Michael Blume weiß als Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung so einiges über das Thema. Und sein Wissen gab er im Friedrich-Hecker-Gymnasium in Radolfzell an die Schüler weiter. Vor etwa 150 Jugendlichen der Oberstufe stellte er seine Thesen zu der Frage vor, warum Antisemitismus nicht nur eine Gefahr für Juden, sondern für alle Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft darstelle.

Blume kam auf Einladung des Arbeitskreises Gedenken, in dem Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer mitwirken, nach Radolfzell. In der Vergangenheit wurden verschiedene Referenten eingeladen, die vor den Jugendlichen zu den Themen Holocaust, Pogromnacht und der deutschen Teilung und Wiedervereinigung sprachen.

Warum verschwindet Antisemitismus nicht?

„In diesem Jahr wollten wir das Thema einmal ganz grundsätzlich angehen und fragen, warum der Antisemitismus nie gänzlich verschwunden ist und immer wieder aufkommt“, erklärt die Lehrerin Susanne Kapp-Freudenberger. Die Schüler Nike Scheer und Felix Weidhase begrüßten den Landesbeauftragten und stellten seinen beruflichen Werdegang dar.

Film räumt mit Vorurteilen auf

Bevor Blume mit seinen Ausführungen begann, sahen die Schüler den preisgekrönten Film „Masel Tov Cocktail“ an, der aus der Sicht eines russisch-stämmigen jüdischen Jugendlichen gedreht ist. Dimitri Liebermann wird von einem Mitschüler als Jude beschimpft, früher wäre er qualvoll umgebracht worden, stellt dieser pantomimisch dar.

Dimitri wehrt sich. Bei der Schlägerei bricht er seinem Beleidiger die Nase. Dimitri spielt nicht das Opfer, er will aber auch nicht als aggressiver Jude gelten. Dieser Konflikt bildet die Rahmengeschichte des schnell und lebendig erzählten Films, der zeigt, mit Vorurteilen der jüdische Jugendliche in vielen verschiedenen Situationen des Alltags konfrontiert wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Immer wieder werden Zahlen eingeblendet: 69 Prozent der Deutschen glaubten, ihre Großväter seien im Deutschen Reich keine Täter gewesen, 29 Prozent gingen davon aus, ihre Großeltern hätten Juden geholfen. Tatsächlich Hilfe geleistet hätten aber weniger als 0,1 Prozent der Bevölkerung. 55 Prozent der Deutschen wollten einen Schlussstrich unter die Geschichte machen.

Man muss sich nicht schuldig fühlen, nur Verantwortung tragen

Der Film wähle „eine neue Art mit Erinnerung umzugehen“, meinte Blume. Er male nicht Schwarz und Weiß, sondern zeige Menschen mit ihren Widersprüchen. Seine Aufgabe als Antisemitismusbeauftragter bestehe auch nicht darin, ein schlechtes Gewissen zu machen.

Niemand von den Anwesenden müsse sich in Bezug auf das Dritte Reich schuldig fühlen. „Wir haben nicht Schuld geerbt, sondern Verantwortung“, so der Beauftragte.

Der Werdegang

Im Jahr 2015 leitete Blume die Mission „Sonderkontingent Nordirak“, bei der vom IS verschleppte und später befreite Jesidinnen nach Baden-Württemberg gebracht wurden. Während dieser Mission lernte er Iraker kennen, die meinten, der Krieg sei die Folge einer jüdischen Weltverschwörung. Die verfolgten Jesidinnen ferner seien verdächtigt worden, mit dem Teufel im Bund zu stehen.

Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung, spricht vor Schülern der Oberstufe des Friedrich-Hecker-Gymnasiums ...
Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung, spricht vor Schülern der Oberstufe des Friedrich-Hecker-Gymnasiums darüber, warum Antisemitismus sich zu einer Bedrohung für eine demokratische Gesellschaft auswirken könnte. | Bild: Natalie Reiser

Als Blume 2018 zum Antisemitismusbeauftragten Baden-Württembergs ernannt wurde, ging er unter anderem der Frage nach, was das Wort Antisemitismus bedeute. Sem, laut der Bibel einer der Söhne Noahs, sei, wie häufig angenommen, kein Begründer von Rassen oder Sprachen. Nach jüdischer Tradition habe er eine Schule gegründet, in der in Alphabetschrift unterrichtet wurde.

Toleranz und Bildung als Gefahr wahrgenommen

Blume spricht vom Judentum als der „Religion der Bildung“, in der das Lesen und Schreiben bereits lange vor Christus eine wesentliche Rolle spielte. Beim Bar-Mitzwa-Fest lesen Jungen und Mädchen (Bat Mitzwa) aus der Thora vor und werden danach als religiös mündige Mitglieder der Gemeinde empfangen.

Da Menschen nach dem Bilde Gottes erschaffen seien, werde im Judentum jedes menschliche Leben als schützenswert angesehen. Diese tolerante und der Bildung zugeneigte Religion sei im Laufe der Geschichte und bis heute als gefährliche Überhöhung wahrgenommen worden und löse Angst und Vorurteile aus.

Hass ist eine Gefahr für alle

Wie jede Verschwörung sei der Antisemitismus für alle gefährlich. Sobald eine Gruppe ausgetilgt sei, wende der Hass sich an die nächste Minderheit. So wie im dritten Reich nicht nur Juden, sondern mehrere Gruppen, etwa Sinti und Roma verfolgt wurden. Aktuelle Beispiele für Verschwörungstheorien seien in der Pandemie und bei Leugnern der Klimakrise zu beobachten.