Kurz kommt ein klein wenig Hektik auf. Spontan verlässt Gardehuptmaa Daniel Hepfer nach einem Signal von Schnitzwiib Wolfgang Weidele den Tisch im Zunfthaus. Weidele hatte sich beinahe unbemerkt auf seinen mit dem weiß-roten Holzmützle bedeckten Kopf gezeigt. "Das ist ein offizieller Termin, ohne passende Kopfbedeckung hätte es teuer werden können", klärt Hepfer auf, der nach seiner Rückkehr ebenfalls die weiß-rote Narrenmütze trägt. Nach Dreikönig könnte dieses Malheur bis zu fünf Euro Strafe kosten, denn ab dann ist das Tragen der Kopfbedeckung in Radolfzell für die Garde Pflicht. Daniel Hepfer hatte Glück. Der Bestrafung durch seine Narren-Kollegen ist er gerade noch einmal entgangen.

Ohne Gewehr – kein Gardist

Ohnehin herrschen bei den Gardisten der Narrizella, den Begründern des Narrenspiegels bezüglich der Kleidung strenge Regeln. Ein Gardist ohne den roten Uniformrock, den schwarzen Tschako, die weißen Hosen und Handschuhe sowie den schwarzen Schuhen sei ein Ding der Unmöglichkeit, so Hepfer weiter. Das Gewehr darf bei einem Gardisten natürlich auch nicht fehlen. Aus Holz muss es sein, mit einem Schlauch versehen, in den exakt ein Viertele Wein passt, wie Hepfer verrät. Ohne Gewehr – kein Gardist. Mit der Zeit wurde der Schlauch aus Gründen der Hygenie durch ein Metalröhrchen ersetzt. An der Füllmenge hat sich nichts verändert: Nach wie vor passt ein Viertele Weißwein hinein. "Wobei wir uns ob der niedrigen Temperaturen der vergangenen Fasnetzeiten auch ab und an ein anderes erwärmendes Getränk gönnen", sagt Hepfer.

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Gegründet wurde die Narrengarde der Narrizella im Jahr 1933. Seit 2004 ist Daniel Hepfer dabei. Vor drei Jahren wurde der 33-Jährige zum Gardehuptmaa gewählt. 37 Gardisten gibt es derzeit in der Narrizella. Hinzukommen 30 Reservisten und 20 Altgardisten. Auch in der Rangfolge unterscheiden sich die Rollen: Neben dem klassischen Gardist, der nie ohne sein Gewehr zu sehen sein sollte, müssen die Offiziere kein Gewehr schultern. Dafür müssen sie ihre Rangabzeichen offen tragen. Ebenfalls ohne Gewehr, dafür mit Holzmützle versehen, sind die Kanoniere unterwegs. Wichtigstes Utensil: Die große Kanone, von der natürlich der Name stammt. Den Kanonieren obliegt es auch die Zunftfahne der Narrizella zu tragen. Als Gründer der Radolzeller Narrengarde gilt Bino Linder, der 1933 die Idee hatte eine Fasnet-Revue aufzuführen und dafür junge Zeller Narren um sich scharte – die Geburtsstunde der Narrengarde.

Der Henkelkorb ist ein Muss

Was für den Gardist sein Gewehr ist, ist für das Schnitzwiib der Henkelorb. Das Schnitzwiib gilt als eine der zentralen Fasnetfiguren der Narrizella und wird stets von den Schuelerbuebe begleitet. Eines dieser Schnitzwiiber ist Wolfgang Weidele. Der 72-Jährige ist seit 1967 in der Narrizella-Zunft, seit 1972 ist er ein Gardist, zu denen auch die Schnitzwiiber zählen. "Als wichtigstes Attribut tragen wir Schnitzwiiber einen Henkelkorb, der früher mit getrockneten Epfel-, Birre- und Zwetschgeschnitz gefüllt war", erzählt Weidele. Mittlerweile haben sich für die Kinder auch ein paar Guetzele und andere Süßigkeiten hinzugeschmuggelt. Aber ohne Apfelschnitz geht ein echtes Schnitzwiib auch heute noch nicht aus dem Hause.

Wolfgang Weidele ist ein Schnitzwiib. Zu den wichtigsten Utensilien seines Häs zählt der Henkelkorb. In diesem befinden sich die Epfelschnitz.
Wolfgang Weidele ist ein Schnitzwiib. Zu den wichtigsten Utensilien seines Häs zählt der Henkelkorb. In diesem befinden sich die Epfelschnitz. | Bild: Matthias Güntert

Ohnehin stellt die Tracht des Schnitzwiib die alte Tracht der Radolfzeller Bürgerfrau dar, mit schwarzer Radhaube, einem klein gemusterten Kattumkleid mit einfarbiger Schürze samt buntem Wiener- oder Türkentuch um die Schultern. Hinter den Schnitzwiiber-Larven, sprich den Drahtmasken, stecken ausschließlich Garde-Männer. Die Masken werden seit Jahren von Udo Biller in mühevoller Handarbeit hergestellt und bemalt. Biller malt auch die Kulissen für den Narrenspiegel.

Eine erzieherische Rolle

Sowohl Schnitzwiib als auch Schuelerbueb spielen in der Fasnet eine erzieherische Rolle. "Am Schmutzige Dunschtig befreien wir die Schüler und bringen ihnen die Fasnets- und Klepperlesprüche bei", sagt Weidele. Wer diese richtig und fehlerfrei aufsagen kann, bekommt zur Belohnung, wie sollte es anders sein, ein Schnitz oder Guetzele.

Fasnet ist ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft

Wolfgang Weidele und Daniel Hepfer sind sich sicher, dass der Brauchtum der Fasnet auch noch heute einen wichtigen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in Radolfzell darstellt. "Wir müssen aber schauen, dass wir die Tradition der Fasnet an unsere nachfolgenden Generationen weitergeben, nur dann können wir noch lange Spaß am Brauchtum in unseren Zünften und Gruppierungen haben", betont Hepfer.