der heutigen Fasnacht entwickelt. So gehören auch bei den Stahringer Schoofwäschern die Holzmasken zum traditionellen Häs der Wäscherinnen.

Offenheit und Erneuerung machen die Fasnacht so bunt

„Die Fasnacht ist deswegen so bunt, weil man immer wieder über Grenzen hinweg geschaut und neue Elemente aufgenommen hat“, erläuterte Mezger. Dazu gehören auch unzählige regionale Besonderheiten, wie zum Beispiel das „Kleppern“. Auch bei den Schoofwäschern üben selbst die kleinsten Narren fleißig und das Preiskleppern ist genauso wie in Radolfzell fester Bestandteil der Fasnacht. Seit 2014 ist die schwäbisch-alemannische Fasnacht Teil des immateriellen Kulturerbes der Unesco. „Die Fasnacht ist unsere regionale Identität und ein unermessliches Kulturgut, das es zu bewahren gilt“, lautete das Fazit Werner Mezgers. So werden auch in diesem Jahr wieder Tausende Narren ins bunte Häs schlüpfen, es wird Narri-Narro gerufen, Narrenbäume werden gestellt und selbst kleinste Dörfer zu Narrenhochburgen werden. Getreu dem Motto aller Narren: „Jedem zur Freud' und niemand zu Leid“.