Alleine der Gedanke ist erschreckend: In großer Zahl wurden im nationalsozialistischen Deutschland Menschen im Zuge des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwangssterilisiert. Mit den Schwestern Anna, Josefine und Agnes Fetzer, denen Ende September in Radolfzell Stolpersteine gesetzt wurden, ereilte dieses Schicksal fast eine ganze Familie.

In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen

Geboren wurden die drei Frauen zwischen 1897 und 1910, wie Markus Wolter anhand von Dokumenten aus dem Stadtarchiv Radolfzell, dem Staatlichen Gesundheitsamt Konstanz, der Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz, dem Staatsarchiv Freiburg sowie Adress-, Einwohner- und Gemeinderatsprotokollbüchern herausfand. Demnach wuchsen sie als Töchter eines Arbeiters in ärmlichen Verhältnissen auf und lebten in den 1930er-Jahren in der städtischen Wohnbaracke im früheren Radolfzeller Mezgerwaid – „ein von der Stadt Radolfzell 1930 auf freiem Feld errichteter Flachbau mit sechs Wohneinheiten für sozial schwache Familien“, wie Markus Wolter erklärt.

Von ihren weiteren sechs Geschwistern starben drei bereits in früher Kindheit. Sowohl ihr Vater Matthias Fetzer als auch ihr Bruder Friedrich Fetzer wurden wegen „Geisteskrankheit“ in die Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz eingewiesen. Anna, Josefine und Agnes Fetzer galten als „angeboren schwachsinnig“ – ein Umstand, der ihr Schicksal schließlich besiegelte.

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Zunächst wurde Josefine zwangssterilisiert, ihre Schwestern folgten

Im Jahr 1934, nur kurz nach Inkrafttreten des sogenannten „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das unter den Nationalsozialisten verabschiedet wurde, um vermeintlich erbkranke Personen unfruchtbar zu machen, wurde zunächst die damals 23-jährige Josefine Fetzer in der Städtischen Frauenklinik Konstanz zwangssterilisiert. Wie Markus Wolter herausfand, soll der Radolfzeller NS-Bürgermeister Josef Jöhle nur wenige Jahre später, genauer 1937, auch die Zwangssterilisation von Anna Fetzer, und 1939 von Agnes Fetzer, die nach ihrer Hochzeit den Namen Agnes Zimmermann angenommen hatte, in die Wege geleitet haben.

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Angeordnet wurden die Eingriffe nach einem Antrag durch den damaligen Leiter des Konstanzer Gesundheitsamtes vom Erbgesundheitsgericht Konstanz und 1938 und 1939 im Krankenhaus Radolfzell durchgeführt. Wie sich später herausstellte, war Agnes zum Zeitpunkt des Eingriffes mit ihrem vierten Kind schwanger, das 1940 unmittelbar nach der Geburt an den Folgen einer „Nabelschnurverwicklung“ verstarb.

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Diffamierender Narrenspruch

Die Fetzer-Schwestern wohnten bis zu ihrem Lebensende – sie starben zwischen 1970 und 1991 – in Radolfzell. Ihre Stolpersteine wurden in der Ekkehardstraße im Mezgerwaid-Viertel angebracht. Bei der Setzung entschuldigte sich die Narrizella Radolfzell für den Narrenspruch „Fezer, Fezer Fine, alte Dreschmaschine, duesch etz d Händ weg“, der sich auf Josefine Fetzer bezieht.

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