Abgesagte Umzüge, keine Bälle, Narrenbaumstellen verboten – in diesem Jahr haben Narren auf alles verzichten müssen, was zu einer richtigen Fasnacht dazugehört. Ein Vergleich, der immer wieder gezogen wird, ist der zur Fasnacht 1991.

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Vor 30 Jahren war die Fasnacht, anders als in diesem Jahr, tatsächlich offiziell abgesagt worden. Grund dafür war der Beginn des 1. Golfkrieges im Nahen Osten. Der moralische Druck auf die Narren, sich mit der weltpolitischen Lage solidarisch zu zeigen, war so groß, dass die Zünfte in Radolfzell, den Ortsteilen und der Höri dem nachgaben und alle geplanten Veranstaltungen absagten.

Der junge Martin Schäuble (links) in der Besenwirtschaft der Narrenmusik.
Der junge Martin Schäuble (links) in der Besenwirtschaft der Narrenmusik. | Bild: Clemens Schäfle

Fragt man heute nach der Fasnacht 1991, so sind die Erinnerungen weniger wehmütig, traurig und enttäuscht als man erwarten würde. „Es war eigentlich eine richtig lustige Fasnacht“, sagt Narrizella-Präsident Martin Schäuble. Und eine völlig andere Situation für die Narren.

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Damals habe es keine Kontaktbeschränkungen gegeben, private Treffen seien erlaubt gewesen, nur die offiziellen Brauchtums-Veranstaltungen wie Narrentreffen und Umzüge habe man absagen müssen.

Für die Narrizella war diese Entscheidung, die am Abend des 20. Januar 1991 im Scheffelhof einstimmig getroffen wurde, besonders hart. Denn mehr als zwei Jahre hatte die Zunft ihr Jubiläumsnarrentreffen zum 150-jährigen Bestehen geplant.

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Alles war bereit, bestellt, organisiert und bezahlt. 5000 Narren aus der gesamten Region wurden in der Stadt erwartet, die Zunft war ordentlich in Vorkasse gegangen.

Solidarität hatte die Narrizella Ratoldi dann aus Singen erfahren. Die Poppele-Zunft kaufte die Hälfte aller Plaketten für das abgesagte Narrentreffen. Und die Bevölkerung unterstütze die Narren ebenfalls mit dem Kauf von Festschriften. Finanziell kam die Narrizella mit einem blauen Auge davon.

Musik durfte bei der privaten Fasnacht nicht fehlen. Bilder: Clemens Schäfle
Musik durfte bei der privaten Fasnacht nicht fehlen. Bilder: Clemens Schäfle | Bild: Clemens Schäfle

Als Dank für die im Vorfeld geleistete Arbeit, verteilte der damalige Präsident Lothar Rapp Jubiläumsorden an alle Beteiligten. In seiner Narrenschelte fragte er sich Anfang Februar 1991, ob die abgesagte Fasnacht nicht doch eine verfrühte Entscheidung gewesen war. Rückblickend blieb bei vielen Narren dieser Eindruck zurück.

Narren wollen sich die Fasnacht nicht verbieten lassen

„Das ist sicher ein Grund, warum wir uns auch in diesem Jahr die Fasnacht nicht verbieten lassen wollen, weil wir es bereits einmal zugelassen haben“, versucht Martin Schäuble die Gefühlslage zu erklären. Politische Konflikte habe es seitdem immer wieder gegeben, die Fasnacht habe man dennoch gefeiert.

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Das Feiern, damals wie heute, ist in den privaten Rahmen verschoben worden. Doch sah dieser 1991 völlig anders aus als aktuell während der Pandemie. „Es wurde jeder Raum genutzt, um zu feiern. Und die Wirtschaften und Kneipen hatten damals auch geöffnet. Das Feiern ist nicht ausgefallen“, erinnert sich Narrizella-Präsident Martin Schäuble.

Bild: Clemens Schäfle

Besondere Herausforderung: Ohne Mobiltelefone und Internet von den einzelnen Privat-Feten erfahren und sich verabreden, gleichzeitig habe man aufpassen müssen, nicht allzu sehr aufzufallen, wenn man abends von Party zu Party gegangen ist. „Aber es gab eigentlich keine Zwischenfälle“, sagt Schäuble. Das Tragen einer Verkleidung sei schließlich nicht untersagt gewesen, dennoch habe man damit nicht gesehen werden wollen.

Treffpunkt bei der Narrenmusik im Keller

Der wohl beliebteste Treffpunkt in diesen Tagen war die Besenwirtschaft der Narrenmusik im Keller des Schäfle-Hauses in der Schmidtengasse. Diese hatte bereits alles für das Narrentreffen vorbereitet und dachte nicht daran, all die Mühe vergebens auf sich genommen zu haben.

Der Keller im Schäfle-Haus wurde zur heimlichen Partyhochburg.
Der Keller im Schäfle-Haus wurde zur heimlichen Partyhochburg. | Bild: Clemens Schäfle

Im Fotoalbum von Clemens Schäfle, Mitglied der Narrenmusik, finden sich noch einige Erinnerungsfotos dieser Feiern. Dicht gedrängt standen die Gäste der Besenwirtschaft zusammen, in dem kleinen Raum wurde gemeinsam musiziert, gelacht und gefeiert.

Brauchtum nein, Party ja

Genau die Dinge, die 2021 strengstens verboten sind. Das Brauchtum habe zwar gefehlt, aber die Geselligkeit und Ausgelassenheit, die die Fasnacht schließlich auch ausmache, habe man sich damals nicht nehmen lassen, so Martin Schäuble.

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Ein Vergleich mit 1991 sei also nur bedingt möglich, so der Narrizella-Präsident. Doch eine Gemeinsamkeit gibt es doch: Auch vor 30 Jahren wurde kein richtiger Narrenbaum gestellt. Aktuell steht ein umfunktionierter Christbaum als Ersatz auf dem Marktplatz.

1991 haben die Schnooke-Vielharmoniker dem Ratoldus spontan einen kleinen Baum in die Hand gedrückt. Ganz ohne ging es eben doch nicht. Das Urteil über die abgesagte Fasnacht 1991 fiel im SÜDKURIER recht niederschmetternd aus: „Die Narren haben sich in eine mehr oder weniger freiwillig verpasste Zwangsjacke stecken lassen“ stand am 13. Februar 1991 im Lokalteil der Tageszeitung.